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„Du musst dir vom Wasser
helfen lassen“
Wenn die Gischt brodelt und das kräuselnde Wasser meterhoch spritzt, spielt die Kanutin Viktoria Wolffhardt, 24, ihre stärksten Trümpfe aus. Die Europameisterin im „Kanadier“ lässt die kühlen Wellen für sich arbeiten, statt dagegen anzukämpfen.
Die Welt, in der wir leben, ist oft kalt und nass“, verrät Viktoria Wolffhardt, 24, gleich zu Beginn mit näselnder Stimme die Schattenseiten ihres Lieblingssports. Denn „Viki“, wie sie ihre Freunde nennen, ist verkühlt, mitten im Juni. „Das gehört halt auch dazu“, lacht sie. Im Winter musste sie schon bei minus 15 Grad ins Boot hüpfen und in der Übergangszeit gehört das Frieren im dünnen Neoprenanzug eher zur Regel als zur Ausnahme. „Aber das stört mich nicht, ich bin eine Wasserratte von Geburt an und im Sommer ist es dafür besonders schön“, erzählt die Tullnerin (NÖ), die sich im vorigen Jahr Europameisterschafts-Gold in der Kanuklasse „Kanadier“
erpaddelte.

Bei WM- und EM-Bewerben hat die sympathische Niederösterreicherin insgesamt bereits sieben Medaillen abgeräumt und nimmt beim Fast-Heim-Weltcup im nahen Bratislava (Slowakei) am Wochenende einmal mehr das Siegertreppchen ins Visier. „Mein Vater Viljem, ein gebürtiger Slowene, ist direkt neben einem Wildwasserfluss aufgewachsen und sein Bruder wurde im Kanu sogar drei Mal Vizeweltmeister. Papa und meine Mutter Beatrix haben sich beim Wildwasserpaddeln kennengelernt“, verrät Wolffhardt ihre genetische Veranlagung. Ihr Lebensgefährte ist ebenfalls ein Kanute.

Obwohl Wolffhardt im Jugendalter nach einem kleinen Ausflug zum Ballett sogar kurz mit einer Karriere als Handballerin liebäugelte, zog es sie am Ende doch wieder magisch hin zum Wasser. „Im Boot gibt dir das Wasser das Tempo, es treibt dich an und hilft dir, wenn du es lässt“, betont die Hobbypianistin, dass es darauf ankommt, Respekt vor den gewaltigen Kräften der Gischt und Wasserströmungen zu haben. „Das Wasser wird immer stärker sein als du. Es geht darum, es zu nutzen, und sich nicht sinnlos dagegenzustemmen.“

Ihr Vater Viljem fuhr die kleine Viki schon als Kind von Bewerb zu Bewerb, war ihr Trainer bis zum 15. Lebensjahr und kümmert sich bis heute bei jedem Rennen um ihre aus Karbon gefertigten beiden Boote, die pro Stück rund 3.000 Euro wert sind. „Er verstärkt sie mit aufgeklebten Karbonfasern und justiert die Knie- sowie Sitzschalen“, schildert Wolffhardt die wichtige Arbeit im Hintergrund. Der Papa experimentiert aber auch am Schwerpunkt, feilt, schleift und montiert Schaumgummi, damit es zu keinen schmerzenden Druckstellen kommt. „Meine Boote sind mir millimetergenau auf den Leib geschneidert“, versichert sie. „Jemand anderer würde entweder gar nicht erst einsteigen können oder rasch Krämpfe bekommen, weil er mit völlig falscher Haltung fährt.“

Wolffhardt startet als eine der wenigen Sportlerinnen pro Weltcup in zwei Disziplinen, Kajak und Kanadier. Das Kajak wurde ursprünglich in der Arktis als Jagdboot der Inuit erfunden, der Kanadier hingegen von den nordamerikanischen Indianern für den Pelzhandel. „Im Kajak sitze ich und habe dabei ein Doppelpaddel in der Hand. Im Kanadier bewege ich mich kniend mit einem Stechpaddel voran, das nur eine Paddelfläche hat“, nennt sie die wesentlichen Unterschiede der beiden Sparten, in denen sie jeweils schon Medaillen holte.

Abseits des täglichen Trainings absolviert Wolffhardt, die als brillante Schülerin mit einem Einser-Schnitt maturierte, ein Online-Studium für Sportmanagement. „Ohne Leistungssport hätte ich wahrscheinlich Medizin studiert“, glaubt sie. „Meine Mutter hat in Tulln ein Geschäft mit Küchenbedarf und Küchengeräten. Vielleicht steige ich auch dort ein.“

Im Gegensatz zu ihr wollte Bruder Maximilian, 20, lieber zum Handball und ist heute beim Union Handball Club Tulln ein vielversprechendes Talent. „Als Kind sah Max oft meine Tränen, nachdem ein Bewerb danebengegangen war“, erinnert sich die Kanadier-Europameisterin. „Da sagte er zu mir, er würde doch lieber Handballer werden, denn im Kanu müssten die Verlierer oft weinen. Es stimmt
schon, der Einzelsportler hat es manchmal schwer.“

Die nächsten Tränen könnten schon bald fließen, wenn es zur Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio (J) geht, wo Wolffhardts Paradedisziplin, der Kanadier, Premiere feiert. „Das klingt auf Anhieb gut, doch pro Land darf nur eine Starterin teilnehmen, warum auch immer“, klagt sie. „Da kann ich an einem schlechten Tag gegen die starke Konkurrenz im eigenen Land um die Weltmeisterin Corinna Kuhnle leicht das Nachsehen haben.“ Wolfgang Kreuziger