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Dieses Christen-Sterben hätte verhindert werden können
Nach den blutigen Anschlägen am Ostersonntag auf Kirchen und Hotels in Sri Lanka verdächtigt die Regierung eine Islamistengruppe als Drahtzieher. Warnungen vor Anschlägen blieben ungehört. Nun herrscht Furcht, der Tourismus komme zum Erliegen.
Nahezu zeitgleiche Explosionen in drei Kirchen und drei Luxushotels am Sonntagvormittag (Ortszeit), Selbstmordattentäter und ein Sprengstoff, der bereits in der Vergangenheit bei gewaltbereiten Islamisten sichergestellt wurde. Für Sri Lankas Regierungssprecher Rajitha Senaratne war am Ostermontag, einem Tag nach den brutalen Terroranschlägen in seinem Land, eines klar. Hinter den acht tödlichen Angriffen mit bislang fast 300 Toten, darunter knapp 40 Ausländer, und 500 Verletzten stecke die auf dem Inselstaat tätige islamistische Gruppe National Thowheeth Jama‘ath, kurz NTJ. Eine Gruppe, die den Behörden erst kürzlich negativ auffiel, weil sie buddhistische Statuen zerstörte. Sri Lankas Regierungschef Ranil Wickremesinghe lässt nun überprüfen, ob die Islamisten im Land internationale Unterstützung hatten. „Wir glauben nicht, dass eine so kleine Organisation in unserem Land all das alleine machen kann.“ Noch vielmehr wird sich die Regierung fragen lassen müssen, warum sie das Sterben der vielen Menschen nicht verhindert hat. Denn zehn Tage vor den blutigen Anschlägen warnte der oberste Polizeichef führende Vertreter der Sicherheitsbehörden vor Plänen der NTJ. Es drohten Selbstmordanschläge auf Kirchen, hieß es in dem Schreiben. Informationen, die, so der Regierungschef, aber nie bei ihm angekommen seien.

Die Opfer dieses größten Terroranschlages in Sri Lanka seit dem Ende des Bürgerkrieges im Jahr 2009 wurden gezielt ausgewählt. Es waren vornehmlich Christen. Als die Bomben die Menschen in den Tod rissen, feierten sie gerade die Ostermesse.

„Die Angriffe gegen Christen in diesem Land haben in den vergangenen beiden Jahren erheblich zugenommen“, bestätigt Ado Greve von Open Doors, einem Hilfswerk für verfolgte Christen.

Tatsächlich bekennen sich von den mehr als 21 Millionen Bewohnern des Inselstaates im Indischen Ozean etwa zwei Millionen zum christlichen Glauben. „Sie werden als Bürger zweiter Klasse behandelt“, sagt Greve. Denn von allen Singhalesen, wie die Einwohner Sri Lankas heißen, werde erwartet, dass sie Anhänger des Buddhismus seien.

„Christen aus traditionellen Kirchen erfahren etwas mehr Akzeptanz als Mitglieder von Freikirchen. Wer sich vom Buddhismus, der Hauptreligion des Landes, oder Hinduismus abwende und Jesus Christus nachfolge, sieht sich Anfeindungen ausgesetzt. Durch die eigene Familie ebenso wie durch das soziale Umfeld, denn Glaubenswechsel gilt als Verrat. Die Attacken gehen meist von extremistischen buddhistischen Mönchen und Hindus aus.“ Sie enden allerdings nicht mit Bomben wie bei den Islamisten.

Wie schlimm die Situation für Christen in Sri Lanka ist, zeigt der Weltverfolgungsindex von Open Doors. Hier ranigert das Land derzeit auf Platz 46 der 50 Länder, in denen es für Christen am schwierigsten und gefährlichsten ist, ihren Glauben zu leben.

Am Ostersonntag hätte die Zahl der Terror-Opfer noch viel höher sein können. Experten gelang es, eine Rohrbome auf dem Flughafen der Hauptstadt Colombo rechtzeitig zu entschärfen. Am nächsten Tag, dem Ostermontag, explodierte eine weitere Bombe in einem Fahrzeug in der Nähe der St.-Antonius-Kirche in Colombo, als Sprengstoffexperten sie entschärfen wollten. Und an einem anderen Ort der Stadt wurden an einer Bushaltestelle 87 Zünder sichergestellt.

Regierungschef Wickremesinghe antwortete auf das Desaster mit harten Worten. „Wir werden nicht zulassen, dass der Terrorismus in Sri Lanka seinen Kopf erhebt. Alle Maßnahmen werden ergriffen, um den Terrorismus auszulöschen.“

Es ist ein Vorsatz, der kein Lippenbekenntnis bleiben sollte. Die Wirtschaft des Inselstaates hat sich von den vielen Jahren Bürgerkrieg nur langsam erholt. Sie ist heute von den Einnahmen der Gäste in großem Maße abhängig.

Der Tourismus verbucht seit Jahren steigende Zahlen. Im Vorjahr besuchten 2,2 Millionen Menschen das Land. Eine Million mehr als im Jahr 2013. Tauchurlaube, Elefantenfestival und die „lebendige“ Hauptstadt Colombo sind Touristenmagnete. Erst vor wenigen Tagen hatten die Behörden beschlossen, für Gäste aus gut 30 Ländern die Visapflicht und Gebühren ab dem 1. Mai für das halbe Jahr der Regenzeit zu streichen, um die Gästezahlen noch weiter zu erhöhen. Doch die Bomben könnten diese Einnahmequelle zum Versiegen bringen. In diesen Tagen verlassen die Touristen das Land in Scharen. Hotels bekommen reihenweise Stornierungen. „Das haben wir nicht einmal in 26 Jahren Krieg erlebt“, sagt der Betreiber einer Hotelkette.