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Das Gesicht des Volks-Aufstandes
Mit seiner „nationalen Debatte“ will der französische Präsident Bürgernähe demonstrieren und den „Gelbwesten“-Revoluzzern den Wind aus den Segeln nehmen. Er wolle „Wut in Lösungen“ verwandeln, sagte Emmanuel Macron jüngst. Doch der Volkszorn der Franzosen ist nach wie vor groß. Die Mittelschicht fürchtet, vollends abgehängt zu werden, während die Elite in Politik und Wirtschaft weiterhin auf großem Fuß lebt.
Schon der Auftakt war verpatzt. Bis Mitte März findet die „nationale Debatte“ in Gemeindesälen quer durch ganz Frankreich statt. Präsident Emmanuel Macron will mit den Gesprächsrunden die „Gelbwesten“-Proteste beenden. Doch dass eine 49jährige Ex-Ministerin rund 15.000 Euro pro Monat für ihre Arbeit als Vorsitzende der „Nationalen Kommission für öffentliche Debatten“ bekommt, sorgte für Unmut. Für viele „Gelbwesten“ ist das ein typisches Beispiel dafür, wie sich die Elite aus der Staatskassa bedient, während das Volk sparen soll.

Hinter der „Gelbwesten“-Bewegung steht keine Partei, es gibt keine Anführer im klassischen Sinn. Aber für viele ist Ingrid Levavasseur das Gesicht dieses Aufstandes. Die 31jährige Krankenpflegerin, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, war schon beim ersten Protest Mitte November gegen die Erhöhung der Spritsteuer auf der Straße.

Immer wieder erklärte sie im Fernsehen die Beweggründe der „Gelbwesten“. Sie spricht für die wütenden Bürger der unteren Mittelschicht. „Die Menschen um mich herum leiden“, wurde die junge Frau aus der Normandie im Norden Frankreichs kürzlich zitiert. Sie könnten nicht in den Urlaub fahren, den Kindern kein neues Gewand kaufen und schalteten die Heizung lieber selten ein.

Was Ingrid Levavasseur bewegt, ist auf ihrer neongelben Warnweste zu lesen. „Mir reicht‘s. Krankenpflegerin, die 1.250 Euro im Monat bekommt, während sich die Aktionäre die Taschen vollstopfen. Macron, der König, hält es mit den Adeligen, während das Volk mit offenem Maul
träumt.“ Darunter steht, „widerspenstige, stolze Gallierin“.

Ingrid Levavasseur steht für Ruhe und Mäßigung. Zu Weihnachten veröffentlichte sie auf Facebook eine Nachricht. „Nein, wir sind keine Radikalen! Nein, wir sind keine Extremisten! Nein, wir sind keine Faschisten! Wir sind Menschen, die gehört werden wollen“, hieß es darin. Und: „Lasst uns unsere Wut in eine unbezwingbare Kraft verwandeln und unsere Intelligenz statt Waffen einsetzen.“ Sie unterschrieb als „Ingrid, Bürgerin in der gelben Weste“.

Doch auch sie als eines der prominentesten Gesichter der Volksbewegung ist nicht vor Kritik gefeit. Zuletzt, weil ein französischer Fernsehsender regelmäßig Berichte über ihre „Gelbwesten“-Aktionen zeigen wollte. Levavasseur lehnte das Angebot schließlich ab. Die französische Gleichstellungs-Staatssekretärin Marlène Schiappa verurteilte die Angriffe auf ihre Geschlechtsgenossin. Sie habe sie im Dezember in ihrem Ministerium getroffen und als „konstruktiv und ohne Hass“ kennengelernt.

Seit Mitte November gehen Woche für Woche Zehntausende Franzosen gegen die Regierung auf die Straße, blockieren Kreisverkehre und Autobahnen. Ausgestattet mit Warnwesten protestieren die meis-
ten friedlich, doch vielerorts setzten Vermummte Autos in Brand, warfen Steine und randalierten. Dutzende Menschen wurden festgenommen.

Der Auslöser für diesen „Aufstand der Mittelschicht“ war der Plan der französischen Regierung, Öko-Steuern auf Benzin und Diesel einzuführen, nachdem die Spritpreise 2018 schon um ein Fünftel gestiegen sind. Viele Franzosen, vor allem auf dem Land, sind auf das Auto angewiesen, öffentliche Verkehrsmittel sind dort rar. Dass Macron angesichts der steigenden Alltagskosten auch noch diese Steuer erhöhen wollte, brachte das Fass zum Überlaufen. Für die wütenden Bürger war das ein weiteres Zeichen für die Arroganz des 41jährigen Staatsoberhauptes im prunkvollen Elysée-Palast, der keine Ahnung von der Lebenswirklichkeit des Volkes hat.

Auf die Forderungen der „Gelbwesten“ musste der Staatspräsident mittlerweile teilweise eingehen. Die Regierung kippte die Spritpreis-Erhöhung, beschloss Steuererleichterungen für Pensionisten und die Steuerfreiheit von Überstunden. Jetzt will Emmanuel Macron die „Wut in Lösungen“ verwandeln. Die Debatten-Vorschläge der Bürger sollen helfen, „einen neuen Vertrag für die Nation“ zu entwerfen. „Verbotene Fragen“ werde es bei seinem Bürgerdialog nicht geben. Von Steuern bis zur Einwanderung sollen insgesamt 35 Themen diskutiert werden. Trotz der neuen Bürgernähe gilt Macron als der bisher unbeliebteste Präsident. Drei Viertel der Franzosen sind mit ihm unzufrieden.

Auch Ingrid Levavasseur hat vor eineinhalb Jahren für Macron gestimmt. „Ich bereue es“, sagte sie einmal. „Wir haben so viel von diesem Mann erwartet, dass wir nur enttäuscht sein können.“