Schauspielerin Julia Koschitz, 51: „Akzeptanz ist die einzige Möglichkeit, um weiterzumachen“
In der sechsteiligen Fernseh-Serie „Das Vergessen – Spurlos im Moor“, Mo., 19. Oktober, und Di., 20. Oktober, jeweils 3 Folgen ab 20.15 Uhr in ORF1, erhält Julia Koschitz, 51, als Polizistin Pia Kraus die niederschmetternde Diagnose „Frühdemenz“.
Im Interview mit der WOCHE-Reporterin Martina Wieser spricht die Schauspielerin und Wahlwienerin über die Herausforderung dieser Rolle, ihre persönlichen Anker im Leben und welche stillen Momente sie für immer bewahren möchte.
Frau Koschitz, in dem Sechsteiler „Das Vergessen – Spurlos im Moor“ spielen Sie eine Polizistin, die unter großem Druck ermittelt. Pia Kraus sucht den Mörder ihrer Nichte und kämpft gleichzeitig gegen den schleichenden Verlust der eigenen Erinnerung aufgrund von Alzheimer. Wie ist es Ihnen gelungen, diese doppelte Belastung aus äußerem Krimi-Szenario und innerem Verfall schauspielerisch zu meistern?
Ich hatte großes Glück mit unglaublich gut geschriebenen Drehbüchern, zwei hervorragenden Regisseuren und einer ganz feinen Besetzung aus lauter guten Darstellern. Ich würde sie am liebsten alle namentlich erwähnen, genauso wie die Namen des großartigen Filmteams, aber das würde den Rahmen sprengen. All das trägt einen als Schauspieler durch die Dreharbeiten. Und ich konnte mich auf eine starke Geschichte verlassen, die mich schon beim Lesen emotional berührt hat – mit einer Figur, die aus Liebe zu ihrer Schwester, trotz scheinbar unüberwindbarer Hindernisse, die Wahrheit hinter diesem
Unglück aufdecken will. Für mich als Schauspielerin war diese Rolle einfach nur ein Geschenk.
Die niederschmetternde Diagnose Frühdemenz wirft Pia Kraus, die gerade einmal Mitte 40 ist, verständlicherweise völlig aus der Bahn. Welche Lebensphilosophie oder welcher persönlicher Anker gibt Ihnen in Momenten tiefer Verunsicherung Halt?
Mein persönlicher Anker sind die Menschen, die ich liebe. Bei der Philosophie verhält es sich schon etwas komplexer. Ich glaube aber, dass am Ende einer Reaktionskette, die man nach einem schweren Schicksalsschlag durchläuft, Akzeptanz die einzige Möglichkeit ist, um weiterzumachen. Demut vor dem Leben, das man kriegt.
Pia Kraus versucht verzweifelt, ihre Erkrankung vor ihrem Mann, ihren Kindern und den Kollegen im Dienst zu verheimlichen. Sind Sie eher ein Mensch, der Sorgen und Ängste frühzeitig mit engen Freunden teilt? Oder neigen Sie dazu, solche Kämpfe erst einmal mit sich selbst auszumachen?
Ich neige dazu, die Dinge erstmal mit mir selbst auszumachen, sie so zu sortieren, dass ich sie wirklich verstehe. Aber zum Glück habe ich ein paar Menschen um mich herum, denen ich blind vertraue und mit denen ich meine Gedanken spätestens nach der ersten Auslese teile.
Sie haben zur Vorbereitung mit Psychologen und Leitern von Alzheimer- und Demenz-Selbsthilfevereinen gesprochen. Welche Erkenntnis aus den Gesprächen mit Spezialisten und Betroffenen hat Sie am meisten überrascht – und welche Schicksale haben Sie emotional am stärksten berührt?
Es hat mich total überrascht, wie groß die Bandbreite der Konsequenzen dieser schrecklichen Krankheit ist. Vor allem die physischen Auswirkungen, der körperliche Verfall waren mir nicht bekannt. Am meisten berührt hat mich das Gefühl der Orientierungslosigkeit im eigenen Leben – es ist nochmal eine eigene Art der Einsamkeit.
