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Mit dem privaten Glück kamen Liebeslieder
Viel von ihrer Privatsphäre ging verloren. Weil die vier Mittzwanziger der Band „AnnenMayKantereit“ aus Köln (D) mit ihrem ersten Album „Alles nix Konkretes“ durchschlagenden Erfolg hatten. Der wird anhalten, denn mit „Schlagschatten“ ist ein weiteres gutes Werk gelungen. Es enthält viele Bett-Themen, wie Henning May (Gesang) und Christopher Annen (Gitarre) dem WOCHE-Reporter Steffen Rüth erzählten.
Der Album-Titel „Schlagschatten“ lässt es nicht vermuten, aber mit „Nur wegen dir“ oder „In meinem Bett“ wird Ihrer Schlafstätte gleich mehrfach gehuldigt, Herr May. Woran liegt das?
Henning May: Der Verlust unserer Privatsphäre traf uns hart. Mich als Sänger noch schlimmer als die anderen. Mein Zimmer ist deshalb meine Höhle und mein Schildkrötenpanzer und fast der einzige Ort, an dem ich privat sein und Intimität ausleben kann. Das führt dazu, dass mein Bett eine große Strahlkraft besitzt und auch eine Form von Erholung bietet. Wir waren lang auf Tour, das war schön, aber auch anstrengend. Und ich liebe einfach ein frischgemachtes Bett, das noch ein bisschen nach mir richt, daneben steht eine gute Flasche Mineralwasser. Traumhaft.

Wohnen Sie noch in Ihrer Vierer-Wohngemeinschaft auf zwölf Quadratmetern, gemeinsam mit Severin Kantereit?
May: Ich bin innerhalb der Wohnung umgezogen. Jetzt habe ich vier Quadratmeter mehr. Einer ist ausgezogen, und ich habe sein Zimmer genommen. Aus meinem alten Zimmer haben wir ein Klavier-Playstation-Zimmer gemacht. Wir verdienen inzwischen genug Geld, dass wir uns den Luxus dieses Wohnzimmers gönnen.

Haben Sie kein Interesse, dort einzuziehen, Herr Annen?
Christopher Annen: (lacht) Danke, ich bin gut versorgt. Ich lebe mit meiner Freundin zusammen.

In „Weiße Wand“ äußern Sie sich das erste Mal politisch …
May: Wir hatten auch auf „Alles nix Konkretes“ schon politische Inhalte. Wenn ich in „21, 22, 23“ sage „Du hältst deine Träume klein und verlierst dich in deinem Alltagskomfort“, ist das für mich Gesellschaftskritik. Auch das Lied über meinen Vater ist politisch, wenn ich singe „Ich habe keine Heimat, ich habe nur dich“.

Zeilen wie „Flüchtlingskrise fühlt sich an wie Reichtagsbrand“ oder „Jung und weiß in einem reichen Land“ wirken fast selbstanklagend.
May: So ist das auch gemeint. Uns ist der Gedanke, hier so zu leben, wie wir leben, weil uns das in die Wiege gelegt wurde, tatsächlich unangenehm. Wir können nichts dafür, dass wir diese Hautfarbe haben oder in diesem Land geboren wurden. Wir haben viele Privilegien, die unverdient sind. Das merke ich immer, wenn ich mit einem Freund Fußball spiele. Wir gehen nachher noch in eine Bar, und er wird angestarrt, weil er schwarz ist.

Annen: Weiß, hetero und männlich – das bewahrt dich vor so vielen Anfeindungen, ohne dass du was dafür getan hast. Ich finde es wichtig, das zu nutzen und bei anderen ein Bewusstsein für diese Tatsache zu schaffen. Ich muss auch nicht überlegen, ob ich in der Bahn ein T-Shirt mit Ausschnitt trage. Obwohl: Mir ist das auch schon passiert, dass ich nach einem Konzert noch tanzen ging und an Stellen angefasst wurde, an denen ich das nicht will.

Besser als auf „Alles nix Konkretes“ scheint es mit den Frauen zu laufen. Statt Trennungslieder wie „Pocahontas“ gibt es Liebeslieder wie „Nur wegen dir“. Sind Sie verliebt, Herr May?
May: Sagen wir so: Weil ich ein ganz besonderes Glück erlebt habe, mich zu verlieben, habe ich mich textlich auch stärker getraut, das zu verarbeiten.

Was ist Ihr nächstes Ziel?
May: Die beste Tour hinzulegen, die wir je gespielt haben.

Am 4. Februar tritt die Band in Wien im Klub Porgy & Bess auf.