Betroffener nach Selbstmord des Bruders: „Ich konnte nicht wissen, dass ich ihn nie wiedersehen würde“
Ben West war 17 Jahre alt, als sich sein kleiner Bruder Sam mit 15 Jahren im Kinderzimmer das Leben nahm. Ausgehend von diesem Verlust engagiert er sich heute in der Suizidprävention und hat das Projekt „Reasons to stay“ ins Leben gerufen. Dabei verfassen Menschen Briefe an Personen in schweren Krisen, diese sollen Hoffnung, Trost und Zuversicht spenden.
„Hallo Fremder! Ich möchte dir nur sagen, dass dich jemand liebt. Dein Leben zählt, DU zählst. Du bist stark und verdienst einen Platz in dieser Welt. Du bist keine Last, du gehörst hierher. Gib nicht auf.“
Es ist einer von mehr als 116.000 Briefen, die mittlerweile auf die Internetseite „Reasons to stay“ (Gründe, um zu bleiben) geladen wurden.
Das internationale Projekt zur Suizidprävention soll Menschen in seelischen Krisen mit Briefen von Fremden erreichen. Gegründet wurde es von Ben West. Einem jungen Briten aus Kent, der selbst einmal glaubte, nie wieder glücklich sein zu können.
Im Jänner 2018 verlor West seinen kleinen Bruder Sam durch Suizid. West war damals 17, sein Bruder erst 15 Jahre alt. Immer wieder denkt er an den Tag, der sein Leben für immer verändert hat.
„Es war Sonntagabend, der 21. Jänner 2018. Ich hörte die Schreie meiner Mutter durch meine Kopfhörer und eilte die Stiege hinauf, zum Zimmer meines Bruders. Er lag bewusstlos am Boden. Zuerst dachte ich an einen Sturz. Mein Kopf konnte das Unfassbare nicht einordnen.“
Rund 20 Minuten lang versuchte er, seinen Bruder bis zum Eintreffen der Rettungskräfte wiederzubeleben. Doch es war zu spät. „Das war der Moment, in dem ich erwachsen geworden bin“, erzählt West später. „Ich hatte meine Jugend verloren.“
Das letzte Wort, das er an diesem Tag zu Sam gesagt hatte, war ein wütendes „Fuck off“ (Schleich dich). Die beiden hatten sich in der Küche gestritten. „Ich konnte nicht wissen, dass ich ihn nie wiedersehen würde“, erinnert er sich mit Tränen in den Augen an den Moment zurück.
Nach Sams Tod wurde dieser Satz zu einer quälenden Erinnerung. Obwohl sein Bruder bereits Monate zuvor mit Depressionen zu kämpfen hatte, redete er sich ein, er sei Schuld. Es dauerte Jahre und viele Therapiesitzungen, bis er sich aus diesen Gedanken befreien konnte.
Dennoch ließ ihn eine Frage nicht mehr los. „Was hätte Sam helfen können? Hätte ein Gespräch, eine Nachricht etwas verändert?“ West konnte die Vergangenheit nicht ändern, aber er wollte „in Zukunft verhindern, dass andere Menschen das gleiche durchmachen müssen wie meine Familie“.
Seinen Bruder beschreibt er als „begabten Musiker und Künstler, frech, schlagfertig, aber auch feinfühlig“. Einer, der sich um Menschen kümmerte und selbst versuchte, etwas zu verändern.
„Während Sam mit seiner Depression kämpfte, begann er, Plakate zu mentaler Gesundheit in seiner Schule aufzuhängen.“ Er versuchte, anderen Halt zu geben, obwohl er selbst Halt gebraucht hätte. West ist überzeugt, dass sein Bruder, hätte er überlebt, heute im Bereich der psychischen Gesundheit arbeiten würde. Also führt er fort, was Sam begonnen hat.
Heute ist der 25jährige als Aktivist für psychische Gesundheit tätig. Der Brite spricht national und international über Depressionen und Suizid, arbeitet mit Regierungsvertretern, Schulen und Fachleuten zusammen und trug sein Anliegen sogar Premierminister Boris Johnson in der Downing Street 10 vor. Mit Erfolg: Seit September 2025 ist psychische Gesundheit erstmals Bestandteil des englischen Ausbildungsprogrammes für neue Lehrkräfte.
Acht Jahre nach dem Tod seines Bruders ist aus persönlicher Trauer eine Arbeit geworden, die Menschen auf der ganzen Welt erreicht. Mehr als 5,5 Millionen Internetaufrufe hat „Reasons to stay“ seit der Projektgründung im Jänner dieses Jahres (www.reasonstostay.org).
