Europas SCHEIN-Argumente
Die Europäische Union möchte am liebsten das Bargeld abschaffen. Es sei zu teuer und nicht sicher genug. Da wirkt die Aktion der Europäischen Zentralbank geradezu wie ein Hohn. Sie lässt über die Gestaltung neuer Scheine online abstimmen.
Der deutsche Finanzexperte Prof. Max Otte warnt vor der Abschaffung des Bargeldes.
Der deutsche Finanzexperte Prof. Max Otte warnt vor der Abschaffung des Bargeldes.
„Geld war schon immer das, wofür die Menschen es hielten.“ Mit diesem Gedanken des deutschen Nationalökonomen Georg Friedrich Knapp (1842–1926) lässt sich die Entwicklung unseres Zahlungswesens gut erklären.
Vor Jahrtausenden tauschten die Menschen noch Schafwolle gegen Getreide, später folgten geprägte Edelmetalle bis hin zu gedrucktem Papier – Meilensteine, die den Handel revolutionierten. Heute stehen wir an der Schwelle zur nächsten Evolution. Das Geld wird digital und damit unsichtbar – wie das Guthaben auf dem Girokonto oder der Bitcoin auf dem Smartphone.
Ob Muschel, Münze, Euro-Schein oder Computer-Code – Geld bleibt eine reine Abmachung zwischen den Menschen und funktioniert nur so lange, wie wir dem System vertrauen.
Wie wichtig in unserem Land das (an)greifbare Zahlungsmittel ist, wird durch die Bargeldstudie 2026 von Global Payments, Erste Bank und den Sparkassen untermauert. Aus den Ergebnissen geht hervor, dass fast neun von zehn Menschen hierzulande Bargeld für unverzichtbar halten, und dass 19 Prozent ausschließlich bar bezahlen. Rund ein Drittel bewahrt mehr als 300 Euro bar zu Hause auf. Etwa ebenso viele haben mittlerweile ihre Bankomatkarte auf dem Smartphone hinterlegt. Das entspricht einer Verdoppelung gegenüber dem Jahr 2022. Lediglich in der Gruppe der 16- bis 29jährigen zahlt bereits mehr als die Hälfte ausschließlich oder mehrheitlich mit der Karte.
Angela Knötzl von Global Payments, einem amerikanischen Zahlungsdienstleister, betont, „dass sich der Handel auf beide Bezahl-Welten einstellen muss, da sowohl die Treue zum Bargeld, als auch die digitalen Geldbörsen den Alltag prägen“.
Dass sich auch in Zukunft keine Abkehr vom Bargeld andeutet, wird durch eine europaweite Studie untermauert. Eine klare Mehrheit von 68 Prozent der Befragten in unserem Land kann sich nicht vorstellen, in den nächsten zehn Jahren komplett auf Scheine und Münzen zu verzichten. In Deutschland liegt dieser Wert bei 64 Prozent, und selbst in Dänemark, Schweden und Finnland, den digitalen Vorreiter-Ländern, sind es rund 40 Prozent.
In Schweden, das lange Zeit als führend im bargeldlosen Zahlungsverkehr galt, gab es kürzlich sogar einen Kurswechsel. Seit dem 1. Juli verpflichtet ein neues Bargeldgesetz Supermärkte und Apotheken, physisches Geld anzunehmen. Die schwedische Regierung begründete die Kehrtwende damit, dass es riskant sei, wenn der Umgang mit Bargeld verlernt werde. Zudem sichere Bargeld als einziges Zahlungsmittel den Alltag ab, falls das Internet ausfallen oder die Stromversorgung zusammenbrechen sollte.
Obwohl im Hintergrund seit den 1990er Jahren kontinuierlich die Weichen für eine bargeldlose Zukunft gestellt werden, bleibt das Bare im Alltag tief verwurzelt. Das ist wohl auch ein Grund, warum die Europäische Zentralbank (EZB) ihren digitalen Blick nach vorn mit einer Rückbesinnung auf das Traditionelle verbindet. Bis 21. September ist die Bevölkerung dazu aufgerufen, online unter ecb.europa.eu über das künftige Aussehen der Euro-Banknoten abzustimmen. Betroffen von dem neuen Erscheinungsbild sind alle Nennwerte von der Fünf-Euro-Note bis hin zum 200-Euro-Schein.
