Richard Gere: „Meine Frau steht unter Strom“
Er ist ein Publikums-Liebling mit vielen Seiten. Eine zeigt er derzeit als Geheimdienst-Mitarbeiter auf
dem Internetsender Paramount+.
Doch das Privatleben hat für Richard Gere, 77, Vorrang.
Herr Gere, in Ihrer Serie „The Agency“ spielen Sie einen
berechnenden CIA-Stationsleiter. Was finden Sie an ihm interessant?


Er kennt das Leben auf der Straße. Er weiß, was all diese Agenten durchmachen. Er hat das selbst erlebt. Er hat Freunde verloren. Er hat geliebte Menschen verloren und verfügt über ein enormes Wissen. Er befindet sich
jetzt in einem anderen Abschnitt seiner Karriere, in dem er eine Autoritätsperson ist. Er versteht das Wesen der Lüge, das in dieser Serie viel thematisiert wird. Diese Frage: Wer ist das Ich? Wen stelle ich dar? Wer ist der Echte? Wie schütze ich die Lüge? Wie beschütze ich etwas, das in seinem Inneren lebendig und echt ist? Er spürt sie in seinem Blut. Es ist wie ein Adrenalinstoß, der ihm fast von Moment zu Moment vor Augen führt, wer er ist und woher er kommt. In gewisser Weise halte ich ihn also für den Philosophenkönig des Stückes.

Sind Sie wie er?

Ich
bin wie er.

Warum?

Ich bin Mitte 70. Ich habe alles gesehen. Ich habe viele Dinge getan. Ich mache meine politische Arbeit, habe ein
multidimensionales Leben und bin aktiv. Aber dieser Mann hat kein Privatleben, ich habe ein Privatleben.

In Ihrem Privatleben spielt Ihre Frau eine wichtige Rolle. Was ist das Besondere an ihr?

Meine Frau ist eine verrückte Spanierin. Muss ich noch mehr sagen?

Sie ergänzt Sie also?

Sie ist großartig. Ich komme aus einem angelsächsischen Umfeld. Wir sind nachdenklich und reflektieren viel. Und sie macht es einfach. Sie steht unter Strom. Ihr Nervensystem lebt im Moment. Und so ergänzen wir uns meiner Meinung nach: mit ihrer temperamentvollen Energie und emotionalen Explosivität und vielleicht etwas von meiner Nachdenklichkeit.

Ihre Frau Alejandra ist etwas jünger als Sie …

Ist sie das?

Im Ernst – Sie könnten der Erste sein, der geht?

Keine Garantien. Sie sagt mir immer wieder: Es gibt keine Garantien. Die Wahrscheinlichkeiten sprechen vielleicht für sie. Den Körper lassen wir mit Sicherheit zurück. In 100 Jahren wird niemand mehr da sein – keiner von uns wird mehr da sein, wahrscheinlich ist schon in 50 Jahren keiner von uns mehr hier. Das ist eine Tatsache. Warum also so tun, als wäre es anders.

Inwieweit haben Sie Ihren Frieden damit gemacht, dass man irgendwann Abschied nehmen muss?

Alles, was man zurücklässt, ist der Körper und dieses Realitätsgefüge. Das Bewusstsein geht weiter. Daran zweifle ich mit keiner Faser meines Körpers. Das alles hier ist ein Hotelzimmer. Wir checken ein und checken aus.

Ihr Vater ist im Jahr 2023 verstorben. Hatte er Angst vor dem Sterben?

Mein Vater hatte keine Angst vor dem Tod. Wenn überhaupt, hatte er Angst davor, im Alter bedeutungslos zu werden. Er war im Ruhestand, und dann ging es darum, was er tun würde. Er engagierte sich bei „Essen auf Rädern“, er lieferte Essen an Menschen aus.

Er arbeitete mit der Schulverwaltung in den Gemeinden, in denen er lebte, er tat all diese Dinge – aber es war ständig da, besonders als Covid kam und der Kontakt mit den Menschen wegfiel: dieses Gefühl der Irrelevanz – es gab keinen Sinn mehr. Die Angst ist das Fehlen von Sinn.

Wollen auch Sie im Leben relevant bleiben?

Darüber mache ich mir keine Sorgen. Ich mache mich einfach selbst relevant.

Ist das die Essenz des Schauspiels?

Das glaube ich nicht. Die Schauspielerei ist ein mysteriöser Prozess. Ich weiß nicht einmal, was es eigentlich ist. Man bringt nicht die Vorbereitung vor die Kamera. Man macht die Vorbereitung, damit das Magische geschieht, was völlig ohne Konzept geschieht. So wie die Basis der Realität ohne Konzept ist.

Wenn jemand noch nie etwas gesehen hat, was Sie gemacht haben: Was sollte sich diese Person als Erstes ansehen?

Das ist mir egal. Ich weiß es nicht. Mein Sohn – als er ein kleiner Bub war, konnte ich ihm viele meiner Filme nicht zeigen, weil sie zu sehr für Erwachsene waren. Aber es gab einen Film, „Der erste Ritter“, in dem ich Lancelot spielte, den konnte er sehen. Da gab es genug Pferde, Aktionen und nette Menschen.

Ihr Sohn Homer führt die Schauspieltradition in Ihrem Haushalt nun fort. Verfolgen Sie seine Schritte in der Schauspielerei – wie etwa die neue Staffel von „Euphoria“?

Ich habe mir die erste Folge angesehen. Er und ich sprechen die ganze Zeit miteinander, und natürlich hat unsere Beziehung jetzt eine weitere Ebene bekommen. Er hatte überhaupt nicht vor, das zu machen. Er hatte einen Abschluss in Bildender Kunst und stand kurz vor einem Abschluss in Psychologie.

Aber die Schauspielerei entstand daraus, dass er mit Freunden an der Universität Studentenfilme drehte, und es machte ihm Spaß. Dann zeigte er mir ein paar Sachen, die er gemacht hatte, und er ist wirklich gut. Ich wäre genauso glücklich gewesen, wenn er es nicht gewesen wäre und ich hätte sagen können: „Homer, vergiss es.“ Aber er ist wirklich gut.

Was zählt mehr, die Erfüllung im Familienleben oder die künstlerischen Errungenschaften?

Das ist ein wunderbarer Beruf, den wir haben. Aber man nimmt nichts davon mit. Auf meinem Sterbebett werde ich ganz sicher nicht an Filme denken.

Ich werde an meine Frau, meine Kinder, meine Freunde, an die Menschen, die ich berührt habe, und an meine Lehrer denken. Ich werde die Bedeutung meines Berufes in meinem Leben und was er mir ermöglicht hat, niemals schmälern. Aber ich hebe ihn nicht in eine gottgleiche Sphäre.

Ist die Liebe ewig?

Natürlich.


Richard Gere wurde am 31. August 1949 in Philadelphia, im US-Staat Pennsylvania, geboren. Er hat drei Schwestern und einen Bruder und lernte früh, Gitarre, Trompete, Klavier und Schlagzeug zu spielen.

Er wurde protestantisch erzogen, fand aber nach einer Reise nach Nepal zum Buddhismus und bekennt sich seit Anfang der 1990er Jahre dazu. Als Schauspieler wurde er mit dem Film „Pretty Woman“ neben Julia Roberts berühmt.

Gere ist seit 2018 in dritter Ehe mit der spanischen Aktivistin Alejandra Silva, 43, verheiratet. Die beiden haben zwei Kinder. Gere hat noch einen Sohn aus zweiter Ehe.