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Übers Wetter zu nörgeln, bringt die Menschen
zusammen“
Vier regenreiche Wochen liegen hinter uns. Sie waren weitgehend ein Segen für die Natur, deren Böden und Pflanzen nach Wasser lechzten. Daneben begann das große Jammern, weil die Sonnenhungrigen nicht auf ihre Kosten kamen. Wie das Wetter auch ist, ist es schlecht. Die ORF-Wetter-Moderatorin Christa Kummer, 54, weiß um die Wetter-Muffel hierzulande. Die Hydrogeologin und Klimatologin schaut aber über den Tellerrand hinaus und gilt mittlerweile als gefragte Rednerin, wenn es um das Klima geht.
Ein Mal ist es zu heiß, dann wieder zu kalt. Ein Mal fällt zu viel Regen, dann brennt wieder die Sonne zu heftig vom Himmel. Frau Kummer, ist der Österreicher ein Nörgler, wenn‘s ums Wetter geht?
Ein wenig gehört es schon zu unserer Natur. Aber übers Wetter zu reden oder zu nörgeln, bringt auch wieder die Menschen zusammen.

Als schönes Wetter gilt aber wohl nur, wenn die Sonne vom Himmel brennt …
In unserer Spaßgesellschaft leider schon. Natürlich profitiert der Tourismus vom „schönen“ Wetter wesentlich mehr als vom bewölkten und regnerischen Grau. Doch auch hier gilt das Motto: Wir dürfen auch ein bisschen nachdenken. Vom schönen Wetter alleine kann unsere Natur – die unsere Lebensgrundlage bildet – nicht leben. Außerdem, was ist denn schönes Wetter? Jeder von uns hat da eine andere Definition. Generell gilt, Regen im Urlaub geht gar nicht; Regen am Wochenende geht gar nicht, Regen am Feiertag geht gar nicht. Ich bin wirklich dankbar, dass das Wetter zwar prognostiziert werden kann – aber nicht gemacht wird.

Der abgelaufene Mai geht als kältester Mai seit dem Jahr 1991 in die Wetter-Aufzeichnungen ein. Die Temperatur lag landesweit um beachtliche 2,8 Grad unter dem Mittel. Die häufigen Nordströmungen brachten auch viel Regen. Hat er ausgereicht, um die Defizite des Vorjahres wettzumachen?
Der Westen unseres Landes war vom großen Niederschlagsdefizit nicht so betroffen, schlimmer war es da schon von Oberösterreich bis zum Nordburgenland. Hier wurde ein Frühlingsniederschlagsdefizit von 50, stellenweise sogar bis zu 70 Prozent vom langjährigen Mittel verzeichnet. Der Regen der vergangenen Wochen (abgesehen von Überschwemmungen in Vorarlberg) war somit wirklich Balsam für unsere Natur und Landwirtschaft. Wie ich kürzlich lesen konnte, ist sogar die Erdäpfelernte im Osten nicht mehr in Gefahr.

Gibt es noch Auswirkungen des trockenen Wetters des Vorjahres?
Schauen wir nur ins Waldviertel im nördlichen Niederösterreich. Die Trockenheit hat dem Borkenkäfer ein Festmahl beschert, weil die Nadelgehölze aufgrund der extremen Trockenheit nicht mehr genug Abwehrstoffe produzieren konnten. Ich meine damit Harz. Somit haben sie den Kampf gegen den Borkenkäfer verloren. Tausende Hektar Waldflächen mussten gerodet werden. Für die Forstwirtschaft ist das ein Schaden von vielen Millionen Euro. Wirtschaftlich betrachtet muss in der Forstwirtschaft ja in Generationen gedacht werden – den Wald, den ich heute pflanze, kann ich erst in 70 bis 100 Jahren als Ernte einfahren.

Wird der Osten unseres Landes (Marchfeld) zur Wüste? Dort sind die Niederschläge selten geworden, die Bauern jammern und wollen gar mit Hilfe eines Milliardenprojektes Wasser aus der Donau pumpen, um ihre Felder bewässern zu können?
Der Osten gehörte immer schon zu den eher trockenen Regionen unseres Landes. Speziell die Bauern im Marchfeld haben aufgrund intensiver Bewässerung mit sinkendem Grundwasserspiegel zu kämpfen. Das östliche Flachland gehört mit Sicherheit zu den Problemzonen, verursacht durch die Klimaveränderungen, ebenso der Südosten. Das ist den Landwirten in dieser Region auch schmerzlich bewusst. Im vorigen Jahr waren die Schäden, bedingt durch die Trockenheit, enorm, und die Zukunftsprognosen sehen leider nicht rosig aus.

Es gibt Stimmen, die den Klimawandel als nicht vom Menschen verursacht ansehen, sondern als etwas Natürliches. Was können Sie dem entgegensetzen?
Wir müssen prinzipiell zwei Faktoren unterschieden, den natürlichen Klimawandel, den es seit Bestehen der Erde gibt (also seit etwa 4,5 Milliarden Jahren), und den anthropogenen, vom Menschen beeinflussten Klimawandel. Der wurde mit dem Beginn der industriellen Revolution, mit dem Erschließen fossiler Brennstoffe eingeläutet. Ich glaube, dass es an dieser Tatsache nicht viel zu rütteln gibt.

Aber der Mensch ist schlimmer als die Natur?
Dem Faktor Mensch kommt in der gegenwärtigen Geschichte eine immer größere Bedeutung zu. Wir zerstören unsere Lebensgrundlage einerseits aus Profitgier oder auch Dummheit, um des schnellen Geldes wegen. Fruchtbares Ackerland, das in unvorstellbarer Geschwindigkeit verbaut wird, ist eine nicht wieder bringbare atmende Lunge unserer Erde. Unsere Lebensmittel wachsen nicht im Supermarktregal. Das sollten wir uns ins Stammbuch schreiben. Europameister im Versiegeln landwirtschaftlicher Nutzfläche zu sein, ist leider ein trauriger Titel, im Fußball wäre er mir lieber.

Lässt sich schon ein Trend für den Sommer erkennen?
Wie jedes Jahr kann ich auch heuer keinen eindeutigen Trend für den Alpenraum erkennen. Derartige Langfristprognosen sind für Europa generell nicht seriös.

Welches Wetter bevorzugen Sie?
Zum Glück ist das Wetter kein Wunschkonzert, den-
noch hätte ich gerne 25 Grad, von Mitternacht bis sechs Uhr Früh etwas Regen, damit die Natur auf ihre Kosten kommt. Ich mag weder Hitze noch Kälte.