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„Wir brauchen eine Revolution des Mitgefühls“
Der Dalai Lama wendet sich mit einem sorgenvollen Appell an die Welt. Das 21. Jahrhundert werde das Jahrhundert des Friedens sein – oder das Ende der Menschheit bringen, meint er.
Die jetzt junge Generation könnte es schaffen, mit ihrer grenzenlosen Kraft der Zukunft endlich mit der Finsternis der Vergangenheit aufzuräumen. Dafür ist es höchste Zeit.“

Mit seinem Buch „Seid Rebellen des Friedens“ sendet der 14. Dalai Lama eine aufrüttelnde Botschaft an die junge Generation dieser Welt. Und das mit ungewohntem Nachdruck. „Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert des Friedens sein, oder das Ende der Menschheit bringen.“

Das geistliche Oberhaupt Tibets, Tenzin Gyatso, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, will die Jugend früh in die Pflicht nehmen. Bei ihm war es nicht anders. Als Sohn einer Bauernfamilie wurde er am 6. Juli 1935 in der nordöstlichen tibetischen Provinz Amdot geboren. Bereits im Alter von zwei Jahren wurde der Bub mit dem Namen Lhamo Dhondrub als Reinkarnation des 13. Dalai Lama anerkannt. Seine Ausbildung zum Mönch begann im Alter von sechs Jahren. Dabei lag der Schwerpunkt auf der buddhistischen, in fünf Kategorien unterteilten Philosophie: die Vervollkommnung der Weisheit, die Philosophie des mittleren Weges, der Kanon der mönchischen Disziplinen, Metaphysik, Logik und Erkenntnislehre. Nach der Besetzung Tibets durch China im Jahr 1959 floh der Dalai Lama, er war damals 25, nach Indien. Seidem heißt sein Exil-Wohnort Dharamsala, eine Stadt in Nordindien. Von dort aus setzt er sich für die Unabhängigkeit seiner Heimat ein. Dafür wurde der „ozeangleiche Lehrer“, wie Dalai Lama übersetzt heißt, im Jahr 1989 mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

„Der Dalai Lama zeigt, dass ein einfacher Mönch, wie er sich selbst bezeichnet, einer der härtesten Militärnationen unserer Zeit mit Freundlichkeit und Hingabe an den Frieden gewaltfrei standhalten kann. Wenn wir die Unbesiegbarkeit des menschlichen Herzens verstehen könnten, wären wir in der Lage, den Sieg des Friedens zu feiern“, sagt Sofia Stril-Rever, die Mitautorin und Übersetzerin seines Buches. Die französische Sanskrit-Expertin arbeitet seit 1992 für den höchsten Meister innerhalb des tibetischen Buddhismus. Sie weiß daher um die Sorgen des 83jährigen Bescheid und kann erklären, warum sein jüngster Appell gar so eindringlich ausgefallen ist. „Der Dalai Lama ist äußerst besorgt um unsere Zukunft, weil er Chaos und schwierige Zeiten voraussieht. Er drängt darauf, sich den Problemen solidarisch zu stellen, damit der Verlust, den die Menschheit erleiden wird, durch ein größeres Gefühl der Zusammengehörigkeit, des Mitgefühls und der Brüderlichkeit ausgeglichen werden kann“, sagt Sofia Stril-Rever.

In diesem Punkt setzt das buddhistische Oberhaupt große Hoffnungen in die ab dem Jahr 2000 geborenen Menschen. Sie hätten die Kraft des Friedens verinnerlicht, zeigt sich der Dalai Lama überzeugt optimistisch.

„Lasst euch nicht von den Kriegen, Krisenherden und von Terror entmutigen und reißt endlich die Mauern der Schande ein“, fordert er die junge Generation auf. Gewaltloses Handeln brauche zwar ein hohes Maß an Ausdauer, Geduld und Willen, sei aber schlussendlich erfolgreicher, als Kriege zu führen. Und er betont: „Aus der Geschichte wissen wir, dass militärische Siege und Niederlagen nie von langer Dauer sind.“

Daher spricht er sich für die „Revolution des Mitgefühls“ aus. „Meine Botschaft ist keine inhaltsleere Worthülse und auch nicht der Traum eines naiven, alten Buddhisten“, hält der Dalai Lama fest. Mitgefühl sei schlichtweg lebenswichtig und würde völlig zu Unrecht für ein wirkungsloses Gefühl gehalten.

Unter diesem Aspekt verweist er auf das mehr denn je bedrohte Leben auf unserem Planeten – und zieht eine traurige Bilanz. „Zwei Drittel der Wirbeltiere sind bereits verschwunden. Überall, auf der Erde, in der Luft und in den Weltmeeren, verschwindet das Leben. Diese massive Auslöschung der Arten hat, nach dem Verschwinden der Dinosaurier, die schwerwiegendsten Konsequenzen für unser Ökosystem und unsere Gesellschaften. Dass es so weit gekommen ist, dafür ist der Mensch selbst verantwortlich. Es gilt dringlich zu überdenken, wie wir mit der Erde umgehen und wie wir das Leben wieder zurückholen können.“

Aus der Sicht des Dalai Lama braucht es „kollektive Intelligenz und Mitgefühl“, um eine Klimakatastrophe abzuwenden. Denn der heute jungen Generation könne nicht mehr garantiert werden, gesund erwachsen zu werden. „Jede Sekunde werden 209 Kilo Plastik in die Weltmeere gekippt. Ein großer Teil davon landet in den Mägen von Vögeln und Meeressäugern, die zu Tausenden verenden, weil ihr Bauch voller Flaschen, Becher und Zahnbürsten ist, die alle durch unsere Hände gegangen sind“, findet „seine Heiligkeit“ klare Worte.

Sein Aufruf zur „Revolution des Mitgefühls“ richtet sich in spezieller Weise an die Frauen. Für ihn wäre die Welt ein besserer Ort, wenn die Regierungschefs und Präsidenten von etwa 300 Nationen Frauen wären. „Er ist ein Feminist, der sich für eine weibliche Führung einsetzt, da Frauen seiner Meinung nach mitfühlender als Männer sind“, erklärt Sofia Stril-Rever. In seinem Buch „Seid Rebellen des Friedens“ gewährt der Dalai Lama auch ganz persönliche Einblicke in sein Leben. Er schildert seine Flucht aus Tibet und erinnert sich an die große Güte seiner ersten Lehrmeisterin, seiner Mutter, die er niemals wütend gesehen hat.

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, die Werte der Französischen Revolution, sieht er im Buddhismus genauso verankert. Zudem bekennt er sich zum Marxismus.

„Was die Verteilung von Reichtümern und das Prinzip der Brüderlichkeit angeht, bin ich Marxist und bedaure, dass Lenin und Stalin die Grundgedanken von Marx ins Gegenteil verkehrten und das kommunistische Ideal zugunsten eines staatlichen Totalitarismus verrieten.“