Christina Applegate kämpft gegen Multiple Sklerose: „Wir sind stärker, als wir glauben“
Sie war die „Dumpfbacke“ des Fernsehens. Ein lebensfrohes Blondchen und weltweit bekannt. Heute liegt Christina Applegate, 54, fast nur noch im Bett.
Als Christina Applegate an einem Montagmorgen im Juni 2021 den Computer einschaltete, erschien das Gesicht ihres Nervenarztes auf dem Bildschirm. „Er sah verloren aus“, erinnert sich die 54 Jahre alte amerikanische Schauspielerin in ihren kürzlich auf Englisch erschienenen Memoiren „You With the Sad Eyes“ („Du mit den traurigen Augen“).

„Es tut mir leid“, sagte ihr Doktor. „Ich möchte Ihnen Bilder von ihrem Hirn zeigen.“

„Im selben Augenblick klickte etwas in mir. Alle Gefühle schalteten sich ab“, weiß Applegate. „Noch heute erschüttern seine Worte meinen Kopf, mein Herz und meine Seele. Die erste Diagnose hatte sich bestätigt: Ich habe Multiple Sklerose (MS).“

Dass etwas mit ihrer Gesundheit nicht stimmte, wusste die Darstellerin seit dem Jahr 2019, als sie die Hauptrolle in der Netflix-Serie „Dead to Me“ übernahm. In dem Thriller verkörperte sie eine rachsüchtige Witwe mit dunklem Geheimnis.

Während der Arbeit an den 30 Episoden war die Künstlerin immer häufiger müde und schwach geworden. „Ich konnte nicht mehr um 5.30 Uhr aufstehen und zwölf Stunden lang filmen. Ich hielt es nicht aus, wenn andere Menschen mein Gesicht berührten.“

Um am Drehort von ihrem Wohnwagen zu den Kameras zu gelangen, musste sie einen Rollstuhl benutzen. „Ich tanzte unter starken Schmerzen, bis ich zusammenbrach.“ Dass die am 25. November 1971 in Hollywood geborene Darstellerin eine Überlebenskünstlerin ist, wird bei der Lektüre ihrer erschütternden Erinnerungen deutlich.

Denn ihr Leben war eine Zeitlang eine Kette von Enttäu-
schungen und Leid. Aus Fernseh- und Kinofilmen ist sie als quirliges, lachendes Wesen bekannt, das gerne tanzt. Zum Beispiel als Neunjährige an der Seite ihrer schauspielenden Mutter Nancy Priddy im Film „King Kobra“, oder viel später als naive Blondine in der Fernseh-Serie „Eine schrecklich nette Familie“ (1987–1997). Von 2007 bis 2009 spielte sie dann die Hauptrolle in der Komödie „Samantha Who?“. Ihren ersten „beruflichen“ Auftritt hatte die Amerikanerin allerdings schon im Alter von drei Monaten in den Armen ihrer Mutter in einem Werbefilm.

Was die Künstlerin berichtet, ruft kein Lachen hervor.

„Es ist die Geschichte eines kleinen Mädchens mit traurigen Augen, das Christina Applegate wird“, sagt sie. „Und diese traurigen Augen hat sie immer noch.“

Applegate diktierte ihre Erinnerungen im Bett in ein Aufnahmegerät, zuhause im Künstlerviertel Laurel Canyon bei Los Angeles (USA). Weil sie die Multiple Sklerose nicht mehr aus den Klauen gelassen hat. „Ich verbringe die meiste Zeit im Bett“, erzählt Applegate. Sie kann nur noch unter großen Schwierigkeiten gehen und braucht die Hilfe ihres Mannes Martyn LeNoble, 56, sowie der gemeinsamen Tochter Sadie Grace, 15.

