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Der König der Lüfte
Auf rund 3.000 Metern erspürt Wolfgang Janowitsch, 57, im Segelflugzeug, wo Wolken die perfekte Thermik signalisieren und Greifvögel steigende Luftschichten anzeigen. Sein Gefühl für Luft hat den Niederösterreicher zum Doppelweltmeister und Vierfach-Europameister gemacht.
Majestätisch gleitet der 180.000 Euro teure Segelflieger des Typs „Ventus 3“ geräuschlos über die Berge. Der Tachometer zeigt 130 km/h an, würde der Flieger jetzt auf mehr als 3.000 Meter steigen, müsste die an Bord befindliche Sauerstoffflasche ausgepackt werden. „Wenn die Thermik optimal ist, trägt sie mich ohne Hilfe eines Antriebes Hunderte Kilometer weit“, verrät Wolfgang Janowitsch, 57. Vor ein paar Wochen flog er von Wiener Neustadt (NÖ) bis Stuttgart (D) fast 700 Kilometer, kein Problem mit seinem Fluggerät, das bei mehr als 15 Meter Spannweite nur 250 Kilo wiegt. „Meine ‚Ventus 3‘ ist sozusagen der Ferrari unter den Segelfliegern“, schmunzelt Janowitsch.

Auch diesem „Vogerl“ hat er es zu verdanken, dass er im vorigen Jahr in Tschechien zum zweiten Mal Weltmeister im Streckensegelflug wurde, zudem hat er vier Europameistertitel zu Buche stehen, wenn er sich in Dobersberg (NÖ) noch einmal mit der heimischen Elite um den österreichischen Meistertitel (3.–10.8.) duelliert.

Doch vor allem steckt ein perfektes Gespür für Luft hinter all seinen Siegen. „Im Segelflugzeug bist du ständig am Navigieren und Beobachten“, erklärt Janowitsch, der schon mit 16 Jahren den Segelflugschein machte und davon träumte, Weltmeister zu werden. „Dort, wo die Greifvögel kreisen, musst du hin“, sagt der Niederösterreicher. „Dort trägt dich die Thermik. Aber auch die Wolken können dir helfen, Cumuluswolken zeigen ebenfalls aufsteigende Luftschichten an.“ Wind hingegen bringt den Piloten im Flachland wenig, kann jedoch in Bergesnähe genutzt werden. „Erhebungen fördern in unseren Breiten Aufwinde, Südhänge an deren Ausläufern sind gut, um zu steigen.“

All diese Hinweise müssen wie ein Puzzle zusammengesetzt werden, um einen Bewerb zu gewinnen. Zu Anfang werden alle Segelflieger von Motorflugzeugen in die Bewerbshöhe von zwei- bis dreitausend Metern gezogen, dann sucht sich jeder Pilot nach Freigabe einer virtuellen Startlinie selbst das beste Zeitfenster zum Bewältigen der Aufgabe aus. „Es geht darum, schnellstmöglich eine rund 200 bis 300 Kilometer lange Route mit verschiedenen Stationen abzufliegen“, beschreibt Janowitsch. „Weil meist früh gestartet wird und die besten Thermiken zwischen 14 und 17 Uhr anzutreffen sind, muss der Pilot pokern und zögert oft den Start hinaus.“ Ein Schuss, der auch nach hinten losgehen kann, wenn der beste Moment verpasst wird oder sich die gesamte Strecke nicht mehr rechtzeitig ausgeht.

Für Janowitsch auch kein großes Malheur, denn abseits aller Titel und Medaillen sind das Fliegen selbst und die große Freiheit im Cockpit für ihn der größte Lohn. „Wenn ich wie vor ein paar Wochen über den Dachstein oder über Mariazell fliege und die Salza unter mir in tausend Farben schillert, dann ist der Genuss unbeschreiblich.“

Das Risiko und die Gefahr bei seinem Sport wären dabei viel weniger groß, als alle denken. „Ein halbwegs erfahrener Pilot wird sich kaum vom Wetter überraschen lassen, nur junge Piloten kurz nach dem Flugscheinerwerb überschätzen sich.“ Weil das Segelflugzeug einen großen Landeplatz braucht, liegt die größte Gefahr darin, unerwartet an Höhe zu verlieren, während kein Flugplatz in Sicht ist. Auch Janowitsch musste in seiner Jugend zittern, heil wieder den Erdboden zu erreichen. „Einmal kam ich nur hauchdünn über einen Bergkamm hinweg. Solche Abenteuer passieren mir aber schon lang nicht mehr.“

Stattdessen bietet Janowitsch, der mit Frau Ursula und Hund „Charly“ in Baden (NÖ) lebt und privat gerne an seinem Mercedes-Oldtimer Baujahr 1963 schraubt, mittlerweile selbst seine Dienste als Fluglehrer an. Und das Segelfliegen hat er zum Beruf gemacht, indem er mit einem Partner sechs Segelflugzeuge vermietet, rund 400,– Euro am Tag beträgt der Tarif.

Wie lange der „Luftflüsterer“ noch aktive Bewerbe fliegen wird, weiß er selbst nicht. „Ich bin in einem Alter, in dem die anstrengenden Flugtage bereits ihre Spuren hinterlassen. Aber die WM im kommenden Jahr in Deutschland möchte ich unbedingt noch in Angriff nehmen.“ Kreuziger