Ein Ort der Hoffnung
Am 27. Oktober wählt Israel. Das Österreichische Pilger-Hospiz in Jerusalem hat auch im Krieg seine Pforten offen gehalten. In dessen Café sitzen Juden und Muslime nebeneinander.
Die goldene Kuppel des Felsendomes glänzt im Sonnenlicht. Franz Xaver Brandmayr genießt auf der Dachterrasse des Österreichischen Pilger-Hospizes die eindrucksvolle Aussicht über die Jerusalemer Altstadt.

„Ich selbst bin ein körperlich eher feiger Mensch, aber ich habe mich hier nie bedroht oder auch nur belästigt gefühlt“, erzählt der 70jährige Kirchenmann, der seit Juli das katholische Gästehaus leitet, das heute Reisenden aller Konfessionen offen steht. „Ich erlebe hier eine friedliche Atmosphäre.

Die weltpolitische Situation kann sich natürlich immer ändern. Aber selbst in Zeiten des Krieges ist die Altstadt von Jerusalem einer der sichersten Orte der Welt, weil kein Feind sie angreifen will – wegen der heiligen Stätten.“ Juden beten an der Klagemauer. Christen besuchen die Grabes-

kirche an der Stelle, wo Christus laut der Überlieferung nach seinem Tod am Kreuz beerdigt wurde. Die Al-Aksa-Moschee mit dem Felsendom wiederum ist die drittheiligste Stätte für Muslime.

Abseits der Altstadt prägen Wahlplakate die Straßen. Israel wählt am 27. Oktober ein neues Parlament. Umfragen prognostizieren ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Langzeit-Premier Benjamin Netanjahu und seinem Herausforderer Gadi Eisenkot, dem früheren Armeechef.

Er hat die Mitte-Partei „Jaschar“ gegründet, übersetzt „Geradeaus“. Beim Gaza-Krieg ist er einer Meinung
mit Netanjahu. „Erst muss die Hamas entwaffnet sein, dann ziehen wir uns aus Gaza zurück“, sagt Eisenkot. Benjamin Netanjahu, der Chef der rechten Likud-Partei („Zusammen-

schluss“) regiert derzeit in einer Koalition mit religiösen und rechtsextremen Parteien. Der Gaza-Krieg nach dem Hamas-Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 hat mehr als 70.000 Todesopfer gefordert.

Mehr als 80 Prozent der Gebäude in Gaza sind zerstört oder beschädigt. Seit einem Jahr gilt eine brüchige Waffenruhe.

Sowohl Netanjahu als auch Eisenkot können mit rund einem Fünftel der Wählerstimmen rechnen. Im Moment stünden sich die Regierung und die Opposition „ziemlich gleich stark gegenüber“, erklärt Franz Xaver Brandmayr. Im schlimmsten Fall drohe eine Serie von mehreren Wahlen hintereinander. Das war schon zwischen 2019 und 2022 der Fall. Die Israelis wählten in der kurzen Zeitspanne fünf Mal.

Im Café Triest des Pilger-Hospizes, wo Apfelstrudel und Sachertorte serviert werden, ist von der angespannten politischen Atmosphäre nichts zu spüren. Das Kaffeehaus hatte, wie das gesamte Hospiz, in den vergangenen Jahren offen. „Und auch in den Zeiten des Krieges sind Muslime und Juden nebeneinander gesessen“, weiß Franz Xaver Brandmayr.

„Sie reden nicht miteinander, aber sie sitzen nebeneinander und trinken Kaffee“, erzählt er. „Sie wissen, wer der andere ist. An Samstagen und Sonntagen bilden sich sogar Schlangen. Wir haben ja den einzigen Garten in der Altstadt von Jerusalem.“

Das Gästehaus mit Kapelle und mehr als 120 Betten an der Via Dolorosa, dem Kreuzweg Jesu vor seiner Hinrichtung, feiert heuer sein 170-Jahr-Jubiläum.

