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Wir sind gegenüber unseren Haustieren immer gewalttätiger
Tierschutzvereine schlagen Alarm und fordern härtere Strafen für herzlose Besitzer von Hunden und Katzen. In Klagenfurt (K) hat eine 21jährige Frau ihre beiden Katzen zwei Monate lang nicht versorgt. Die Tiere gingen elendig zugrunde, sie blieb ohne Verurteilung. In Amerika gibt es für Tierquäler eine öffentlich zugängliche Verbrecherdatei.
Ich habe mich in der Wohnung eingeengt gefühlt. Ich war viel unterwegs, an meine Katzen habe ich nicht mehr gedacht.“ Das sagte eine 21jährige Verkäuferin, als sie versuchte, am Landesgericht Klagenfurt (K) ihre unfassbare Tat zu erklären.

Zwei Monate ließ die Klagenfurterin die Tiere in ihrer verschlossenen Wohnung alleine zurück. In diesem Zeitraum übernachtete sie bei mehreren Freunden und „vergaß“ dabei auf die Versorgung ihrer Haustiere. „Ich hatte private Probleme, mein Bruder ist zuckerkrank und musste deshalb ins Spital“, versuchte die junge Frau, sich herauszureden. Ihre Katzen gingen elendig zugrunde, sie verdursteten. „Hat es einen Moment gegeben, in dem Ihnen die Tiere leid taten?“, wollte Richter Gernot Kugi wissen. „Ja, aber da war es schon zu spät“, antwortete die Kärntnerin. Ihre Nachbarin verständigte schließlich die Polizei, weil ein furchtbarer Gestank aus der Wohnung drang. Bei der Einvernahme gab die Verkäuferin alles zu. „Jetzt habe ich keine Haustiere mehr“, sagte sie vor Gericht. Ob sie etwas gelernt habe, wollte Richter Kugi wissen. „Dass ich Lebewesen nicht einfach so zurücklassen darf.“

Verurteilt – auf Tierquälerei stehen bis zu zwei Jahre Haft – wurde die Kärntnerin allerdings nicht. Wegen des Geständnisses und ihrer Unbescholtenheit bot ihr der Richter eine Diversion, also auf Verzicht eines ordentlichen Strafverfahrens, mit einer Geldbuße von 1.500 Euro plus 200 Euro Gerichtskosten an. Die junge Frau stimmte ebenso zu wie Staatsanwältin Nicola Trinker.

„Kann es unsere Gesellschaft wirklich mittragen, dass hilflose Kreaturen dem Verhungern und Verdursten ausgesetzt werden und dieses Vergehen mit 1.500 Euro abgegolten wird? Soll Tierquälerei als ,Kavaliersdelikt‘ durchgehen? Wieviel ungesühnte Verantwortungslosigkeit gegenüber Mitmenschen und Tieren verträgt unser Miteinander?“, zeigt sich Dr. Evelin Pekarek, Präsidentin des Landestierschutzvereins Kärnten, über das milde Urteil erbost. Die Tierärztin kann über so viel Herzlosigkeit nur den Kopf schütteln. Zumal das beliebteste Haustier von Herr und Frau Österreicher die Katze ist. In jedem vierten der mehr als drei Millionen Haushalte in unserem Land ist mindestens ein Stubentiger zu finden. In Summe sind es etwa 1,5 Millionen. Und obwohl die Hauskatze, die aus dem nordafrikanischen und kleinasiatischen Raum stammt, ursprünglich ein Wüstentier ist und daher lange ohne Wasser auskommt, ist für sie ein Verlust von 15 Prozent Körperfeuchtigkeit bereits tödlich. Nach höchstens einer Woche stirbt eine Katze ohne Wasser.

„Die Aggression gegenüber den Haustieren steigt. Doch es ist schwer, wegen Tierquälerei angezeigt zu werden. Etwa wenn Bauern ihre Katzen ertränken oder die Hunde einfach erschossen werden, wenn sie finanziell nicht mehr tragbar sind“, sagt Dr. Ines Buchsteiner vom Landestierschutzverein.

Die Zahl der Verstöße gegen das Tierschutzgesetz in unserem Land belief sich im vorigen Jahr auf 833 Fälle,
die angezeigt wurden. Doch die Dunkelziffer ist weit höher. „Ich würde mir von der Justiz mehr Mut wünschen, das Gesetz auch anzuwenden. Bis heute wurde in unserem Land noch nie jemand mit der Höchststrafe von zwei Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Und das, obwohl die Brutalität und Kaltblütigkeit gegenüber Tieren zunehmen“, sagt Mag. Elisabeth Penz von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten Österreich.

Im Tierschutz ist uns Amerika weit voraus. Dort gibt es seit 2016 eine öffentliche Datenbank, in der Tierquäler für alle Internetnutzer ersichtlich sind. Ein US-Bürger kann seine Postleitzahl eingeben und erhält im Umkreis von bis zu 300 Kilometern eine Liste von mutmaßlichen oder tatsächlich bewiesenen (und verurteilten) Straftaten gegenüber Tieren. Es wird sogar genannt, welche Art von Tierquälerei begangen wurde, etwa Treten, Strangulieren oder Erschießen. Der volle Name des Täters wird ebenso genannt. In allen 50 Staaten der USA ist Tierquälerei gesetzlich verboten. Allerdings gibt es noch kein übergreifendes, einheitliches Gesetz, das für die gesamte USA gilt. Das soll sich jedoch ändern. Zwei Abgeordnete der Demokraten und Republikaner haben gemeinsam einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der Tierquälerei zum Schwerverbrechen machen soll. Im Bundesstaat Virginia können Übeltäter seit heuer für schwerste Tierquälerei eine Höchststrafe von fünf Jahren Gefängnis ausfassen. Grund für die Gesetzesänderung war ein Hund, der von seinem Besitzer angezündet wurde und schwerste Verbrennungen erlitt.

Von solchen Verurteilungen sind wir in unserem Land noch weit entfernt. In einem nur zehn Minuten langen Prozess ist vor Kurzem am Landesgericht Salzburg eine 35jährige Frau wegen Tierquälerei zu einer bedingten Haftstrafe von drei Monaten verurteilt worden. Sie soll im Frühjahr ihre Hündin „Lucy“ mindestens zwei Wochen lang nicht gefüttert haben. Der abgemagerte, apathische und beinahe verdurstete Rottweiler-Bernersennen-Mischling starb wenig später an einem Tumor. Die Angeklagte blieb im Verfahren mundfaul und gestand die Tat nur halbherzig ein. Ihr sei damals alles über den Kopf gewachsen, meinte sie knapp.