„SOKO Linz“-Darstellerin Katharina Stemberger:
„Meine beste Therapie sind meine beiden Katzen“
Als Chefinspektorin „Joe Haizinger“ löst Katharina Stemberger, 57, gerade in der fünften Staffel von „SOKO Linz“ (jeden Di., 20.15 Uhr, ORF1) knifflige Kriminalfälle. Der WOCHE-Reporterin Martina Wieser erzählte die gebürtige Wiener Schauspielerin von den laufenden Dreharbeiten zur sechsten Staffel und warum sie dabei auch etwas Verständnis für die „Missetäter“ zeigt.
Frau Stemberger, sind Sie mittlerweile schon eine halbe Linzerin? Welche Ecken der oberösterreichischen Landeshauptstadt empfinden Sie als charmant, und welche Orte haben Sie eher ernüchtert?

Wir drehen gerade die sechste Staffel, und da ich seit 2021 jedes Jahr mehr als vier Monate in Linz verbringe, fühle ich mich hier tatsächlich bis zu einem gewissen Grad zu Hause. Linz hat viele schöne Seiten – allen voran die Donau, das Lentos-Kunstmuseum, das Ars Electronica Center und die historische Altstadt. Weniger erfrischend waren dagegen die Dreharbeiten in einer Kläranlage und im Untergrund. Aber genau diese Kontraste kommen mir entgegen, denn ich liebe die Abwechslung, und die wird mir in Linz definitiv geboten.

Wie viel von Ihrer eigenen Persönlichkeit steckt in der Chefinspektorin?

Ein großer Wendepunkt war für mich der Einstieg von Angelika Niedetzky und die Umstellung auf eine rein österreichische Besetzung. Dadurch hat die Serie deutlich mehr Lokalkolorit gewonnen. Wenn zwei Frauen, die beide ordentlich Gas geben können, gemeinsam ermitteln, entsteht eine ganz eigene, dynamische Energie. Durch Angelikas Rolle kann meine Figur nun viel stärker ihre humorvolle Seite zeigen. Auch ihr Mitgefühl kommt jetzt besser zur Geltung. Mit genau dieser Empathie versuche ich selbst durchs Leben zu gehen. Das gilt auch für die Menschen, die wir in der Serie bei ihren Missetaten erwischen. Das sind ja nicht immer nur von Grund auf böse Menschen, oft stecken dahinter zutiefst tragische Biografien.

Das klingt fast nach Mitleid mit den „Bösen“ …

Nein, um Mitleid geht es mir gar nicht, sondern um das Verständnis für Menschen mit tragischen Lebensgeschichten. Ich weiß genau, dass ich bei der Lotterie des Geburtsortes und mit der Familie, in die ich hineingeboren wurde, den Sechser gezogen habe. Dieses Privileg hat nicht jeder.

Ein Krimi lebt vom klaren Gegensatz zwischen Gut und Böse. Wie erleben Sie diesen moralischen Konflikt
im echten Leben?


Ich habe das Gefühl, dass wir in einer Zeit leben, in der vieles nur noch in Schwarz-Weiß-Kategorien gedacht wird. Es geht oft nur darum, wer die Guten und wer die Bösen sind – Hauptsache, man findet schnell einen Schuldigen. Die Menschen stehen heute unter enormem Druck. Die Teuerung galoppiert, die Klimakrise spitzt sich zu, und viele wissen schlichtweg nicht mehr, wie sie ihr Leben finanzieren sollen.

Sie waren fünf Jahre Vorstandsvorsitzende des Integrationshauses Wien und stehen der Initiative „Courage 2030“ vor. Wofür kämpfen Sie genau?

Dass alle Menschen die gleichen Rechte haben. Deshalb habe ich mit der Initiative „Courage“ den Paul-Weis-Preis ins Leben gerufen. Wir verleihen ihn bereits zum vierten Mal an Menschen, die sich genau für diese Rechte starkmachen. In einer Zeit, in der viel mit Angst gearbeitet wird, braucht es diese Gegenbewegung.

