Céline Dion, 58:
Rückkehr mit Tränen
​In Paris (F) gab Céline Dion, 58, das erste Konzert nach langer Krankheitspause. Es war ein Triumph. Mitten im begeisterten Publikum erlebte der WOCHE-Reporter Steffen Rüth diesen einmaligen Moment mit.
Es war Samstag, der 12. September, 20.49 Uhr, als Céline Dion in einer schwarzen Abendrobe die Bühne betrat. Normalerweise beginnt die Kanadierin pünktlich um 20 Uhr ihre Konzerte, das wussten alle. Deshalb hatte sich leichte Nervosität breitgemacht. Hat sie Probleme, fragten sich die Menschen reihum. Aber dann stand sie da. Ihre Stimme zitterte ein wenig, doch sie sang sich schließlich souverän durch „On Ne Change Pas“ („Man verändert sich nicht“). Um 20.54 Uhr kullerten ihr die ersten Tränen übers Gesicht. „Ich habe mir versprochen, nicht zu weinen“, sagte sie nach dem Ende des ruhigen Liedes, zu dem sie lediglich von ihrem Pianisten begleitet wurde.

„Doch ich habe mein Versprechen nicht halten können.“ Das Publikum, in dem jedes Alter vertreten war, sogar viele Kinder waren darunter, war außer sich, weinte mit, tobte, schrie entzückt – und gewiss auch ein wenig erleichtert – immer wieder ihren Namen: „Céliiiine“. Die Menschen mit ihren Liedern zum Weinen zu bringen, das konnte Céline Dion schon immer gut.

Aber dieser Abend war einmalig. Er war viel mehr als ein Comeback, sechseinhalb Jahre nach ihrer letzten Show in Montréal (Kanada) im Februar 2020. Fast 35.000 Menschen kamen in der „Plenitude Arena“ zusammen, einer Mehrzweckhalle tief im Westen von Paris, der größten Halle Europas.

Es war der erste von 16 geplanten Auftritten im September und Oktober, zehn weitere sollen im Mai 2027 folgen. Was die Menschen knapp zweieinhalb Stunden lang zelebrierten, war zwar keine leibhaftige Auferstehung, immerhin lebte Céline Dion ja die ganze Zeit, aber definitiv eine Art Wiedergeburt auf jenem Gebiet, das Céline Dion die Welt ausmacht, seit sie als Kind in der Piano-Bar ihrer Eltern gesungen hat.

Es ist kaum vorstellbar, was es für Dion bedeuten musste, an diesem Abend wieder oben zu stehen. Sie deutete es dem Publikum an, quasi als Einleitung zu „Because You Loved Me“. „Der Weg war steinig, die Reise länger als geplant, mit ungeplanten Zwischenstopps – doch ich habe durchgehalten. Ein schwacher Lichtstrahl tief in den Bergen. Ich habe daran geglaubt, und nun ist es so weit. Die Sonne strahlt direkt vor mir.“ Die nächsten Tränchen lösten sich. „Ich möchte für euch singen, für mich singen. Das Leben besingen. Denn ich bin alles, weil ihr mich liebt.“

Jahrelang war schließlich zu fürchten, dass diese Märchenkarriere zu Ende ist. Im Jahr 1988, mit 20, gewann das jüngste von 14 Geschwistern aus einer armen, aber musikliebenden Familie aus dem kanadischen Québec den Eurovision Song Contest für die Schweiz, heiratete ihren 26 Jahre älteren Entdecker und Manager René Angélil (er starb 2016) und dominierte vor allem in den Neunzigern mit ihren sentimentalen, von der coolen Popkritik bisweilen belächelten Großballaden, wahlweise auf Englisch oder auf Französisch gesungen, die Hitparaden.

Gut 230 Millionen Alben hat Dion bis heute verkauft, mit ihrer langjährigen Residenz im „Caesar‘s Palace“ in Las Vegas (USA) machte sie zudem eine Konzertform (nicht die Künstlerin reist, sondern der Anhänger) salonfähig, die bis dahin eher etwas für Menschen im Spätherbst ihrer Karriere war.

Dann kam der Schock. Im Jahr 2022, als sich die Konzertverschiebungen nicht mehr pandemisch begründen ließen, gab Dion bekannt, am „Stiff Person Syndrom“ zu leiden, einer extrem seltenen neurologischen und nicht heilbaren Autoimmunkrankheit, die Muskelkrämpfe und spastische Anfälle verursacht und nicht zuletzt ihre Fähigkeit zu singen beeinträchtigt. Symptome gab es bereits seit vielen Jahren, doch nun hatte sie Gewissheit.

Wer sich unter der Krankheit nicht viel vorstellen kann – in der Amazon-Prime-Dokumentation „Ich bin: Céline Dion“ (2024), einem in jeder Hinsicht ungeschminkten Film, ist Céline Dion leidend, hadernd, stark bleibend für ihre Kinder, eingesperrt im goldenen Käfig in Las Vegas zu sehen. Bei einem ihrer spastischen Ganzkörperkrämpfe blieb die Kamera minutenlang drauf. Dieser Anblick ist nur schwer auszuhalten.

Doch die Krankheit sollte nicht das letzte Wort haben. Dion kämpfte sich zurück, bekam die Auswirkungen besser in den Griff, nicht zuletzt mit Physiotherapie und vielen Medikamenten.

An jenem Abend in Paris strahlte sie von der Bühne. Vier Mal wechselte sie die Garderobe und dankte immer wieder dem Publikum. Vor dem Finale noch „S‘il Suffisait d‘Aimer“ („Wenn es nur genügen würde, sich zu lieben“), ein bewegendes, stilles Plädoyer für mehr Miteinander. Danach flossen Tränen des puren Glücks.