Als Basis für ihr Buch benutzte die Schauspielerin mehrere Bündel Tagebücher, in denen sie seit ihrem 13. Lebensjahr wichtige persönliche Ereignisse festgehalten hat. Seit mehr als 40 Jahren hatte sie den Wunsch, ihre schrecklichen Erinnerungen loszuwerden, sagt die 54jährige. „Als ich dann mit MS im Bett lag, war die Zeit dafür gekommen. Jedes weitere Kapitel meines Buches wurde eine neue Psychotherapie-Sitzung. Nun bin ich alles losgeworden und frei.“

„Wenn mich jemand fragt, ob ich jemals glücklich gewesen bin, würde ich ‚Nein‘ antworten“, enthüllt die Schauspielerin. „Es tut mir leid, weil dies ein furchtbares Eingeständnis ist. Aber es ist wahr. Nur wenn ich meine Tochter Sadie sehe, spüre ich Glück. Und dann waren da die Momente in meinem Privatleben und vor der Kamera, in denen ich tanzen durfte. Tanzen war, nach Sadie, meine zweite Liebe. MS hat sie mir genommen.“

Das Unglück im Elternhaus von Applegate begann, nachdem ihr Vater Bob die Mutter verlassen hatte. Das Baby war erst ein paar Monate alt. Vermutlich aus wirtschaftlichen Gründen erlaubte die Schauspielerin und Sängerin einem Musiker namens Joe Lala, bei ihr und ihrer Tochter einzuziehen. Er verführte die Mutter zu Drogen- und Alkoholkonsum – heute ist Nancy Priddy 84 Jahre alt und suchtfrei. Erst als die Tochter sieben Jahre alt war, habe ihre Mama diesen „Stiefvater“ hinausgeworfen, berichtet Christina Applegate.

„Er war der schlimmste Mann, den man sich vorstellen kann. Lala starb an Lungenkrebs“, steht in den Memoiren, „und ich hoffe, dass es wehtat.“ Sie habe Lala gehasst, weil er ihre Mutter bewusstlos schlug. Als sie sich schützend vor ihre Mama stellte, „zog er mich an meinem Haar in die Höhe, schleppte mich so in mein Zimmer und schleuderte mich gegen die Wand. Ich rieche noch den Whiskey in seinem Atem, sehe das Fisch-Sandwich in seiner Hand, während er eine Zigarette paffte.“

„Dunkle Dinge, die ich nicht verstand, geschahen bei uns hinter verschlossener Tür“, sagt Applegate, „Dinge, von denen ich allerdings ahnte, dass sie schlecht waren.“ Im Alter von fünf Jahren sei sie von einem weiblichen Babysitter missbraucht worden. „Das führte zu lebenslanger Scham und zu mangelndem Selbstvertrauen.“

Über ihre Krankheit berichtet sie von einem raschen Verlauf. „Im Jänner 2021 habe ich noch Tennis gespielt. Fünf Monate später konnte ich nicht mehr gehen.“ Ihre Tochter Sadie sei es gewohnt gewesen, ihre Mutter tanzen und laufen zu sehen. „Nun sieht sie diese Person ans Bett gefesselt, und das führte bei ihr zu Depressionen.

MS greift das Nervensystem an, verlangsamt deine Körperfunktionen“, stellt Applegate fest. „Es frisst dich allmählich auf. Ich habe ständig Schmerzen – eine Menge. Wenn ich aufwache, ist mein Arm zu schwach, um das Wasserglas am Bett zu ergreifen. Alle sechs Monate bekomme ich Infusionen, aber sie schwächen mein Immunsystem.“ Diese Erfahrung hat sie schon ein Mal gemacht, als Anfang der 2000er Jahre Brustkrebs diagnostiziert wurde. Sie ließ sich beide Brüste abnehmen und rekonstruieren. Auch die Eierstöcke wurden entfernt. Dass sie daneben lange Zeit Pech mit den Männern hatte, ist da schon fast nicht mehr erwähnenswert.

Doch im Jahr 2013 hat sie den niederländischen Musiker Martyn LeNoble geheiratet, der ihr seither treu zur Seite steht. „Wir kämpfen zusammen gegen meine Krankheit“, sagt Applegate. „Ich lasse mich nicht unterkriegen. Ich weiß: Wir sind stärker, als wir glauben.“