Psychotherapeut Jonni Brem, 63: „Pädophilie lässt sich nicht ,abtrainieren‘“
Immer wieder geraten Männer in die Schlagzeilen, die sich an Kindern vergangen haben. Der Psychotherapeut Jonni Brem, 63, arbeitet seit 40 Jahren mit Sexualstraftätern und erlebt die schlimmsten Auswüchse menschlichen Seins.
Der Wiener Kabarettist Günther Paal, 64, Künstlername „Gunkl“, hat sich selbst wegen des sexuellen Missbrauchs an einem damals knapp vierjährigen Mädchen angezeigt. Im Jänner 2025 soll er das Kind auf die nackten Genitalien „geküsst“ haben.
Zudem haben Ermittler auf seinem Computer rund 1.000 Bilder und 19 Videos mit sexualbezogenen Darstellungen Minderjähriger, darunter auch Kinder unter 14 Jahren, gefunden. Am 22. Oktober muss sich der Künstler nun am Wiener Landesgericht verantworten.
Der Psychotherapeut Jonni Brem, 63, versucht, Sexualstraftätern zu helfen.
Herr Brem, wenn sich ein prominenter Kabarettist wie Gunkl wegen des Missbrauchs einer Unmündigen
selbst anzeigt, fragen sich die Menschen, was einen solchen Täter antreibt. Sind das alles Pädophile?
Nein. Und das ist das größte Missverständnis überhaupt. Etwa 95 Prozent der Männer, die wegen Sexualdelikten an Kindern bei mir landen, sind gar nicht pädophil veranlagt. Pädophilie bedeutet, dass sich ein Erwachsener dauerhaft sexuell zu Kindern hingezogen fühlt. Nur etwa fünf Prozent der Täter haben tatsächlich eine solche tiefsitzende sexuelle Fixierung.
Wenn es keine Pädophilie ist – warum vergeht sich dann jemand an einem unschuldigen Kind?
Viele dieser Männer sind hilflos, bedürftig und massiv beziehungsgestört. Sie schaffen es nicht, zu erwachsenen Frauen eine normale Nähe aufzubauen, können mit Zurückweisung schlecht umgehen oder fühlen sich Gleichaltrigen gegenüber unsicher. Bei Kindern haben sie diese Angst nicht. Kinder sind schwächer, abhängig und können sich weniger wehren. Dazu können akute Lebenskrisen kommen: Ein Mann verliert seinen Arbeitsplatz, sein Selbstwertgefühl bricht zusammen, er ist völlig unzufrieden mit seinem Leben. Alkohol oder Drogen können zusätzlich enthemmen. Es gibt also nicht den einen Grund – aber bei diesen Tätern geht es nicht um eine klassische pädophile Fixierung, sondern oft um Hilflosigkeit, fehlende Nähe und das Ausnutzen eines schwächeren Menschen.
Wie entsteht eine echte Pädophilie?
Ein Mensch wird nicht pädophil geboren. Eine solche Fixierung entwickelt sich meist in der Jugend. Ein Jugendlicher wird von Gleichaltrigen gehänselt, erlebt Ablehnung und schafft es nicht, Nähe zu ihnen aufzubauen. Bei Kindern hat er diese Angst vor Zurückweisung nicht. Er sucht ihre Nähe – und daraus kann sich mit der Zeit eine dauerhafte sexuelle Fixierung entwickeln. Pädophilie kann man einem Mann genauso wenig „abtrainieren“, wie man einem homosexuellen Mann abtrainieren kann, sich zu Männern hingezogen zu fühlen.
Sind solche Sexualstraftäter überhaupt therapierbar – oder gehören sie für immer weggesperrt?
Ja, sie sind therapierbar. Bei gezielter Verhaltenstherapie sind wir bei 96 Prozent der Männer erfolgreich – sie werden nicht wieder rückfällig. Nur etwa vier Prozent werden erneut übergriffig. Allerdings hängt der Therapieerfolg auch stark davon ab, wie lange ein Täter bereits missbraucht hat. Es macht einen großen Unterschied, ob sich jemand zwei bis vier Monate an einem Kind vergangen hat oder ob der Missbrauch über viele Jahre Teil seines Lebens war. Je länger und tiefer sich dieses Verhalten verfestigt hat, desto schwieriger wird die Behandlung. Manche Täter müssen deshalb über Jahrzehnte, teilweise sogar lebenslang begleitet werden. Besonders Männer, die sich an Buben vergreifen, haben ein etwa drei Mal höheres Rückfallsrisiko als jene, die Mädchen missbrauchen.