Im Jahr 1856 wurde der Grundstein für die Pilger-Herberge gelegt. Die Habsburger-Monarchie wollte ihren Einfluss im Heiligen Land stärken. 1869 besuchte sogar Kaiser Franz Joseph bei seiner Pilgerreise das Hospiz.

In den Jahrzehnten danach hatte das Gästehaus eine wechselvolle Geschichte. Das Gebäude wurde mehrmals beschlagnahmt. Es diente als Waisenhaus, Offiziersschule und Spital. Seit 1985 ist es wieder im Besitz der katholischen Kirche. Drei Jahre später wurde es nach einer Renovierung neu eröffnet. Das Hospiz untersteht dem Erzbischof von Wien.

Wo sich früher Besuchermassen durch die Straßen der Jerusalemer Altstadt drängten, ist es jetzt viel stiller. „Die Gäste im Hospiz sind zwar noch spärlich, aber es kommen auch schon wieder Gruppen“, ist der neue Rektor des Österreichischen Hospizes dennoch optimistisch. „Vielleicht können wir jetzt im Oktober und November kostendeckend arbeiten. Und für die nächsten Jahre gibt es schon wieder Reservierungen.“

Brandmayr, der als Dompropst in Wiener Neustadt (NÖ) und auch in Rom tätig war, steht vor Herausforderungen. „Das alte Gebäude des Hospizes muss renoviert werden“, erklärt der katholische Priester. „Wir rechnen mit Kosten von 15 Millionen Euro.“

Zwei Tage nach seiner Ankunft stand er einem Boiler gegenüber, „der aus allen Löchern rann. Das konnte nach drei Tagen zwar notdürftig behoben werden, aber die Sanierung der ganzen Heizungsanlage steht dringend an.“ Dazu kommen weitere Renovierungen. Es gibt zwar schon Zusagen „vom Bund, den Bundesländern, dem Orden vom Heiligen Grab und der Bischofskonferenz, aber wir hoffen trotzdem auf Spenden.“

Auf lange Sicht werde sich das Gästehaus „sicher selbst erhalten können. In der Zeit zwischen Corona und dem Gaza-Krieg hat das Haus gebrummt, wir hatten schon Reserven von drei Millionen Euro.“ Davon wurden mittlerweile zwei Millionen verbraucht, weil das Haus „immer offen war. Davon hängen ja auch 30 Mitarbeiter und deren Familien ab.“

Die vom Vatikan beklagten Anfeindungen gegen Christen im Heiligen Land sind zuletzt zurückgegangen. Im Vorjahr gab es 185 Übergriffe, wie beispielsweise Spuck-Attacken.

Franz Xaver Brandmayr hat „noch nie eine brenzlige Situation erlebt. Ich gehe klar erkenntlich als Priester durch die Altstadt und die Menschen sind alle freundlich – Juden wie Araber. Sie gehen in unserer Straße friedlich aneinander vorbei, die Juden zur Klagemauer und die Muslime gehen zur Al-Aksa-Moschee.“ Von einem „wirklichen Frieden in dieser Region können wir nur träumen“, sagt der neue Rektor des Österreichischen Hospizes. „Aber es gibt immer wieder bessere Zeiten und Zeiten der Hoffnung. Zeiten, in denen die Menschen hierherkommen, nach Israel.“

Durch den Krieg seien riesige Verwundungen auf beiden Seiten entstanden. „Bei den Israelis durch den 7. Oktober, dieser größten Attacke, die es seit dem Zweiten Weltkrieg auf Juden gegeben hat, und ebenso auf der Gegenseite in Gaza.“

Das zu überwinden brauche Zeit, weiß der erfahrene Kirchenmann aus Oberösterreich. „Aber jeder kleine Schritt ist gut.“

Eine Zwei-Staaten-Lösung für die Israelis und Palästinenser hält er für unrealistisch. Doch vielleicht könne es eine Art Kantonslösung geben, mit „kleineren Einheiten mit relativer Selbstständigkeit“.

Das Wichtigste sei allerdings, „dass man im Gespräch bleibt. Solange man miteinander redet, solange schießt man nicht aufeinander.“