West ist dabei wichtig, festzuhalten: „Es ist ein niederschwelliges Angebot, eine Möglichkeit, in einem dunklen Moment Verbindung herzustellen. Es soll Menschen ermutigen, weitere Hilfe anzunehmen, wenn sie diese brauchen, ersetzt aber keine Therapie.“
Menschen aus aller Welt schreiben dabei anonyme Briefe an Fremde, die möglicherweise gerade mit Suizidgedanken kämpfen, und spenden tröstende Worte der Hoffnung und Zuversicht. „Eine freundliche Erinnerung daran, dass sie nicht allein sind.“ Eine Registrierung ist nicht notwendig, die eingereichten Briefe werden vor der Veröffentlichung von klinisch geschulten Freiwilligen durchgesehen.
Und oft ist es nur ein Satz, der alles verändert. So wie bei Emma (Name aus Datenschutzgründen von der Redaktion geändert). „Mir ging es im Jänner so schlecht wie nie zuvor.“ Durch Zufall stieß sie auf die Internetseite und las einen der Briefe. Darin stand ein Satz: „Es gibt ein zukünftiges Leben, das du noch nicht gelebt hast.“
Sie berichtet: „Dieser Satz hat mir das Leben gerettet. Aus irgendeinem Grund hat diese Vorstellung etwas in mir ausgelöst, das ich noch nie in Betracht gezogen hatte.“ Der Brief habe ihr in diesem Moment so viel Hoffnung gegeben und sie in einem Augenblick erreicht, in dem sie ihn am dringendsten gebraucht hat.
„Ich frage mich, wie viele Jugendliche in ihrem Zimmer gesessen sind, auf unsere Seite gegangen sind und einen Grund gefunden haben, zu bleiben“, sagt West und freut sich über die unglaubliche Resonanz seines Projektes. „Das bedeutet mir sehr viel.“
Dabei betreibt er auch in den sozialen Netzwerken Aufklärungsarbeit (@Iambenwest) und appelliert: „Du musst keine Fachkraft sein, um jemanden zu fragen, wie es ihm geht. Wenn du dir Sorgen um jemanden machst, schick eine Nachricht. Geh mit der Person auf einen Kaffee. Und wenn du sie siehst, umarme sie, so fest du kannst.“
Mehr als 7.000 Suizide wurden im Vorjahr in Großbritannien registriert, hierzulande waren es an die tausend. Viele Menschen würden davor zurückschrecken, über Suizid zu sprechen, aus Angst, etwas Falsches zu sagen. „Doch Schweigen schützt niemanden. Es macht die Not nur schwerer sichtbar.“ Schuh
Es ist einer von mehr als 116.000 Briefen, die mittlerweile auf die Internetseite „Reasons to stay“ (Gründe, um zu bleiben) geladen wurden.
Das internationale Projekt zur Suizidprävention soll Menschen in seelischen Krisen mit Briefen von Fremden erreichen. Gegründet wurde es von Ben West. Einem jungen Briten aus Kent, der selbst einmal glaubte, nie wieder glücklich sein zu können.
Im Jänner 2018 verlor West seinen kleinen Bruder Sam durch Suizid. West war damals 17, sein Bruder erst 15 Jahre alt. Immer wieder denkt er an den Tag, der sein Leben für immer verändert hat.
„Es war Sonntagabend, der 21. Jänner 2018. Ich hörte die Schreie meiner Mutter durch meine Kopfhörer und eilte die Stiege hinauf, zum Zimmer meines Bruders. Er lag bewusstlos am Boden. Zuerst dachte ich an einen Sturz. Mein Kopf konnte das Unfassbare nicht einordnen.“
Rund 20 Minuten lang versuchte er, seinen Bruder bis zum Eintreffen der Rettungskräfte wiederzubeleben. Doch es war zu spät. „Das war der Moment, in dem ich erwachsen geworden bin“, erzählt West später. „Ich hatte meine Jugend verloren.“
Das letzte Wort, das er an diesem Tag zu Sam gesagt hatte, war ein wütendes „Fuck off“ (Schleich dich). Die beiden hatten sich in der Küche gestritten. „Ich konnte nicht wissen, dass ich ihn nie wiedersehen würde“, erinnert er sich mit Tränen in den Augen an den Moment zurück.
Nach Sams Tod wurde dieser Satz zu einer quälenden Erinnerung. Obwohl sein Bruder bereits Monate zuvor mit Depressionen zu kämpfen hatte, redete er sich ein, er sei Schuld. Es dauerte Jahre und viele Therapiesitzungen, bis er sich aus diesen Gedanken befreien konnte.