Wie erfolgt so eine Therapie?
Am Anfang muss der Täter überhaupt einmal sagen können: Ich habe das getan. Er muss Verantwortung übernehmen und darf die Schuld nicht dem Kind, der Frau oder irgendwelchen Umständen zuschieben. Danach schauen wir uns genau an, wie es zu der Tat gekommen
ist: Was ist vorher passiert? Was hat ihn erregt oder enthemmt? In welchen Situationen wird er gefährlich? Ein wichtiger Schritt ist auch, dass er lernt, sich in sein Opfer hineinzuversetzen und zu begreifen, was er diesem Menschen angetan hat. Und dann erarbeiten wir konkrete Verhaltensweisen und Strategien für die Zukunft – damit es nie wieder zu einem Übergriff kommt.
Wie jung waren die jüngsten Missbrauchsopfer, mit denen Sie in Ihrer Arbeit konfrontiert wurden?
Das waren Babys. Es gibt Männer, die ausprobieren, ob sie durch ein Baby sexuell erregt werden. Sie halten ihren Penis an die Scheide oder den After des Kindes und fotografieren das. Ein Eindringen ist bei einem Baby ja kaum möglich. Anschließend schauen sie sich die Bilder an und prüfen: Erregt mich das?
Wie viele Männer in unserem Land haben pädophile Fantasien?
Wir sprechen von bis zu einem Prozent der Männer. Das klingt zunächst nach wenig, ist auf die Gesamtbevölkerung gerechnet aber enorm viel – in unserem Land wären das mehrere zehntausend Männer. Viele von ihnen werden niemals zu Tätern. Es gibt Männer, die sagen: „Ich merke, dass mich Kinder sexuell erregen. Ich möchte aber niemals ein Kind angreifen und brauche Hilfe.“ Genau dafür gibt es etwa das Präventionsprogramm „Nicht Täter werden“. Das ist der Idealfall: Ein Mensch erkennt seine Neigung, übernimmt Verantwortung und sucht Hilfe, bevor es Opfer gibt.
Stimmt es, dass viele der Sexualstraftäter früher selbst missbraucht wurden?
Nein. Es wäre fast beruhigend, wenn es so einfach wäre. Dann hätten wir eine Erklärung. Natürlich gibt es Täter, die selbst schwere Erfahrungen in ihrer Kindheit gemacht haben. Aber die allermeisten Menschen, die als Kinder missbraucht wurden, werden später nicht selbst zu Tätern.
Sie arbeiten jede Woche mit rund 100 Sexualstraftätern. Wer sind diese Männer?
Der Großteil von ihnen lebt ein völlig unauffälliges, normales und oft sogar erfolgreiches Leben. Manche sind 40 oder 50 Jahre lang verheiratet. Und im Verborgenen, völlig ohne Wissen der Ehefrau, missbrauchen sie die eigenen Töchter oder Stieftöchter. Sie spalten ihr Leben komplett auf.
Spielen das Internet und illegale Pornos eine Rolle?
Eine massive. Viele fangen harmlos an und rutschen immer tiefer ab. Die Sucht nach dem Kick verfälscht die Wahrnehmung, bis sie denken: „Das ist doch alles normal.“ Es fängt mit Streicheln der Kinder an, dann kommen Fotos, und irgendwann reicht das nicht mehr. Bei manchen dieser Männer spielt auch Impotenz eine Rolle – über das wehrlose Kind bekommen sie wieder einen sexuellen Impuls. Ich hatte Fälle in einer englischen Haftanstalt, da hat der Missbrauch bei
Babys erst aufgehört, wenn das Kind geschrien hat. Ein
einziger Täter hatte dort mehr als 100 Babys missbraucht.
Das war einer der härtesten Fälle meiner Arbeit.
