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Essen nach Farben
Wir essen zu viel, zu salzig, zu süß. Jeder zweite Bürger unseres Landes ist übergewichtig oder gar fettleibig. Seit Jahren fordern Konsumentenschützer die Einführung der Lebensmittel-Ampel. Jetzt macht das der erste Konzern bei uns freiwillig.
Im Kühlregal fällt es kaum auf. Die „Fruchtzwerge“ von Danone sind das erste Lebensmittel, das hierzulande mit einer Lebensmittelampel gekennzeichnet ist. Beim Sechserpack soll es nicht bleiben. Die nächste große Kennzeichnungs-Welle wird es im März und April geben. „Alle unsere Molkerei-Produkte werden den Nutri-Score bekommen“, erklärt eine Sprecherin.

In Frankreich wird diese freiwillige Ampel-Kennzeichnung seit einem Jahr auf Verpackungen gedruckt. 90 Unternehmen haben sie übernommen, Belgien und Spanien wollen die Farbskala ebenfalls einführen. Entwickelt wurde sie von Wissenschaftlern auf Anregung der französischen Regierung, nicht von der Lebensmittel-Industrie.

Bei Danone werden nicht nur die „grünen“ Molkerei-Produkte gekennzeichnet. Sie „schneiden ganz unterschiedlich ab, von A bis D.“ Vom fettreduzierten Joghurt bis zum Schokoladepudding mit Schlagobers. Die „Fruchtzwerge“ sind hellgrün. In Deutschland ist Danone ebenfalls ein Vorreiter, auch Iglo führt dort die französische Lebensmittelampel ein. Hierzulande plant der Tiefkühl-Konzern keine Kennzeichnung.
„Prinzipiell ist eine vereinfachte farbliche Nährwertkennzeichnung für Verbraucher wünschenswert“, sagt die Ernährungswissenschaftlerin Birgit Beck vom Verein für Konsumenteninformation (VKI). „Es gibt viele Studien, dass solche Systeme dabei helfen, bewusste Kaufentscheidungen zu treffen. Die Menschen sehen auf den ersten Blick, ob in einem Produkt etwa viel Fett enthalten ist.“ So können wir etwa verschiedene Tiefkühl-Pizzen schnell vergleichen.

Zwar sind schon jetzt kleingedruckt die Zahlen für Fett, Kohlenhydrate, Zucker, Eiweiß und Salz pro 100 Gramm auf der Verpackung zu finden. Doch das „ist ein Zahlenfriedhof“, sagt Birgit Beck, der im Alltag wenig weiterhilft.

Schon im Jahr 2007 hat die englische Lebensmittelbehörde ein Ampel-Modell für verpackte Lebensmittel entwickelt. Dieses „Original-Modell“ stuft den Anteil von Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz in den Ampelfarben Grün bis Rot ein. Beim französischen Nutri-Score „gibt es eine Skala von A bis E, die die ,kritischen‘ Nährstoffe wie Fett ebenso berücksichtigt wie die positiven, also beispielsweise Ballaststoffe.“

Die Industrie steht der britischen Lebensmittelampel mehr als skeptisch gegenüber. „Der Nutri-Score wird ein bisschen emotionsloser gesehen, ist aber nicht komplett transparent“, meint die Ernährungs-Expertin. Die interessierten Konsumenten können nicht nachrechnen, weil die Werte für Obst und Gemüse nicht auf der Verpackung angegeben sein müssen. „Aber es ist ein Anfang“, erklärt Birgit Beck.

Beide Ampel-Systeme haben in einem Vergleichstest der französischen Regierung dazu geführt, dass Menschen gesünder einkaufen. Und es gibt positive Nebeneffekte für alle Kunden. Denn die Firmen stehen unter Druck, ein dunkelroter Ampel-Aufdruck wirkt unter Umständen nicht gerade verkaufsfördernd. Sie ändern die Rezepturen, lassen ein bisschen Fett und Salz weg. „Das haben wir bei der britischen Ampel gesehen.“ Beide Systeme werden von Konsumentenschützern begrüßt, welches besser ist, darauf will sich Birgit Beck nicht festlegen. „Das sollten unabhängige Wissenschaftler entscheiden.“

In Deutschland hat sich die große Koalition dazu verpflichtet, bis zum Sommer die Kennzeichnung von Lebensmitteln „weiterzuentwickeln“. Doch die dortige Landwirtschaftsministerin ist „kein Freund der Ampel“. Ebenso wenig wie ihre hiesige ÖVP-Amtskollegin Elisabeth Köstinger. „Den Konsum einzelner Nährstoffe oder Lebensmittel schlechtzureden oder durch Maßnahmen wie eine Lebensmittelampel zu steuern, ist der falsche Weg“, legte sich Köstinger im Sommer fest. „Wir müssen mit Hausverstand an dieses Thema herangehen und die Eigenverantwortung der Verbraucher stärken.“

Der Versuch, die Lebensmittelampel zur gesetzlichen Pflicht zu machen, scheiterte 2010 im EU-Parlament. Sie ist in Großbritannien ebenso freiwillig wie in Frankreich. Zwar machen immer mehr Unternehmen mit, eine gesetzliche Verpflichtung wäre aber wünschenwert, ist die VKI-Ernährungsexpertin Beck überzeugt. „Es braucht eine vereinfachte Nährwertkennzeichnung für Konsumenten. So wie wir heute leben, ist es wichtig, dass wir vor dem Supermarkt-Regal schnell eine Entscheidung treffen können.“