Dennoch ließ ihn eine Frage nicht mehr los. „Was hätte Sam helfen können? Hätte ein Gespräch, eine Nachricht etwas verändert?“ West konnte die Vergangenheit nicht ändern, aber er wollte „in Zukunft verhindern, dass andere Menschen das gleiche durchmachen müssen wie meine Familie“.
Seinen Bruder beschreibt er als „begabten Musiker und Künstler, frech, schlagfertig, aber auch feinfühlig“. Einer, der sich um Menschen kümmerte und selbst versuchte, etwas zu verändern.
„Während Sam mit seiner Depression kämpfte, begann er, Plakate zu mentaler Gesundheit in seiner Schule aufzuhängen.“ Er versuchte, anderen Halt zu geben, obwohl er selbst Halt gebraucht hätte. West ist überzeugt, dass sein Bruder, hätte er überlebt, heute im Bereich der psychischen Gesundheit arbeiten würde. Also führt er fort, was Sam begonnen hat.
Heute ist der 25jährige als Aktivist für psychische Gesundheit tätig. Der Brite spricht national und international über Depressionen und Suizid, arbeitet mit Regierungsvertretern, Schulen und Fachleuten zusammen und trug sein Anliegen sogar Premierminister Boris Johnson in der Downing Street 10 vor. Mit Erfolg: Seit September 2025 ist psychische Gesundheit erstmals Bestandteil des englischen Ausbildungsprogrammes für neue Lehrkräfte.
Acht Jahre nach dem Tod seines Bruders ist aus persönlicher Trauer eine Arbeit geworden, die Menschen auf der ganzen Welt erreicht. Mehr als 5,5 Millionen Internetaufrufe hat „Reasons to stay“ seit der Projektgründung im Jänner dieses Jahres (www.reasonstostay.org).
West ist dabei wichtig, festzuhalten: „Es ist ein niederschwelliges Angebot, eine Möglichkeit, in einem dunklen Moment Verbindung herzustellen. Es soll Menschen ermutigen, weitere Hilfe anzunehmen, wenn sie diese brauchen, ersetzt aber keine Therapie.“
Menschen aus aller Welt schreiben dabei anonyme Briefe an Fremde, die möglicherweise gerade mit Suizidgedanken kämpfen, und spenden tröstende Worte der Hoffnung und Zuversicht. „Eine freundliche Erinnerung daran, dass sie nicht allein sind.“ Eine Registrierung ist nicht notwendig, die eingereichten Briefe werden vor der Veröffentlichung von klinisch geschulten Freiwilligen durchgesehen.
Und oft ist es nur ein Satz, der alles verändert. So wie bei Emma (Name aus Datenschutzgründen von der Redaktion geändert). „Mir ging es im Jänner so schlecht wie nie zuvor.“ Durch Zufall stieß sie auf die Internetseite und las einen der Briefe. Darin stand ein Satz: „Es gibt ein zukünftiges Leben, das du noch nicht gelebt hast.“
Sie berichtet: „Dieser Satz hat mir das Leben gerettet. Aus irgendeinem Grund hat diese Vorstellung etwas in mir ausgelöst, das ich noch nie in Betracht gezogen hatte.“ Der Brief habe ihr in diesem Moment so viel Hoffnung gegeben und sie in einem Augenblick erreicht, in dem sie ihn am dringendsten gebraucht hat.
„Ich frage mich, wie viele Jugendliche in ihrem Zimmer gesessen sind, auf unsere Seite gegangen sind und einen Grund gefunden haben, zu bleiben“, sagt West und freut sich über die unglaubliche Resonanz seines Projektes. „Das bedeutet mir sehr viel.“
Dabei betreibt er auch in den sozialen Netzwerken Aufklärungsarbeit (@Iambenwest) und appelliert: „Du musst keine Fachkraft sein, um jemanden zu fragen, wie es ihm geht. Wenn du dir Sorgen um jemanden machst, schick eine Nachricht. Geh mit der Person auf einen Kaffee. Und wenn du sie siehst, umarme sie, so fest du kannst.“
Mehr als 7.000 Suizide wurden im Vorjahr in Großbritannien registriert, hierzulande waren es an die tausend. Viele Menschen würden davor zurückschrecken, über Suizid zu sprechen, aus Angst, etwas Falsches zu sagen. „Doch Schweigen schützt niemanden. Es macht die Not nur schwerer sichtbar.“ Schuh








