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„Meine Haube ist magisch“
„Hey Baby“, seit bereits 20 Jahren ist Gerry Friedle, besser bekannt als DJ Ötzi, im Musikgeschäft. Aus diesem Anlass hat er mit „20 Jahre DJ Ötzi – Party ohne Ende“ ein Jubiläums-Album auf den Markt gebracht. Es enthält 40 Lieder samt Hits wie „Hey Baby“, die ihn international bekannt gemacht haben. Daneben geht der 48jährige Sänger wieder auf Gipfeltour und singt auf Hütten. Freilich immer mit seinem gestrickten Häubchen auf dem Kopf. Davon bekommt er jeden Monat Nachschub, wie er der WOCHE-Reporterin Katja Schwemmers erzählt hat.
Herr Friedle, Sie feiern 20 Jahre DJ Ötzi. Was sind Ihre persönlichen Höhepunkte aus dieser Zeit?
Ich erinnere mich gern an die Anfänge. Ich hatte in Wien einen meiner ersten Auftritte. Ein paar Stunden danach erhielt ich einen Anruf, dass ich vom „Anton aus Tirol“ 14.000 Platten verkauft hatte. Da dachte ich mir: „So viel? Ich bin ein Superstar.“ (lacht) Das war natürlich nichts im Vergleich zu dem, was noch kommen sollte.

Unter anderem gelang es Ihnen, mit dem Lied „Hey Baby“ sogar die Hitparaden in Australien und Großbritannien anzuführen …
Mit verantwortlich dafür war ein Auftritt in der Musik-Show „Top Of The Pops“ in London (England). Das war unglaublich. Da gab es diesen Moment, als ich aus meiner Garderobe kam, sich ein Herr bei mir als „Herbie“ vorstellte und meinte, er würde sich freuen, mich kennenzulernen. Ich sagte ihm, dass ich gleich auf die Bühne müsste und wir später weiterreden könnten. Es stellte sich heraus, dass es Herbie Hancock war, der berühmte Jazz-Pianist (lacht). Seine Musik kannte ich natürlich, aber ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, ihn vor meiner Garderobe zu treffen. Alles war dort recht unwirklich.

Inwiefern?
Vor mir probte Jennifer Lopez mit ihren 15 Tänzern. Auch „Jamiroquai“ war in der Sendung. Als ich zurück in meine Garderobe ging, sah ich Paul McCartney aus dem Augenwinkel. Da nahm ich allen Mut zusammen und fragte ihn, ob ich ein Foto machen könnte. Als ich ihm sagte, dass ich aus Österreich sei, meinte er, er würde „Hey Baby“ kennen und würde Lipizzaner und die Spanische Hofreitschule lieben. Beim Verlassen des Studios ist mir auch noch der Boxer George Foreman über den Weg gelaufen. Den bat ich auch um ein Foto. Er nahm mich in den Arm.

Gab es eine Phase in Ihrer Karriere, da Sie die Bodenhaftung zu verlieren drohten?
Überhaupt nicht. Abzuheben passt nicht zu meinem Lebenslauf oder meiner Natur.

Warum nicht?
Ich habe schon in frühester Kindheit Ablehnung erfahren. Dadurch habe ich immer Selbstzweifel und Entmutigung mit mir herumgetragen. Da war diese innere Stimme, die mir sagte: „Wieso sollte mich denn irgendwer brauchen können?“

Was war der Grund für die Ablehnung?
Ich bin mit drei oder vier Jahren zu meinen Großeltern gekommen und deshalb in Tirol vom unteren Inntal ins obere gezogen. Ich galt dort anfangs als Zugereister. Das reichte schon in der Schulklasse. Ich war damals auch noch schwerer Epileptiker und hatte im Klassenraum einen Anfall. Noch dazu war mein Großvater Polizist. Er war in dem kleinen Dorf zwar angesehen, geliebt haben sie ihn aber nicht gerade.

War das die Motivation, aus Ihrem Leben etwas machen zu wollen?
Nein, meine Motivation war nie, es denen zu zeigen. Warum auch, es gab keinen Grund dafür. Besagte Menschen waren nie in meiner Welt. Aber vor ein paar Tagen hatte ich ein Klassentreffen – nach 40 Jahren. Das war super, denn dadurch habe ich vieles von damals aufarbeiten können. Dieses Gefühl, keinen Groll mehr zu hegen, wenn ich an damals denke, ist wunderbar. Ich habe aus dem Minus ein Plus machen können. Also ist alles gut.

Haben sich die ehemaligen Mitschüler nicht gewundert, dass DJ Ötzi zum Klassentreffen kommt?
Wenn ich zusage, komme ich auch. Klar war es schön für sie, es war aber auch positiv für mich – gerade weil ich Mobbing erfahren hatte. Diesen negativen Gedanken nicht mehr nachhängen zu müssen, ist großartig. Sowieso habe ich in den vergangenen Jahren ordentlich aufgeräumt in meinem Leben.

Was haben Sie gemacht?
Ich habe alle negativen Menschen aus meinem Umfeld entfernt. Wenn du neu beginnen willst, musst du mit dem Alten nicht nur abschließen und verzeihen, sondern es auch aufarbeiten. Dabei ging ich mitunter durch die Hölle. Manches ist dabei aber auch in Schall und Rauch aufgegangen. Ich habe darüber reflektiert, es aufgeschrieben und die Zettel verbrannt. Außerdem habe ich mein Glück mit dem Jakobsweg gefunden.

Wie oft sind Sie ihn gegangen?
Zwei Mal. Aber ich mache das sicherlich noch ein drittes Mal. Dann aber nicht nur die Route von 270 Kilometern, sondern eine längere mit 759 Kilometern. Samt wunden Füßen, aber die kann ich ertragen.

Ist DJ Ötzi Kult?
Ach, es kommen viele junge Menschen zu den Konzerten. Ich spüre, dass sich da was bewegt. Auf der Straße singen sie mir Titel wie „Ein Stern“, „Geboren um dich zu lieben“ oder „Amore“ hinterher. Oder sie fragen einfach nur: „Hallo Gerry, wie geht‘s dir?“ Viele sprechen mich auch mit Herr Ötzi an.

Und trotzdem werden Sie von einigen noch belächelt.
Weil sie mich auf Après-Ski und Hütten-Gaudi reduzieren. DJ Ötzi ist nun einmal Massenpublikum. Aber wenn meine Lieder generell keine Hits wären, wären es auch keine Après-Ski-Hits. Meine Lieder haben überdauert, das wundert mich selber, dass die Erfolge so nachhallen.

Was steckt dahinter, dass Sie stets eine Strickhaube tragen?
Magie (lacht). Sie verleiht Kraft und Energie. Sie ist ein Markenzeichen, keine Verkleidung. Diese Haube gibt mir den Mut, mehr zu sein. Gerry Friedle meidet Elefanten, DJ Ötzi reitet Elefanten. Es steckt also mehr dahinter.

Wie viele solcher Hauben haben Sie?
Mittlerweile an die 50. Früher hat meine geliebte Oma sie für mich gemacht. Meine Oma ist leider vor drei Jahren verstorben. Nun macht sie eine Freundin der Familie. Sie schickt mir jeden Monat zehn bis 15 Stück. Auf diese Weise kann ich das eine oder andere Stück auch einmal weiterverschenken.