In welchen Ländern suchen solche Täter nach dem illegalen Material?
In Russland gibt es etwa beim bloßen privaten Besitz solcher Darstellungen gesetzliche Lücken. Das nutzen auch Täter aus unserem Land, die auf russische Seiten und Server ausweichen. Bei uns ist die Rechtslage deutlich strenger. Hier sind bereits der Besitz, die Beschaffung und auch der wissentliche Zugriff auf solche Missbrauchsdarstellungen im Internet strafbar. Japan ist ebenfalls ein Sonderfall: Aufnahmen real missbrauchter Kinder sind verboten, rein gezeichnete oder virtuelle sexuelle Darstellungen von Kindern in Manga oder Anime werden rechtlich anders behandelt.
Ein anderer Fall erschüttert ebenfalls unser Land.
In Marchtrenk (OÖ) soll ein Ehemann seine eigene Frau betäubt und anderen Männern zum Missbrauch überlassen haben …
Das ist eine völlig gestörte Form von Verfügungsgewalt. Für solche Täter ist die Frau irgendwann kein gleichwertiger Mensch mehr, sondern eine verfügbare Masse ohne eigenen Willen. Sie erleben: Diese Frau gehört mir, über sie kann ich bestimmen. Bei manchen kommt Sadismus dazu, bei Vergewaltigern sehen wir auch massiven Frauenhass. Es geht längst nicht mehr nur um Sex. Es geht um Macht, Kontrolle und darum, einen anderen Menschen vollkommen verfügbar zu machen. Genau daraus kann der Täter seine Lust ziehen. Und solche Entwicklungen können klein anfangen. Ich habe Täter erlebt, die sich Betäubungsmittel besorgt und zunächst bei einer fremden Frau ausprobiert haben, ob sie diese für sexuelle Handlungen gefügig machen können. Später haben sie das auch bei der eigenen Partnerin gemacht. Wenn solche Grenzen einmal überschritten werden, können die Übergriffe immer schwerer werden.
Gewöhnt man sich nach 40 Jahren an solche menschlichen Abgründe?
Nein. Es gibt Fälle, die mich bis heute beschäftigen. Als Therapeut erfahre ich von sehr schweren, teilweise unglaublich grausamen Taten. Das geht nicht spurlos an einem vorbei.
Gleichzeitig muss ich lernen, nach der Arbeit auch wieder abzuschließen. Sonst könnte ich diesen Beruf auf Dauer nicht machen.
Zudem haben Ermittler auf seinem Computer rund 1.000 Bilder und 19 Videos mit sexualbezogenen Darstellungen Minderjähriger, darunter auch Kinder unter 14 Jahren, gefunden. Am 22. Oktober muss sich der Künstler nun am Wiener Landesgericht verantworten.
Der Psychotherapeut Jonni Brem, 63, versucht, Sexualstraftätern zu helfen.
Herr Brem, wenn sich ein prominenter Kabarettist wie Gunkl wegen des Missbrauchs einer Unmündigen
selbst anzeigt, fragen sich die Menschen, was einen solchen Täter antreibt. Sind das alles Pädophile?
Nein. Und das ist das größte Missverständnis überhaupt. Etwa 95 Prozent der Männer, die wegen Sexualdelikten an Kindern bei mir landen, sind gar nicht pädophil veranlagt. Pädophilie bedeutet, dass sich ein Erwachsener dauerhaft sexuell zu Kindern hingezogen fühlt. Nur etwa fünf Prozent der Täter haben tatsächlich eine solche tiefsitzende sexuelle Fixierung.
Wenn es keine Pädophilie ist – warum vergeht sich dann jemand an einem unschuldigen Kind?
Viele dieser Männer sind hilflos, bedürftig und massiv beziehungsgestört. Sie schaffen es nicht, zu erwachsenen Frauen eine normale Nähe aufzubauen, können mit Zurückweisung schlecht umgehen oder fühlen sich Gleichaltrigen gegenüber unsicher. Bei Kindern haben sie diese Angst nicht. Kinder sind schwächer, abhängig und können sich weniger wehren. Dazu können akute Lebenskrisen kommen: Ein Mann verliert seinen Arbeitsplatz, sein Selbstwertgefühl bricht zusammen, er ist völlig unzufrieden mit seinem Leben. Alkohol oder Drogen können zusätzlich enthemmen. Es gibt also nicht den einen Grund – aber bei diesen Tätern geht es nicht um eine klassische pädophile Fixierung, sondern oft um Hilflosigkeit, fehlende Nähe und das Ausnutzen eines schwächeren Menschen.
