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Die große Heuchelei
Der frühere Spitzenpolitiker Jürgen Todenhöfer, 78, der mittlerweile ein anerkannter Experte des Nahen und Mittleren Ostens ist, geht mit den Westmächten hart ins Gericht. Seiner Ansicht nach sind sie es, die Kriege anzetteln und eine ganze Region gezielt destabilisieren. Todenhöfer hat die Kriegsgebiete, Tod und Elend gesehen. In seinem neuen Buch „Die große Heuchelei“ zeichnet er ein erschreckendes Bild über Macht und Ohnmacht von Völkern.
Die Welt liegt im Argen. Vor Augen geführt wird uns dies immer wieder durch Bilder von zerstörten Städten und getöteten Zivilisten. Vor allem der Mittlere Osten kommt nicht mehr zur Ruhe. Ein Krieg folgt dem nächsten. Für den ehemaligen deutschen CDU-Bundestagsabgeordneten Jürgen Todenhöfer ist der Westen daran schuld.

Der Bestseller-Autor bereist seit vielen Jahren die Krisengebiete. Bei seinen Gesprächen mit Präsidenten, Rebellen, Diktatoren und Terroristen geriet er immer wieder in Lebensgefahr. Doch er scheute nicht davor zurück, denn er will aufrütteln und belegen, mit welchen fadenscheinigen Argumenten Amerika und Europa Tausende Tote in Kauf nehmen, um ihre Interessen durchzusetzen, und sich dabei auch noch als die Retter darstellen. In seinem neuen Werk „Die große Heuchelei“ (Verlag Propyläen, ISBN 978-3-549-10003-5) geht er mit dem Westen, aber auch mit den Israelis hart ins Gericht.

Vor allem, was den Konflikt in Syrien betrifft. „Die meisten Menschen in Europa nehmen es der Politik nicht mehr ab, dass Kriege wie in Syrien, in Afghanistan und im Irak, bei denen Zehntausende von Zivilisten getötet werden, mit der Behauptung gerechtfertigt werden: Das ist eine humanitäre Aktion, wir befreien die Menschen, deren Kinder tot auf den Trümmern liegen. Die meisten Menschen durchschauen diese Heuchelei und wissen, dass sie angelogen werden, wenn ihnen gesagt wird, es gehe darum, einen Diktator zu stürzen. Es geht um geostrategische Ziele. Ich habe die Menschen in Mossul (Irak) und in Aleppo (Syrien) sterben sehen, Menschen, die
von Assads Truppen getötet wurden, die von Rebellen getötet wurden, die von amerikanischen Bomben getötet wurden, für die die deutsche Bundeswehr die Luftaufklärung geliefert hat. Da zu sagen, wir bringen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, da muss ich protestieren.“

Todenhöfer ist über die Strategie des Westens entsetzt. Immer, meint der 78jährige, geschehe dies im Namen der Demokratie und der Menschenrechte. Neuerdings in Wahrnehmung seiner „Schutzverantwortung“ für die Welt. Viele amerikanische Politiker, schreibt Todenhöfer in seinem neuen Werk, sind von der Einzigartigkeit der USA, von ihrer Sonderstellung in der Welt, überzeugt. Expansion und Imperialismus seien ihre geschichtliche, messianische, göttliche Aufgabe. „Der frühere amerikanische Präsident Barack Obama bat an der Klagemauer von Jerusalem in Israel Gott, ihn zu einem Instrument (s)eines Willens zu machen. Hat Obama sich wirklich als Instrument Gottes gesehen, wenn er im Weißen Haus persönlich die Opfer amerikanischer Drohnenangriffe auswählte? Oder Bombenangriffe auf Afghanistan, den Irak und Libyen befahl?“

Einen Krieg zu inszenieren, ist nicht schwer. Notfalls müssen emotionale Gründe herhalten. Als der irakische Diktator Saddam Hussein im Sommer 1990 Kuwait überfiel, das er als abtrünnige Provinz betrachtete, beschloss die US-Regierung, ihn militärisch zu vertreiben. Doch nur Teile der amerikanischen Bevölkerung konnten sich dafür begeistern, das Leben ihrer Soldaten aufs Spiel zu setzen. Bis sie im Fernsehen die fünfzehnjährige Kuwaiterin Nayirah sahen. In einem tränenreichen Auftritt vor dem US-Kongress erzählte sie, sie habe als Krankenschwester den Angriff irakischer Soldaten auf ein Spital in Kuwait miterlebt. Die Iraker hätten Babys aus den Brutkästen gerissen, auf den Boden geworfen und sie dort elend sterben lassen. Empört schrie die Welt auf. Der Krieg konnte beginnen.

Heute ist bekannt, dass die Brutkastengeschichte von der amerikanischen Werbeagentur Hill & Knowlton frei erfunden wurde. Gegen ein astronomisches Honorar. Die junge kuwaitische Krankenschwester entpuppte sich als Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA.

Die Folge der amerikanischen Invasion im Irak war, dass 100.000 irakische Soldaten getötet wurden. Hunderte von ihnen wurden von US-Soldaten bei lebendigem Leib mit Bulldozern im Wüstensand begraben. Der Sprecher des Verteidigungsministeriums kommentierte dieses schändliche Vorgehen mit den Worten: „Ich will nicht respektlos sein, aber es gibt keine nette Art und Weise, jemanden im Krieg zu töten.“

Für Todenhöfer immer wieder ein zentrales Thema ist der seit vielen Jahren anhaltende Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Vor allem die Situation im Gaza-Streifen. „In den dreißig Jahren vom Beginn der ersten palästinensischen ,Intifada‘ am 9. Dezember 1987 bis zum 8. Dezember 2017 wurden auf israelischer Seite 1.663 Menschen getötet. Das ist eine schrecklich hohe Zahl. Keine Regierung der Welt würde sie hinnehmen. Noch schrecklicher allerdings ist die Zahl der im gleichen Zeitraum von Israelis getöteten Palästinensern. Laut der israelischen Menschenrechtsorganisation B‘Tselem liegt sie bei 11.011. Das ist mehr als das Siebenfache. Auch das würde kein Volk der Welt hinnehmen“, berichtet der Bestseller-Autor.

Wie verworren dieser Konflikt ist, führte der ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger, 96, Todenhöfer vor Augen. „Ich traf Kissinger vor vielen Jahren zum Frühstück in seinem Haus in New York“, berichtet der 78jährige Deutsche, der in München lebt. „Kissinger hatte in den 70er Jahren versucht, zwischen Israelis und Palästinensern zu vermitteln. Ich fragte ihn nach seiner Lösung für den Konflikt. Er legte seine Semmel, die er gerade essen wollte, aus der Hand und sah mich lange an. Dann antwortete er mit seiner tiefen Stimme: ,Es gibt keine Lösung.‘ Ich kann das nicht glauben. Für mich steht fest, dass Israel auf Dauer nur überleben wird, wenn es mithilft, einen wirklich lebensfähigen, unabhängigen palästinensischen Staat zu schaffen. Wenn es faire Partnerschaften und Freundschaften mit den arabischen Staaten und mit dem Iran schließt. In einer Welt voller Feinde wird es Israel schwer haben zu überleben. In einer Welt von Freunden jedoch könnte es eine historisch wichtige, konstruktive Rolle spielen.“