„Klischees rollen besser als Rollstühle“
Der Kärntner Autor, Politiker und Inklusionskämpfer Franz-Joseph Huainigg feierte heuer seinen 60. Geburtstag. Anlass genug, seine Lebensgeschichte voller Schicksalsschläge, Verluste, aber auch großer Meilensteile und Erfolge in einer Biografie niederzuschreiben.
„Wenn du gehen kannst, bekommst du einen Hund.“ Das hatten seine Eltern ihm versprochen, denn die ersten neun Jahre seines Lebens verbrachte Franz-Joseph Huainigg am Boden herumkriechend. „Ich war dennoch ein fröhliches Kind. Immer lächelte ich mit meinem Sommersprossengesicht und machte Scherze.“

Nach drei Operationen lernte er schließlich zu gehen – mit Schienen, Stützapparaten und Krücken. Heimliche Motivation war dabei natürlich die Aussicht auf einen vierbeinigen Freund. Bekommen hat er ihn nie, stattdessen gab es zu seinem zehnten Geburtstag eine Überraschung. Die Schildkröte „Kralli“ zog im Kinderzimmer ein. Unerwarteterweise „eröffnete mir ,Kralli‘ die Welt“ und wurde so zu seinem Lehrmeister. Von der Schildkröte lernte Huainigg Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit.

Denn die Panzertiere, so findet er, haben etwas Entscheidendes verstanden. Sie geben nicht auf, nur weil ein Hindernis im Weg liegt. Sie probieren es immer wieder und wieder. Dieses Mantra verinnerlichte er.

Schildkröten begleiteten ihn durch sein ganzes späteres Leben. Seine Frau Judit überraschte er bereits zu Beginn der Beziehung mit Schildkrötenbabys, heute ist seine Wohnung in Wien voll mit Schildkrötenvasen, Tassen und Stofftieren. „Auch Judit nennt mich scherzhaft ‚Schildkrötle‘. Wegen meines Buckels und des vorgestreckten Kopfes gibt es wohl Ähnlichkeiten“, meint der Kärntner, der im Jahr 1966 in Paternion geboren wurde.

„Ich kam gesund zur Welt. Mit sieben Monaten bekam ich eine Impfung und reagierte mit Fieber. Danach hörte ich zu strampeln auf. Die Ärzte fanden den Grund nicht und meine plötzliche Behinderung war ein Schock für die Familie“, erzählt er.

Natürlich habe er sich im Laufe der Jahre gefragt, „Warum ich, warum ist mir das passiert?“, eine Antwort hat er bis heute nicht gefunden. Dabei ist es ihm aber wichtig, festzuhalten, „Wahrscheinlich wurde etwas bereits Vorhandenes ausgelöst.“ Als „Impfopfer“ möchte er sich nicht bezeichnen, auch für die Corona-Schutzimpfung hat er sich später entschieden.

Im Laufe der Jahre verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Mittlerweile ist Huainigg auf einen Elektrorollstuhl, künstliche Beatmung und persönliche Assistenz angewiesen. Er kann seine Arme und Beine nicht mehr bewegen, auch seine Sehkraft ließ stark nach.

Obwohl er viele Fähigkeiten verloren hat, eines ist ihm immer geblieben – sein Lebenswille und seine positive Einstellung. „Ich habe gelernt, mich so zu akzeptieren, wie ich bin, und mich selbst zu lieben.“

Seine große Liebe Judit lernte er in der Studentenvertretung kennen, 1996 heirateten die beiden. Das Paar hat zwei Adoptivkinder, Katharina und Elias.

Obwohl er heute ein glückliches und zufriedenes Leben mit seiner Familie führt, war sein Lebensweg nicht immer einfach. Als Franz-Joseph Huainigg in die Schule kam, war Barrierefreiheit noch ein Fremdwort.

Ein Jahr lang kämpfte seine Mutter dafür, dass er überhaupt in die Schule gehen durfte. Weitere neun Jahre trug sie ihn an jedem Schultag die Stiegen ins Klassenzimmer hinauf und eröffnete ihm so überhaupt erst die Möglichkeit zur Bildung.

Später lernte er Auto fahren und studierte Germanistik und Medienkommunikation. Nach seinem Abschluss hatte er nur einen großen Traum, Journalist zu werden.

Doch beim Arbeitsamt wurde ihm nahegelegt, in Pension zu gehen. Arbeit für Menschen mit Behinderung war damals nicht vorstellbar. Für Huainigg war das nur ein weiterer Anlass, es wie „Kralli“ einfach weiter zu probieren.

Er arbeitete beim Radio im ORF-Landesstudio Klagenfurt und schrieb seine ersten Bücher. In den 1990er Jahren gründete er das Wiener Kabarett „Krüppel aus dem Sack“. Er stand auf der Bühne, brachte Menschen zum Lachen und drehte damit die Perspektive um. Nicht er war das Opfer, er selbst bestimmte, worüber gelacht wurde. „Auf Mitleid war ich schon immer allergisch.“

Sein Humor ist ein „wichtiger Türöffner“ und eine Waffe gegen die Zuschreibungen der anderen. „Ein Witz zur richtigen Zeit rettet den Tag“, ist er sich sicher.

Im Jahr 2002 kam ein Anruf, der seinen Karriereweg erneut verändern sollte. Kurz darauf kandidierte er für die ÖVP im Nationalrat. Die Forderung, dass Menschen mit Beeinträchtigungen selbst politisch mitwirken sollten, begleitete ihn schon lange. Es ist ihm nach wie vor ein Anliegen, Menschen mit Behinderungen nicht auf ihre Hilfsbedürftigkeit zu reduzieren. Er plädiert für Respekt, Anerkennung und das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. „Barrierefreiheit beginnt, wenn die Barrieren in den Köpfen abgebaut werden. Klischees rollen besser als Rollstühle.“

Bis 2017 wirkte er als Abgeordneter an Gesetzen mit und setzte sich maßgeblich für Gleichstellung, Gebärdensprache, Menschenrechte und Inklusion ein. Dafür wurde ihm 2015 das Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich verliehen. Heute ist er im ORF als Beauftragter für Barrierefreiheit tätig und veröffentlicht Bücher zum Thema Behinderung und Gesellschaft.

In seiner Autobiografie „Mein langer Atem“ (Tyrolia Verlag, € 25,–) erzählt er von 60 Jahren voller Begegnungen, Abenteuern, Spitalsaufenthalten, Verlusten, Rückschlägen, seiner Familie, politischen Erfolgen und Momenten, in denen ihm das Leben wortwörtlich die Luft zum Atmen genommen hat.

„Kralli“ hat ihm hierfür etwas beigebracht, das sich nicht nur im Kindesalter bewährt hat. „Wer lange genug beharrlich bleibt, kann selbst dort ankommen, wo andere längst umgedreht hätten.“

Der lange Atem ist nicht nur eine Frage der Lunge.
Für Huainigg ist er eine Haltung. Schuh