Aus der Pension zurück in den Arztkittel
Vor 20 Jahren verabschiedete sich Prof. Dr. Michael Krötlinger aus seiner Ordination in Traisen (NÖ) in den Ruhestand. Nun kehrte der 85jährige Allgemeinmediziner in seine alte Praxis zurück – als Nachfolger seines eigenen Nachfolgers, der in Pension gegangen ist.
Andere in seinem Alter planen ihren nächsten Urlaub, pflegen den Garten oder genießen einfach, dass niemand mehr etwas von ihnen will. Prof. Dr. Michael Krötlinger plant derweil seine nächsten Termine. Denn mit 85 Jahren ist der Facharzt für Allgemein- und Familienmedizin zurück an seinem alten Arbeitsplatz.

Dabei hatte er sich bereits 2006 aus dem Berufsleben verabschiedet. In seiner ehemaligen Ordination in Traisen (Bezirk Lilienfeld, NÖ) empfängt er nun wieder Patienten, hört zu, untersucht, verschreibt – und kümmert sich in seinem „Ein-Mann-Betrieb“ auch um den Rest.

„Ich bin jetzt der Nachfolger meines Nachfolgers“, scherzt er. Denn der ist vor einiger Zeit in Pension gegangen. Bereits seit Mitte April des Vorjahres ist die Kassenplanstelle für Allgemeinmedizin ausgeschrieben. Gemeldet hat sich bis heute niemand.

Dabei würde eine neue Kollegin oder ein neuer Kollege „in ein gemachtes Nest kommen. Die komplette Ordinationseinrichtung ist vorhanden, inklusive Ultraschalldiagnostik und natürlich EKG und Labor“, sagt Krötlinger. Das war anders, als er seine Ordination 1971 eröffnete. „Ich hatte einen Schreibtisch, Papier, ein Stethoskop und eine Leuchte, um in den Hals zu schauen.“

Was sich in Traisen zeigt, ist Teil eines größeren Problems in der medizinischen Versorgung. Während sich heimische Kassenärztinnen und Kassenärzte statistisch eher im städtischen Bereich niederlassen, gibt es auf dem Land einen spürbaren Mangel an Nachfolgern für Kassenstellen. Oft bleiben Praxen in ländlichen Gemeinden über Monate unbesetzt. Alleine in Niederösterreich sind laut der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) derzeit 22 Kassenstellen für Allgemeinmedizin und 41 Facharztstellen ausgeschrieben.

Statistiken zeigen, dass sich die Anzahl der Wahlärzte in den vergangenen 20 Jahren fast verdoppelt hat, während die Anzahl der Kassenärzte beinahe gleich geblieben ist. In unserem Land gibt es „derzeit 7.350 Vertragsärztinnen und Vertragsärzte, die auf 6.928 besetzten Planstellen tätig sind“, heißt es von der ÖGK. Zu den Wahlärzten liegen nur Zahlen vor, „von denen zumindest eine Rechnung zur Kostenerstattung bei uns eingereicht wurde. Im Jahr 2025 waren dies 2.286 Wahlärztinnen und Wahlärzte in Niederösterreich und 13.621 österreichweit.“ Einer davon ist nun auch Michael Krötlinger, denn bei uns dürfen niedergelassene Ärzte mit einem Kassenvertrag nur bis zum vollendeten 70. Lebensjahr tätig sein.

„Ich würde auch keinen Kassenvertrag nehmen, selbst wenn ich ihn bekäme“, sagt er. Der würde ein enormes Maß an Bürokratie umfassen, was Zeit brauche, die letztlich im direkten Kontakt mit den Patienten fehle.

Auch das Honorar-System trägt laut Krötlinger dazu bei, dass sich immer mehr junge Ärzte gegen eine Kassenstelle entscheiden. Dabei räumt er ein, dass „du auch vom Kassenvertrag gut leben kannst, wenn du bereit bist, entsprechend viel zu arbeiten. Ich habe nicht am Hungertuch genagt, aber meine Arbeitszeit betrug rund 70 Stunden pro Woche.“

Insbesondere die längeren Arzt-Patienten-Gespräche werden vergleichsweise schlecht vergütet. Für Ärzte bedeutet das einen hohen Arbeits- und Zeitdruck – je mehr Patienten sie behandeln müssen, desto weniger Zeit bleibt im Schnitt für den Einzelnen.