Sind Sie nicht manchmal frustriert angesichts der Frage, wie uns dieser Brückenschlag zum Nächsten in einer Welt gelingen soll, die oft von Egoismus dominiert wird?

Jeder von uns kann etwas tun, wenn er nur will. Sich einfach zurückzulehnen und zu sagen, die Welt sei schrecklich und irgendwer müsse das schon richten – so funktioniert es nicht. Natürlich muss auch ich meinen Frustrationsbehälter immer wieder ausleeren. Aber den Hut draufzuhauen, das entspricht nicht meinem Stil.

In Ihrem Buch „Courage – Mut zur Menschlichkeit“ bildet der Dialog mit Ihrer Tochter Anna den roten Faden. Sie sprechen darin über Beziehungen und Zivilcourage. Was lernen Sie persönlich von Ihrer Tochter?

Es ist gar nicht so einfach, die Welt konsequent aus der Perspektive der jüngeren Generation zu betrachten. Meine Tochter – eine großartige, humorvolle Frau, die mit zwei sehr streitbaren Eltern aufgewachsen ist – erdet mich da immer wieder. Wenn ich mich leidenschaftlich über etwas echauffiere, sagt sie oft ganz gelassen: „Schalt doch einen Gang hinunter.“ In vielerlei Hinsicht besitzt sie eine innere Balance, die mir manchmal fehlt und von der ich unheimlich viel lerne.

Sie haben einmal geäußert, dass nicht viele Männer Sie
aushalten. Womit genau ist die Männerwelt überfordert?


Meine Mutter hat mich zu einer äußerst eigenständigen Frau erzogen, die weder einen Mann braucht, noch bereit ist, sich ihm unterzuordnen. Für viele Männer ist das schon eine Herausforderung.

Ihr Mann, der Regisseur Fabian Eder, wirkt dabei keineswegs überfordert …

(schmunzelt) Nein, der mag genau das.

Sie gehen nun fast ein Vierteljahrhundert gemeinsam durchs Leben. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Das Wichtigste ist der unerschütterliche Respekt voreinander. Geht dieser verloren, ist alles vorbei. Hinzu kommt eine gesunde Portion Humor.

Wie sieht Ihr idealer arbeitsfreier Sonntag aus, und was ist Ihr liebster Rückzugsort, wenn Ihnen der Trubel zu viel wird?

Mein Zuhause – und meine beste Therapie sind meine beiden Katzen. Das Schwierigste in Linz ist, die beiden nicht um mich zu haben. Bei den Dreharbeiten wären die Katzen ziemlich arm, weil sie keine Ansprache hätten. Aber wenn ich nach Wien heimkomme, begrüßen sie mich sofort. Eine legt sich zu meinen Füßen, die andere auf meine Brust – und dann ist alles gut.

Was überrascht Menschen am meisten an Ihnen?

Dass ich leidenschaftlich gerne koche – um runterzukommen. Wenn ich am Wochenende daheim bin, drehen sich manchmal meine Gedanken um aufwändige Kochrezepte.

Wofür wurden Sie bislang von Freunden oder Kollegen am häufigsten um Hilfe gebeten?

Ich bin jemand, der in Krisensituationen funktioniert. Oft erleben Menschen bei schweren Krankheiten oder Todesfällen, dass ihr Umfeld plötzlich auf Distanz geht – aus Unsicherheit oder Überforderung. Ich kann in solchen Momenten einfach da sein und die Situation mit ihnen aushalten.

Wenn Sie eine Ihrer Charaktereigenschaften wegretuschieren lassen könnten – welche wäre das?

Keine einzige. Nicht einmal meine Ungeduld, denn sie ist mein Motor. Ich kann einen langen Atem entwickeln, aber wenn mir etwas auf die Nerven geht, dann zeigt sich mein Temperament. In jahrelanger Psychotherapie habe ich gelernt, auch meine schwierigen Seiten zu akzeptieren. Es ist wie in einer Familie – die schwarzen Schafe gehören eben auch dazu (lacht).

Wenn Ihr Leben eine Fernseh-Serie wäre, wie würde der Titel lauten?

„Verrückt – aber es funktioniert doch“.