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Hilfeschrei der Seele
Schwermütige Phasen hat jeder Mensch einmal. Dauern sie aber Wochen an, kann eine ernsthafte Krankheit der Grund sein, die Depression. Wichtig ist, Betroffenen rasch und richtig zu helfen. Der Psychiater Dr. Günter Klug, Präsident von pro mente Austria, erklärt, warum nicht alle Betroffenen die gleichen Symptome zeigen und wie Erste Hilfe für die Seele funktionieren kann.
Sie ist mehr als ein Stimmungstief oder eine vorübergehende Traurigkeit, und nichts, was mit den Worten „Jetzt reiß dich zusammen“ aus der Welt zu schaffen ist. Depressionen sind eine Erkrankung, die Körper, Geist und Seele einnimmt, festhält und in ihrer schwersten Form nie wieder loslässt.

Etwa jeder Fünfte im Land macht einmal im Leben mit einer Depression „Bekanntschaft“. Gegenwärtig sind vierhunderttausend Frauen und Männer daran erkrankt,
doch Experten schätzen, dass viele Betroffene im Dunkeln unerkannt und still leiden. Tatsächlich ist eine Depression für Betroffene und ihr Umfeld nicht immer sofort als solche zu erkennen. „Die Erkrankung hat unterschiedliche Ausprägungen, von leichten depressiven Verstimmungen bis hin zu schweren Formen mit akuter Gefahr der Selbsttötung. Der Begriff Selbstmord wird heutzutage unterlassen, da er wegen seiner Delikthaftigkeit zu einem äußerst negativen Bild beigetragen hat. Vor allem die ersten Anzeichen wie eine anhaltend gedrückte Stimmung oder Antriebslosigkeit werden oft verkannt. Betroffene wie Außenstehende neigen dazu, so ein Befinden zu verharmlosen und beschwichtigen häufig“, erläutert Dr. Günter Klug, Psychiater und Psychotherapeut sowie Präsident von pro mente Austria, dem Dachverband von 24 Organisationen, die sich um die Bedürfnisse von Menschen mit psychisch-sozialen Erkrankungen kümmern.

Depressive Männer sind häufig gereizt

Die Ursachen, die zum Auftreten von Depressionen führen, sind meist das Zusammenspiel verschiedener Faktoren. „Dazu gehören die genetische Veranlagung, ein Ungleichgewicht der Botenstoffe in spezifischen Hirnregionen, bestimmte Medikamente sowie Stressfaktoren. Psychosoziale Aspekte können traumatische Erlebnisse sein, der Verlust eines geliebten Menschen oder des Arbeitsplatzes sowie chronische Überlastung, etwa durch den Beruf oder die Betreuung eines pflegebedürftigen Menschen. Ebenso können Hormonumstellungen wie nach einer Schwangerschaft oder die Umstellung auf die Winterzeit eine Depression auslösen“, erklärt Dr. Klug und räumt mit einem „Irrtum“ auf. Frauen erkranken keineswegs so häufig an Depressionen, wie bisher gedacht, und Männer erkranken ebenso, nur werden sie weniger gut erfasst.

„Neue Studien zeigen, dass depressive Männer nicht die typische Traurigkeit, Weinerlichkeit und Zurückgezogenheit zeigen, sondern häufig Reizbarkeit, Wut, Drogengebrauch oder eine gesteigerte Risikobereitschaft. Sie suchen weniger oft Hilfe, haben keinen so großen unterstützenden Freundeskreis wie Frauen. Der gesellschaftliche Druck, keinen Schmerz zu zeigen, immer stark sein zu müssen, spielt sicher eine Rolle. Vor allem ältere depressive Männer sind gefährdet, sich zu töten. Um Männern helfen zu können, ist es wichtig, die für sie typischen Symptome zu erkennen.“

Erste Hilfe für die Seele

Hilfe zu suchen, sie anzunehmen oder anzubieten, ist bei Depressionen so richtig und wichtig wie bei Zahnschmerzen oder Rückenleiden. „Natürlich ist nicht jede Traurigkeit eine Depression und jeder Wutausbruch Grund zur Sorge. Genauer hinzusehen und nachzufragen, ist aber ein wichtiger Schritt, denn nur jeder zweite Betroffene bekommt die fachärztliche Hilfe, die er bräuchte. Gehen Sie auf den Menschen zu, fragen Sie, wie es ihm geht. Hören Sie zu und haben Sie Geduld. Menschen in seelischen Krisen brauchen Raum zum Erzählen. Kann jemand über seine Probleme sprechen, ist das oft hilfreich. Trauen Sie sich selbst die Hilfe nicht zu, verspüren Sie Unbehagen oder fühlen Sie sich überfordert, holen Sie Unterstützung. Oft ist der Hausarzt eine Vertrauensperson und meist besitzt er das Fachwissen, um eine Depression zu erkennen. Wer selbst den Verdacht hat, depressiv zu sein, tut sich Gutes, Hilfe zu holen. Das kann in einem ersten Schritt anonym sein. Die Telefonseelsorge ist über den Notruf 142 erreichbar. In Wien und Eisenstadt (B) gibt es den Psychosozialen Notdienst, in Salzburg das Krisentelefon von pro mente, in Kärnten den Psychiatrischen Not- und Krisendienst und in Oberösterreich die Krisenhilfe, um Beispiele zu nennen, die 24 Stunden erreichbar sind“, sagt Dr. Klug und empfiehlt die Gratis-Broschüre „Erste Hilfe für die Seele“ (www.promenteaustria.at, Tel.: 0732/785397).

Antidepressiva machen nicht abhängig

Der Weg aus einer Depression gelingt am besten mit einer Kombinationstherapie aus Antidepressiva, die der Psychiater für vier bis sechs Monate verschreibt, und einer begleitenden Psychotherapie durch Psychologen oder Psychotherapeuten. „Viele Betroffene ringen mit der Akzeptanz einer medikamentösen Behandlung. Die Vorstellung, es von sich aus schaffen zu wollen, ist verbreitet. Doch die biologischen Abläufe im Gehirn sprechen für Unterstützung durch ein Antidepressivum. Bei den meisten kommt es nach ein paar Wochen zur Besserung. Patienten müssen wissen, moderne Antidepressiva sind nebenwirkungsarm und machen nicht abhängig. Nur das Einstellen der richtigen Dosis kann anfangs dauern. Eine enge ärztliche Kontrolle ist wichtig, damit Patienten nicht meinen, das Medikament wirke nicht und die Einnahme womöglich selbstständig beenden.“