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„Ich hab‘ noch nie ein Auto gehabt“
Mit Werner Kogler als Parteichef haben die Grünen 14 Prozent bei der EU-Wahl geholt, jetzt wollen sie zurück in den Nationalrat. Der Steirer ist einer der Hauptgründe für die Wiederauferstehung der Öko-Partei. Er hält nichts von Verboten und setzt auf Quereinsteiger.
Herr Kogler, rund ein Drittel der Bevölkerung glaubt nicht, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht wurde. Wie wollen Sie diese Zweifler überzeugen?
Ob das ein Drittel nicht glaubt, kann ich nicht beurteilen. Aber es ist schon gut, wenn zwei Drittel den Zusammenhang zwischen den bedrohlichen Wetterkapriolen und dem Klimawandel verstehen. Das Wetter spielt verrückt, weil das Klima verrückt spielt und das Klima ist durch den Menschen „verrückt“ geworden. Das sage ja nicht nur ich. Wichtiger ist, dass wir gescheite Maßnahmen setzen. Die Volkswirtschaften, die rechtzeitig umstellen, erzielen die Vorteile. In Deutschland, wo die Grünen immer stärker werden und zum Teil mitregieren, arbeiten sie mit der Autoindustrie zusammen, damit wir zum Beispiel 2030 abgasfreie Autos haben. Das ist super.

Haben Sie selbst ein Auto?
Nein. Ich hab‘ noch nie ein Auto gehabt. Aber das ist für mich gar nicht entscheidend, ob jemand ein Auto hat oder nicht. Viele brauchen eines. Wir haben in der Familie eines gehabt und das ist seit sechs Jahren weg. Wir fahren jetzt nur noch mit der Eisenbahn. Aber natürlich kommt es auch vor, dass ich mit dem Leihauto unterwegs bin, dann meistens mit Hybrid-Antrieb oder Elek-tromotor, wenn‘s irgendwie geht. Und ich kurve oft mit dem Elektro-Taxi in der Stadt herum. Ich verstehe jeden, der ein Auto braucht. Viele fahren ja auch gern.

Wann sind Sie zuletzt geflogen?
Im vergangenen Sommer bin ich mit der Eisenbahn in den Urlaub gefahren. Aber ich glaube, ich bin im vorigen Jahr beruflich zum Weltwirtschafts-Kongress geflogen. Der fand in Helsinki (Finnland) statt. Ich habe mir sogar überlegt, mit dem Zug und dem Schiff zu fahren, aber das wäre sich zeitlich nicht ausgegangen.

Es gibt einen deutschen Grünen-Politiker, der sagt, wir sollen nur noch drei Auslandsflüge pro Jahr machen dürfen. Alles andere soll teurer werden. Was halten sie von solchen Vorschlägen?
Ich präferiere etwas ganz anderes. Dass wir vernünftige Wirtschaftssysteme schaffen, die auch ökologisch sind. Das Privileg beim Fliegen ist, dass Kerosin steuerfrei gestellt ist. Das gehört beseitigt. Dann wird das Fliegen zwar nicht unerschwinglich, aber doch teurer. Dafür können wir dieses Geld nehmen und woanders die Einkommen der Menschen und die Wirtschaftsbetriebe entlasten. So ein Zugang ist mir lieber, als genau zu regulieren, wer, wann und wie oft fahren oder fliegen darf.

In Wien kommt die dritte Flughafen-Piste …
Der massive Ausbau des Wiener Flughafens kann betriebswirtschaftlich nur damit argumentiert werden, dass der Flugverkehr um ein Drittel zunimmt. Wenn man dort in der Nähe an der Donau spazieren geht und drei Flieger sieht, kann man sich gleich einen vierten dazudenken. Wollen wir das? Ich glaube nicht. Die meisten Flüge von Wien aus sind innereuropäische. Aber sogar die Strecke Wien-Berlin (D) geht schon ganz gut mit dem Zug. Wenn das jetzt noch um die Hälfte billiger wird als Fliegen, dann verändert sich auch etwas.

Trotzdem sagen noch immer viele, die Grünen wollen, dass wir alle nur noch Rad fahren, kein Fleisch essen, gendern?
Ich halte das für eine falsche Zuschreibung, dass wir das alles herbeiregulieren wollen. Es läuft immer auf das Wirtschaftssystem hinaus. Umweltschädliches Verhalten muss teurer werden und das umweltfreundliche billiger. Das betrifft meistens gar nicht zuerst den Einzelnen, sondern die Produktionsweise in den Firmen. Nur eines wird halt nicht gehen, dass wir noch hundert Jahre das Wirtschaftssystem und auch unser Verhalten nicht ändern und sagen, wir wollen alle das Klima schützen. Denn mittlerweile sind wir ja von Klimaschützern umzingelt. Wie wollen die das alles machen?

Müssen wir uns vor den Grünen also nicht fürchten?
Nein, sie müssen sich vor den Nicht-Grünen fürchten. Denn die fahren den Planeten gegen die Wand.

Im Partei-Programm der Grünen wird die „Cannabis-Legalisierung“ gefordert. Bleibt das?
Wir müssen die Strafdrohung wegbringen, bei relativ kleinen Mengen schon vorm Strafrichter zu landen. Das kann ganze Biografien und Lebenswege von Jugendlichen zerstören. Aus meiner Sicht darf sich jeder einen Joint durchziehen, da ist das Zigarettenrauchen um nichts besser. Wie weit eine geregelte Abgabe legalisiert werden muss, damit wir den Schwarzmarkt wegbringen, das müssen wir debattieren.

Sie haben auch schon gekifft?
Ja, mit 17 oder 18 Jahren, ich weiß es nicht genau. Nachdem ich auch sonst nicht rauche, habe ich das nur schwer vertragen. Das war echt ein Brennen. Allerdings habe ich einmal irgendwelche Kekse erwischt, die anständig, „kontaminiert“ waren. Das war schon lustig. Ich glaube, ich habe drei gegessen und da hätte eines gereicht.

Sie setzen jetzt stark auf Quereinsteiger wie die Köchin Sarah Wiener oder die Journalistin Sibylle Hamann. Quereinsteiger sind aber fast immer gescheitert …
Ich war kürzlich zum ersten Mal wieder im Nationalrat. Diejenigen, die wir als Quereinsteigerinnen holen, sind hundert Mal politischer als viele der Abgeordneten da drinnen. Die meisten, die in der Politik herumrennen sind keine Politiker im guten Sinn, die das Große und Ganze vor Augen haben, sondern die schwimmen da halt irgendwie mit. Sie verhocken da drinnen den Platz und haben eigentlich kein Anliegen, außer sich selbst.

Würden Sie als EU-Abgeordneter Ursula von der Leyen zur Kommissionspräsidentin wählen?
Ich würde es davon abhängig machen, wie weit sie etwas anders macht als die Vorgängerkommission. Wir brauchen ein europäisches Wirtschafts- und Sozialsystem, das mehr Zusammenhalt fördert. Noch wichtiger ist der Umwelt- und Klimaschutz. Es wird die Kohle subventioniert, bei der Landwirtschafts-Förderung geht der größte Teil der vorhandenen Milliarden in die falsche Richtung. Und von dem diesbezüglich schädlichen Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten (Brasilien, Argentinien, Paraguay, Uruguay) sollte die neue Kommissionspräsidentin die Finger lassen. bik