Wenn Sie sich vorstellen müssten, langsam Ihre Erinnerungen zu verlieren: Welche drei Schlüsselmomente Ihres bisherigen Lebens würden Sie mit aller Kraft beschützen und bewahren wollen?
Meiner Erfahrung nach werde ich gerade die nicht verlieren. Zumindest hatte ich immer den Eindruck, dass wir alle eine Schallplatte in uns haben, die diese Schlüsselmomente in sich birgt. Ich würde im Gegensatz dazu die kleinen, stillen Momente bewahren wollen – auf dem Rad, den Wind im Ohr, auf dem Gesicht, kein anderer Gedanke im Kopf als „es ist grad gut“.
Das mystische Ibmer Moor im Oberinnviertel (OÖ) wirkt in der Serie fast wie eine Hauptrolle. Das Moor gilt als Ort, an dem Dinge versinken und im Verborgenen bleiben. Wie haben Sie die nasskalten Drehtage überstanden und gab es dabei auch „Moor-Gänsehaut“-Momente, die Ihnen im Gedächtnis bleiben werden?
Auf einem weichen Waldboden aus vielen verschiedenen Moosarten zu gehen, ist irgendwie ein verrücktes Gefühl. Vergleichbar mit einem Schaumzucker-Land, oder auf dem Körper eines riesigen weichen Wesens – verrückt schön.
Geboren in Brüssel, aufgewachsen in Deutschland, aber die Tochter Wiener Eltern – und Sie haben die österreichische Staatsbürgerschaft. Wie viel „Österreich“ steckt in Ihrer Erziehung und woran merken Sie vielleicht heute noch im Alltag, dass Ihre Wurzeln in Wien liegen? Fühlt sich die Stadt nach Heimat an?
Ja, Wien ist meine Heimatstadt, eigentlich Wahlheimat. Als ich zum Studieren hierhergekommen bin, habe ich zum ersten Mal einen Ort gefunden, mit dem ich mich so verbunden fühle. Die Antwort dafür liegt bestimmt in der Schönheit der Stadt, in ihrer Ambivalenz zwischen Altem und Modernem, in ihrer Liebe zu Kunst und Kultur, dem Humor, in der hohen Lebensqualität, aber wahrscheinlich auch in dem, was meine Eltern mir mitgegeben haben.
Frau Koschitz, in dem Sechsteiler „Das Vergessen – Spurlos im Moor“ spielen Sie eine Polizistin, die unter großem Druck ermittelt. Pia Kraus sucht den Mörder ihrer Nichte und kämpft gleichzeitig gegen den schleichenden Verlust der eigenen Erinnerung aufgrund von Alzheimer. Wie ist es Ihnen gelungen, diese doppelte Belastung aus äußerem Krimi-Szenario und innerem Verfall schauspielerisch zu meistern?
Ich hatte großes Glück mit unglaublich gut geschriebenen Drehbüchern, zwei hervorragenden Regisseuren und einer ganz feinen Besetzung aus lauter guten Darstellern. Ich würde sie am liebsten alle namentlich erwähnen, genauso wie die Namen des großartigen Filmteams, aber das würde den Rahmen sprengen. All das trägt einen als Schauspieler durch die Dreharbeiten. Und ich konnte mich auf eine starke Geschichte verlassen, die mich schon beim Lesen emotional berührt hat – mit einer Figur, die aus Liebe zu ihrer Schwester, trotz scheinbar unüberwindbarer Hindernisse, die Wahrheit hinter diesem
Unglück aufdecken will. Für mich als Schauspielerin war diese Rolle einfach nur ein Geschenk.
Die niederschmetternde Diagnose Frühdemenz wirft Pia Kraus, die gerade einmal Mitte 40 ist, verständlicherweise völlig aus der Bahn. Welche Lebensphilosophie oder welcher persönlicher Anker gibt Ihnen in Momenten tiefer Verunsicherung Halt?