Wie entsteht eine echte Pädophilie?
Ein Mensch wird nicht pädophil geboren. Eine solche Fixierung entwickelt sich meist in der Jugend. Ein Jugendlicher wird von Gleichaltrigen gehänselt, erlebt Ablehnung und schafft es nicht, Nähe zu ihnen aufzubauen. Bei Kindern hat er diese Angst vor Zurückweisung nicht. Er sucht ihre Nähe – und daraus kann sich mit der Zeit eine dauerhafte sexuelle Fixierung entwickeln. Pädophilie kann man einem Mann genauso wenig „abtrainieren“, wie man einem homosexuellen Mann abtrainieren kann, sich zu Männern hingezogen zu fühlen.
Sind solche Sexualstraftäter überhaupt therapierbar – oder gehören sie für immer weggesperrt?
Ja, sie sind therapierbar. Bei gezielter Verhaltenstherapie sind wir bei 96 Prozent der Männer erfolgreich – sie werden nicht wieder rückfällig. Nur etwa vier Prozent werden erneut übergriffig. Allerdings hängt der Therapieerfolg auch stark davon ab, wie lange ein Täter bereits missbraucht hat. Es macht einen großen Unterschied, ob sich jemand zwei bis vier Monate an einem Kind vergangen hat oder ob der Missbrauch über viele Jahre Teil seines Lebens war. Je länger und tiefer sich dieses Verhalten verfestigt hat, desto schwieriger wird die Behandlung. Manche Täter müssen deshalb über Jahrzehnte, teilweise sogar lebenslang begleitet werden. Besonders Männer, die sich an Buben vergreifen, haben ein etwa drei Mal höheres Rückfallsrisiko als jene, die Mädchen missbrauchen.
Wie erfolgt so eine Therapie?
Am Anfang muss der Täter überhaupt einmal sagen können: Ich habe das getan. Er muss Verantwortung übernehmen und darf die Schuld nicht dem Kind, der Frau oder irgendwelchen Umständen zuschieben. Danach schauen wir uns genau an, wie es zu der Tat gekommen
ist: Was ist vorher passiert? Was hat ihn erregt oder enthemmt? In welchen Situationen wird er gefährlich? Ein wichtiger Schritt ist auch, dass er lernt, sich in sein Opfer hineinzuversetzen und zu begreifen, was er diesem Menschen angetan hat. Und dann erarbeiten wir konkrete Verhaltensweisen und Strategien für die Zukunft – damit es nie wieder zu einem Übergriff kommt.
Wie jung waren die jüngsten Missbrauchsopfer, mit denen Sie in Ihrer Arbeit konfrontiert wurden?
Das waren Babys. Es gibt Männer, die ausprobieren, ob sie durch ein Baby sexuell erregt werden. Sie halten ihren Penis an die Scheide oder den After des Kindes und fotografieren das. Ein Eindringen ist bei einem Baby ja kaum möglich. Anschließend schauen sie sich die Bilder an und prüfen: Erregt mich das?
Wie viele Männer in unserem Land haben pädophile Fantasien?
Wir sprechen von bis zu einem Prozent der Männer. Das klingt zunächst nach wenig, ist auf die Gesamtbevölkerung gerechnet aber enorm viel – in unserem Land wären das mehrere zehntausend Männer. Viele von ihnen werden niemals zu Tätern. Es gibt Männer, die sagen: „Ich merke, dass mich Kinder sexuell erregen. Ich möchte aber niemals ein Kind angreifen und brauche Hilfe.“ Genau dafür gibt es etwa das Präventionsprogramm „Nicht Täter werden“. Das ist der Idealfall: Ein Mensch erkennt seine Neigung, übernimmt Verantwortung und sucht Hilfe, bevor es Opfer gibt.
