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Das Gipsbein ist ein Auslaufmodell
Mehr als dreihundert Patienten pro Tag werden zur Zeit in den heimischen Spitälern nach (Pisten-) Unfällen behandelt. Brüche und Bänderrisse führen die Liste der Verletzungen an, vor allem am Knie, in der Schulter sowie in Ober- und Unterschenkeln. Neue Erkenntnisse in der Behandlung bringen Patienten wieder schneller auf die Beine.
Fünfundfünfzigtausend Verletzte pro Jahr, 350 Wintersport-Opfer pro Tag. Kein Zweifel, die Unfallchirurgen unseres Landes haben zwischen Oktober und April alle Hände voll zu tun.

Ob Schifahrer, Snowboarder, Eisläufer oder Rodler, Tausende stürzen jedes Jahr beim Spaß im Schnee oder am Eis so schwer, dass sie operiert werden müssen. „Neun von zehn Wintersportunfällen sind selbstverschuldet, meist aufgrund einer schlechten körperlichen Kondition, aufgrund von Müdigkeit, Selbstüberschätzung, aber auch Mängel an der Sportausrüstung sind die häufigsten Ursachen“, verrät Dr. Harald Widhalm, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie aus Wien (www.praxis-unfallchirurgie.at).

Die Rangliste der gebrochenen oder schwer traumatisierten Körperregionen führt das Knie an. Vor allem Frauen sind in etwa fünfzig Prozent der Fälle gefährdet, beim Ausüben des Wintersportes Kniebandverletzungen davonzutragen, wie Statistiken zeigen. Hierbei ist häufig ein (Ein-)Riss eines Seiten-, Innen- oder Kreuzbandes die Folge, während unter männlichen Unfallopfern nur jeder Dritte betroffen ist. Experten vermuten, dass es dafür muskuläre, anatomische und hormonelle Gründe gibt. Männer hingegen ziehen sich beim Wintersport häufiger Schulter- und Oberarmbrüche zu. Darauf folgen, bei beiden Geschlechtern, Handgelenks-, Rücken- und Kopfverletzungen.

Stützschienen ersetzen den Gips

Um die Patienten so rasch wie möglich wieder auf die Beine stellen zu können, werden immer mehr Knochenbrüche und Bänderrisse nach den neuesten Erkenntnissen der Unfallchirurgie behandelt, und das bringt mitunter deutlich erkennbare Veränderungen.

Das bekannteste Beispiel ist der klassische Gipsfuß. Er wird zum Auslaufmodell, sind sich Experten sicher. „Stimmt, das kann so gesehen werden. Ein Gipsverband, der für Wochen oder zwei Monate am Bein bleibt, hat viele Nachteile. Die Unbeweglichkeit des Beines führt zu einem starken Schwund der Beinmuskulatur, die eingegipsten Gelenke versteifen und die Haut kann nicht atmen. Daher werden die meisten Knochenbrüche an den Beinen heute operiert. Der Knochen wird mit Platten, Schrauben oder Nägeln wieder in seine anatomisch richtige Form gebracht, danach das Bein nur für kurze Zeit eingegipst, um im Anschluss von einer Bein- oder Fußschiene gestützt zu werden. Der Vorteil, der Patient darf zwar wie mit dem Gips den Fuß nicht belasten, aber er kann das gesunde Knie, die gesunde Hüfte oder das gesunde Fußgelenk weiterhin bewegen. Zum Beispiel kann das Bein mit Hilfe einer passiven Bewegungsmaschine zu Hause muskulär mobilisiert werden. Das lindert Schmerzen, verringert die Thrombosegefahr und beschleunigt die Heilung. Die Rehabilitation kann für den Patienten viel früher beginnen, als dies mit einem wochenlangen Gipsverband je möglich wäre“, erläutert Dr. Widhalm die neue Strategie.