Mein persönlicher Anker sind die Menschen, die ich liebe. Bei der Philosophie verhält es sich schon etwas komplexer. Ich glaube aber, dass am Ende einer Reaktionskette, die man nach einem schweren Schicksalsschlag durchläuft, Akzeptanz die einzige Möglichkeit ist, um weiterzumachen. Demut vor dem Leben, das man kriegt.
Pia Kraus versucht verzweifelt, ihre Erkrankung vor ihrem Mann, ihren Kindern und den Kollegen im Dienst zu verheimlichen. Sind Sie eher ein Mensch, der Sorgen und Ängste frühzeitig mit engen Freunden teilt? Oder neigen Sie dazu, solche Kämpfe erst einmal mit sich selbst auszumachen?
Ich neige dazu, die Dinge erstmal mit mir selbst auszumachen, sie so zu sortieren, dass ich sie wirklich verstehe. Aber zum Glück habe ich ein paar Menschen um mich herum, denen ich blind vertraue und mit denen ich meine Gedanken spätestens nach der ersten Auslese teile.
Sie haben zur Vorbereitung mit Psychologen und Leitern von Alzheimer- und Demenz-Selbsthilfevereinen gesprochen. Welche Erkenntnis aus den Gesprächen mit Spezialisten und Betroffenen hat Sie am meisten überrascht – und welche Schicksale haben Sie emotional am stärksten berührt?
Es hat mich total überrascht, wie groß die Bandbreite der Konsequenzen dieser schrecklichen Krankheit ist. Vor allem die physischen Auswirkungen, der körperliche Verfall waren mir nicht bekannt. Am meisten berührt hat mich das Gefühl der Orientierungslosigkeit im eigenen Leben – es ist nochmal eine eigene Art der Einsamkeit.
Wenn Sie sich vorstellen müssten, langsam Ihre Erinnerungen zu verlieren: Welche drei Schlüsselmomente Ihres bisherigen Lebens würden Sie mit aller Kraft beschützen und bewahren wollen?
Meiner Erfahrung nach werde ich gerade die nicht verlieren. Zumindest hatte ich immer den Eindruck, dass wir alle eine Schallplatte in uns haben, die diese Schlüsselmomente in sich birgt. Ich würde im Gegensatz dazu die kleinen, stillen Momente bewahren wollen – auf dem Rad, den Wind im Ohr, auf dem Gesicht, kein anderer Gedanke im Kopf als „es ist grad gut“.
Das mystische Ibmer Moor im Oberinnviertel (OÖ) wirkt in der Serie fast wie eine Hauptrolle. Das Moor gilt als Ort, an dem Dinge versinken und im Verborgenen bleiben. Wie haben Sie die nasskalten Drehtage überstanden und gab es dabei auch „Moor-Gänsehaut“-Momente, die Ihnen im Gedächtnis bleiben werden?
Auf einem weichen Waldboden aus vielen verschiedenen Moosarten zu gehen, ist irgendwie ein verrücktes Gefühl. Vergleichbar mit einem Schaumzucker-Land, oder auf dem Körper eines riesigen weichen Wesens – verrückt schön.
Geboren in Brüssel, aufgewachsen in Deutschland, aber die Tochter Wiener Eltern – und Sie haben die österreichische Staatsbürgerschaft. Wie viel „Österreich“ steckt in Ihrer Erziehung und woran merken Sie vielleicht heute noch im Alltag, dass Ihre Wurzeln in Wien liegen? Fühlt sich die Stadt nach Heimat an?
Ja, Wien ist meine Heimatstadt, eigentlich Wahlheimat. Als ich zum Studieren hierhergekommen bin, habe ich zum ersten Mal einen Ort gefunden, mit dem ich mich so verbunden fühle. Die Antwort dafür liegt bestimmt in der Schönheit der Stadt, in ihrer Ambivalenz zwischen Altem und Modernem, in ihrer Liebe zu Kunst und Kultur, dem Humor, in der hohen Lebensqualität, aber wahrscheinlich auch in dem, was meine Eltern mir mitgegeben haben.