Dieses Prinzip wird häufig als „Drei-Minuten-Medizin“ bezeichnet. Wie viel Zeit ein Patient tatsächlich benötigt, muss allerdings differenziert betrachtet werden. „Bei Bagatellfällen wie einem Schnupfen brauche ich zwei Minuten, um das zu erkennen und dementsprechend zu behandeln. Bei Patienten, die eine Schulung brauchen, weil sie etwa Diabetiker sind, sieht das natürlich anders aus.“

Dass es alleine an der ländlichen Lage der Ordination liegt, dass noch kein Nachfolger gefunden wurde, glaubt der Arzt nicht. Er selbst sei als Wiener nach seiner Promotion 1967 bewusst „aufs Land“ gegangen. „Ich habe meinen Turnus in St. Pölten (NÖ) gemacht und dort auch die Fachausbildung Hals, Nasen, Ohren (HNO) begonnen.“

Dann sei ihm aber rasch klar geworden, „diese fünf Löcher sind mir zu wenig“. Vor allem im operativen Bereich – damals wurden praktisch noch allen Kindern die Mandeln entfernt – sei es bald langweilig geworden.

„Nachdem mich die Innere Medizin immer schon interessiert hat, dachte ich mir, dann gehe ich in die Allgemeinpraxis.“ Dr. Krötlinger hat als Landarzt praktisch alles gemacht, von der Hausgeburt bis hin zum Zahnziehen. „Immer in dem Bewusstsein, nicht alles zu können.“

Nach Ansicht des 85jährigen sei es eine der wesentlichen Aufgaben der Allgemeinmedizin, die Patienten richtig zu kanalisieren, also in das richtige Fachgebiet zu bringen.

Überhaupt würde gerade in seinem Fachbereich in der Ausbildung vieles fehlen, etwa die Radiologie. „Ich habe seinerzeit meine freien Tage genutzt und war etwa in Wien auf der Onkologie.“ Dort hat er hospitiert, also als Gast mitgearbeitet und dazugelernt.

Obwohl er 2006 seine Kassenverträge gekündigt hatte, blieb er als Arzt aktiv. „Ich war nie ganz weg, habe immer wieder Kollegen vertreten. Einfach weil es mir Spaß macht, mit Menschen zu arbeiten – bis heute.“

Dass manche aufgrund seines Alters skeptisch reagieren, dafür zeigt er Verständnis. Er habe aber ohnehin die Verpflichtung, sich regelmäßig fortzubilden. Dazu gehöre der Nachweis von gelesenen Arbeiten aus Fachzeitschriften und der Besuch von Kongressen. „Jedenfalls habe ich meine Berufsberechtigung bis 2029“, sagt er.

Auf dem neuesten Stand zu sein, „ist in der modernen Medizin maximal in einem kleinen Teilgebiet möglich. Ich habe eine diabetologische Schwerpunktpraxis. In dem Bereich bin ich auf dem aktuellen Stand.“

Das Alterslimit für Kassenärzte sieht er als politische Entscheidung.

„Ich finde die scharfen Trennungen sowieso falsch, weil es immer auf die Beteiligten ankommt,“ weiß der Arzt, der selbst nicht ans Aufhören denkt.

Dass er weiterarbeiten will, hat auch persönliche Gründe. „Ich bin doppelter Witwer. Meine erste Frau starb 2010 und ich wusste, ich bleibe nicht alleine.“ Mit der zweiten, einer Mikrobiologin, verbrachte Krötlinger „14 Traumjahre“ bis zu ihrem Tod 2024. Auch einer seiner beiden Söhne kam 1996 bei einem Kletterunfall ums Leben. Die Arbeit habe ihm vieles erleichtert, sagt er rückblickend – auch jetzt noch. rz