Voraussetzung für diese fortgeschrittene Behandlung ist jedoch die Mitarbeit des Patienten. „Der Patient muss auf sein operiertes Bein achten. Er darf nicht auftreten und sollte körperlich sowie gesundheitlich fit sein.“

„Schlüsselloch-OP“ für den Oberarmbruch

Minimal-invasive Operationen haben auch bei der Behandlung von Knochenbrüchen Einzug gehalten.

Ein Beispiel dafür ist die Wiederherstellung eines gebrochenen Oberarmes. „Aufgrund massiver Fehlstellungen mit möglicher Verletzung eines Hauptnervs des Armes muss ein Oberarmbruch meist operiert werden. Früher wurden die Knochen mit Hilfe einer großen Platte fixiert, was zwar bei langstreckigen Brüchen manchmal noch erforderlich ist, aber bei bestimmten Bruchformen kann der Bruch mit kleinen Hautschnitten am Oberarm behoben werden. Über eine kleine Öffnung wird ein Nagel in den verletzten Knochen geführt, die Knochenteile werden um diesen anatomisch richtig positioniert und am Ende wird er mit mehreren kleinen Schrauben jeweils an den gesunden Abschnitten des Oberarmknochens fixiert. Der Vorteil, es wird wenig Gewebe verletzt, der Wundheilungsschmerz ist geringer und der Arm kann rascher bewegt werden.“

Gute Gründe, das kaputte Kreuzband zu erhalten

Neues tut sich auch in der Behandlung der wohl häufigsten Verletzung der Schifahrer, des Kreuzbandrisses. Eine recht junge Behandlung, die ein Kreuzband bei speziellen Rissformen wieder heilen lassen kann, ist die Ligamys-Methode. Hier hilft ein dünner Faden aus Polyethylen, der durch das lädierte Kreuzband gezogen wird. Er entlastet und stabilisiert es. Das hilft dem Körper, sich selbst zu heilen, das Kreuzband wächst in vielen Fällen wieder zusammen. Ein Titanplättchen und eine Stahlhülse mit eingebautem Federsystem verankern das Band im Unterschenkelknochen. Voraussetzung für diese neue Methode ist, dass der Riss nicht älter als drei Wochen ist, denn bei älteren Kreuzbandrissen ist die Selbstheilung des Gewebes meist zu schwach.

Im Kreuzband liegen wichtige „Sensoren“

Dennoch, zahlreichen Patienten muss ein Kreuzband-
ersatz eingesetzt werden, und meist wird er aus einer Sehne des eigenen Kniegelenkes geformt.

Das eigene, kaputte Kreuzband hat trotzdem nicht ausgedient. „Wir wissen heute, dass ein gerissenes Kreuzband nicht zur Gänze aus dem Knie entfernt werden soll. Es hat sich gezeigt, dass in den Stümpfen des natürlichen Kreuzbandes wichtige Sensoren sitzen, die für die Wahrnehmung der Stellung und Bewegung des Körpers im Raum sowie die Koordination des verletzten Kniegelenkes verantwortlich sind. Patienten, denen das gerissene Kreuzband entfernt wurde, hatten mit ihrem Ersatzband größere Probleme als jene, die den Rest des natürlichen Kreuzbandes im Knie behalten haben. Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass im natürlichen Kreuzbandrest Stammzellen enthalten sind, die für das Heilen des Traumas wichtig sind“, verrät der Unfallchirurg Forschungsergebnisse aus diesem Bereich, die auch weniger erfreuliche Nachrichten enthalten.

„Menschen, die einen Kreuzbandriss erleiden, müssen damit rechnen, dass es eine fünfzigprozentige Chance gibt, nicht wieder jenes sportliche Niveau zu erreichen wie vor der Verletzung, und, das ist vielleicht noch wichtiger, ein Kreuzbandriss im Knie mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit zu einer verfrühten Arthrose des Kniegelenkes führt. Daher ist es wichtig, beim Wintersport lieber einmal zu viel vorsichtig zu sein.“