Stimmt es, dass viele der Sexualstraftäter früher selbst missbraucht wurden?
Nein. Es wäre fast beruhigend, wenn es so einfach wäre. Dann hätten wir eine Erklärung. Natürlich gibt es Täter, die selbst schwere Erfahrungen in ihrer Kindheit gemacht haben. Aber die allermeisten Menschen, die als Kinder missbraucht wurden, werden später nicht selbst zu Tätern.
Sie arbeiten jede Woche mit rund 100 Sexualstraftätern. Wer sind diese Männer?
Der Großteil von ihnen lebt ein völlig unauffälliges, normales und oft sogar erfolgreiches Leben. Manche sind 40 oder 50 Jahre lang verheiratet. Und im Verborgenen, völlig ohne Wissen der Ehefrau, missbrauchen sie die eigenen Töchter oder Stieftöchter. Sie spalten ihr Leben komplett auf.
Spielen das Internet und illegale Pornos eine Rolle?
Eine massive. Viele fangen harmlos an und rutschen immer tiefer ab. Die Sucht nach dem Kick verfälscht die Wahrnehmung, bis sie denken: „Das ist doch alles normal.“ Es fängt mit Streicheln der Kinder an, dann kommen Fotos, und irgendwann reicht das nicht mehr. Bei manchen dieser Männer spielt auch Impotenz eine Rolle – über das wehrlose Kind bekommen sie wieder einen sexuellen Impuls. Ich hatte Fälle in einer englischen Haftanstalt, da hat der Missbrauch bei
Babys erst aufgehört, wenn das Kind geschrien hat. Ein
einziger Täter hatte dort mehr als 100 Babys missbraucht.
Das war einer der härtesten Fälle meiner Arbeit.
In welchen Ländern suchen solche Täter nach dem illegalen Material?
In Russland gibt es etwa beim bloßen privaten Besitz solcher Darstellungen gesetzliche Lücken. Das nutzen auch Täter aus unserem Land, die auf russische Seiten und Server ausweichen. Bei uns ist die Rechtslage deutlich strenger. Hier sind bereits der Besitz, die Beschaffung und auch der wissentliche Zugriff auf solche Missbrauchsdarstellungen im Internet strafbar. Japan ist ebenfalls ein Sonderfall: Aufnahmen real missbrauchter Kinder sind verboten, rein gezeichnete oder virtuelle sexuelle Darstellungen von Kindern in Manga oder Anime werden rechtlich anders behandelt.
Ein anderer Fall erschüttert ebenfalls unser Land.
In Marchtrenk (OÖ) soll ein Ehemann seine eigene Frau betäubt und anderen Männern zum Missbrauch überlassen haben …
Das ist eine völlig gestörte Form von Verfügungsgewalt. Für solche Täter ist die Frau irgendwann kein gleichwertiger Mensch mehr, sondern eine verfügbare Masse ohne eigenen Willen. Sie erleben: Diese Frau gehört mir, über sie kann ich bestimmen. Bei manchen kommt Sadismus dazu, bei Vergewaltigern sehen wir auch massiven Frauenhass. Es geht längst nicht mehr nur um Sex. Es geht um Macht, Kontrolle und darum, einen anderen Menschen vollkommen verfügbar zu machen. Genau daraus kann der Täter seine Lust ziehen. Und solche Entwicklungen können klein anfangen. Ich habe Täter erlebt, die sich Betäubungsmittel besorgt und zunächst bei einer fremden Frau ausprobiert haben, ob sie diese für sexuelle Handlungen gefügig machen können. Später haben sie das auch bei der eigenen Partnerin gemacht. Wenn solche Grenzen einmal überschritten werden, können die Übergriffe immer schwerer werden.
Gewöhnt man sich nach 40 Jahren an solche menschlichen Abgründe?
Nein. Es gibt Fälle, die mich bis heute beschäftigen. Als Therapeut erfahre ich von sehr schweren, teilweise unglaublich grausamen Taten. Das geht nicht spurlos an einem vorbei.
Gleichzeitig muss ich lernen, nach der Arbeit auch wieder abzuschließen. Sonst könnte ich diesen Beruf auf Dauer nicht machen.








