Jetzt anmelden
Ihr Himmel hängt voller Geigen
Wenn Violinisten wie David Garrett ihr Können zeigen, jubeln ihnen Liebhaber der klassischen Musik zu. Mit verantwortlich für den Erfolg dieser Musiker sind Geigenbauer wie Julia Maria Pasch, die den Künstlern die Instrumente auf den Leib schneidern. In Wien fertigt die 32jährige Geigen von höchster Qualität. Nur sechs Stück verlassen pro Jahr ihr Atelier.
Nach einem Praktikum, das ich mit 16 Jahren gemacht habe, war mir klar, dass das genau das Richtige für mich ist“, sagt Julia Maria Pasch. Dabei sitzt sie in ihrem Atelier, das sich passender Weise in der Richard-Wagner-Villa im 14. Wiener Gemeindebezirk befindet, und bearbeitet ein geschwungenes Stück Fichtenholz mit einem Hobel, der kaum größer ist als ein Fingernagel. Nein, die 32jährige arbeitet nicht als Innenausstatterin für Setzkästen, ihre Profession verlangt wesentlich mehr Fachwissen. Pasch ist im wahrsten Sinn des Wortes eine Meisterin ihres Faches – eine Geigenbaumeisterin.

Der Weg, den sie als 16jährige als den ihren erkannt hatte, ging sie nach der Matura konsequent weiter. „Ich besuchte die Geigenbauschule in Mittenwald (Deutschland). Nach der 3,5 Jahre dauernden Ausbildung verbrachte ich meine Gesellenzeit beim Geigenbaumeister Stefan-Peter Greiner. Dank seiner Hilfe bekam ich Stück für Stück Zugang zu den vielschichtigen Fragestellungen des Klanges.“ Rein formell endete der Weg mit dem Ablegen der Meisterprüfung vor fünf Jahren. Tatsächlich ist sie aber noch immer unterwegs. Ihr Ziel ist der perfekte Geigenklang. Den Weg dorthin wird sie wohl nie zu Ende gehen.

Er beginnt mit dem Holz. Dicke Blöcke aus Ahorn und Fichte, den Haupthölzern für den Geigenbau, lagern in ihrem Atelier. Aus dem Ahorn schneidet sie den Boden des Instruments, aus der Fichte die sogenannte Decke, das ist jener Teil der Geige mit den beiden F-förmigen Löchern. Aber natürlich kann es nicht von irgendeiner Fichte sein. „Die Jahresringe müssen ganz eng aneinanderliegen. Das ist nur dann der Fall, wenn der Baum unter kargen Bedingungen langsam wächst.“ Das beeinflusst die Festigkeit und die Klangeigenschaften. Und schon allein das Schneiden der Decke ist Präzisionsarbeit.

„Wenn ich nur an einer Stelle einen halben Millimeter zu tief schneide, verändert sich schon der Klang“, sagt Pasch, während sie mit dem kleinen Hobel Span um Span aus dem Holz schabt. Bis allein die Decke fertig ist, dauert es drei Tage. Geglättet wird die Oberfläche nicht etwa, was naheliegend wäre, mit feinem Schleifpapier. „Das würde die Oberflächenstruktur des Holzes zerstören.“ Pasch verwendet dazu ein sogenanntes Zieheisen, ein Metallstück, das einer Rasierklinge in Form und Größe ähnelt.

Dermaßen akribisch geht die Meisterin bei jedem auch noch so kleinen Detail ihrer Geigen ans Werk. An den äußeren Rändern von Boden und Deckel ist eine durchgehende Linie zu erkennen, die nicht etwa nur schlicht aufgemalt ist. „Das ist eine Einlegearbeit aus Birnenholz“, sagt Pasch. Die sich nicht nur der Optik wegen genau dort befindet. „Wenn der Musiker mit dem Rand der Geige an etwas Hartes stößt, kann das Holz reißen. Die Einlegearbeit verhindert, dass sich der Riss ausbreitet.“

Das schwarze Griffbrett aus Ebenholz ist in allen Dimensionen genau durchdacht, damit die Saiten präzise dort aufliegen, wo sie abgegriffen werden – und nur dort. Zum Zusammenleimen der mehr als 60 Einzelteile, aus denen eine Geige besteht, verwendet die Meisterin nicht irgendeinen Leim. Den Knochenleim bezieht sie aus der Schweiz, der Nervenleim für die Fugen kommt aus Frankreich. Die roten Farbpigmente für den Lack gewinnt die 30jährige aus einem Insekt, der mexikanischen Kaktuslaus. Daher verwundert es auch nicht, dass Pasch etwa 300 Arbeitsstunden für den Bau einer einzigen Geige benötigt. Nur sechs dieser einzigartigen Musikinstrumente verlassen pro Jahr ihr Atelier. Violinisten, die eine Geige aus der Hand der Meisterin spielen wollen, dürfen sich mit ihr zuerst einen Termin ausmachen. „Ich muss einen Musiker spielen hören, um zu wissen, welche Geige er braucht“, sagt Pasch und ihre Worte sind gänzlich ohne Überheblichkeit gesprochen.

Der Erfolg gibt ihr Recht. Wer heute eine Geige bei ihr bestellt, bekommt das Instrument frühestens in zwei Jahren. Dazu bekommen die Musiker allerdings auch zwei Jahre lang ein umfassendes Service. Die Geigenbauerin trifft sich mit ihren Kunden immer wieder, um bei Bedarf das Instrument nach deren Bedürfnissen zu justieren. „Im Inneren der Geige befindet sich ein sogenannter Stimmstock. Wenn ich seine Position nur um Bruchteile eines Millimeters mit dem Stimmsetzer verändere, ändert sich der Klang der Geige“, beschreibt sie einen dieser Justierungsvorgänge.

Auch wenn Solisten niemals ohne eine alte, teure Geige das Podium betreten, für die außergewöhnlichen Instrumente von Julia Maria Pasch machen sie eine Ausnahme. Drei Virtuosen haben für eine Pasch-Geige sogar ihre Stradivari zurück in den Koffer gelegt.

Und im Vergleich zu einer Violine des berühmtesten Geigenbauers der Welt sind die Geigen aus der Manufaktur der Meisterin geradezu eine Okkasion. Die teuerste Stradivari, die „Lady Blunt“, hat 11,6 Millionen Euro gebracht. Eine Geige von Julia Maria Pasch kostet 28.000 Euro.