Während die Größen und Grundfarben der Scheine beibehalten werden, verschwinden die fiktiven Brücken und Tore der ersten Generationen. An ihre Stelle treten Motive aus zwei gegensätzlichen Themenschwerpunkten. Im Bereich „Europäische Kultur“ könnten uns künftig Berühmtheiten wie der italienische Maler und Bildhauer Leonardo da Vinci, der deutsche Komponist Ludwig van Beethoven oder die polnische Nobelpreisträgerin Marie Curie begegnen. Ergänzt werden die prominenten Persönlichkeiten durch Szenen des Zusammenlebens in Schulen, Chören oder Bibliotheken auf den Rückseiten der Geldscheine.
Das Thema „Flüsse und Vögel“ steht im Mittelpunkt des naturnahen Ansatzes, der die verbindende Kraft der Flusslandschaften mit heimischen Vogelarten wie Eisvogel, Bienenfresser oder Weißstorch veranschaulicht.
An der Bürgerbeteiligung zu den neuen Euro-Banknoten übt der Wirtschafts- und Finanzexperte Prof. Dr. Max Otte heftige Kritik. „Die Abstimmung ist im Grunde eine Ablenkung und ein Beispiel für gelenkte Demokratie, während im Hintergrund die Verdrängung des Bargeldes unbemerkt voranschreitet“, sagt der 61jährige Deutsche, der von 2011 bis 2016 an der Karl-Franzens-Universität in Graz tätig war.
Er warnt bereits seit mehr als zehn Jahren vor einer schleichenden Abschaffung des Bargeldes. Den Ausgangspunkt für „den gezielten Angriff auf das Bargeld“ sieht der Ökonom in einem Vortrag des amerikanischen Wissenschaftlers Kenneth Rogoff im November 2014 in München (D). Der ehemalige Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF) setzte sich damals für die Abschaffung des Bargeldes ein. Rogoff argumentierte, dass große Scheine wie die 500-Euro- oder die 100-Dollar-Note weltweit als Schmiermittel für kriminelle Netzwerke dienen würden.
Otte weist die Begründung, Bargeld finanziere den Terrorismus, jedoch als „plumpste Propaganda“ zurück. „Im internationalen Terrorismus läuft so vieles über die Geheimdienste, dass das Bargeld zweifellos das geringste Problem darstellt“, kritisiert er noch heute den Vortrag, der eine weltweite Debatte auslöste, die nicht folgenlos blieb. Nur zwei Jahre später, 2016, beschloss die EZB, die Ausgabe des 500-Euro-Scheines einzustellen. Zudem wurden schrittweise strengere Obergrenzen für Barzahlungen eingeführt. In seinem Bestseller „Rettet unser Bargeld“ (Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag) analysiert Otte den sogenannten „Krieg gegen das Bargeld“. Seiner Ansicht nach treibt eine Allianz aus vier Gruppen die Abschaffung voran, um eigene Macht- und Profitinteressen durchzusetzen, und zwar Regierungen, Banken sowie E-Pay- und E-Commerce-Anbieter.
Diese Akteure hätten das Bargeld bereits zu drei Vierteln verdrängt. Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler hält fest, dass durch den digitalen Zahlungsverkehr die Anonymität des Geldes verlorengehe. „Im Prinzip wird das Geld – an und für sich ein kostengünstiges Gut – privatisiert. Sobald ich mich in einem digitalen Zahlungssystem befinde, ist nichts mehr anonym, da ich kontomäßig erfasst werde.“ Früher habe eine Banküberweisung 50 Pfennig oder 3,50 Schilling gekostet. Das seien öffentliche Gebühren gewesen, die der Staat garantiert habe. „Jetzt sind die Gebühren, verbunden mit hohen Kosten, im Privatbereich gelandet.
Natürlich besteht hier ein Interesse, zu kontrollieren und in weiterer Folge viel Geld aus dem Nichts heraus zu verdienen“, erklärt Dr. Otte. Zudem gelten Datenspuren mittlerweile als das neue Gold. „Ganze Büchereien und Bibliotheken werden von Konzernen aufgekauft, um Systeme der Künstlichen Intelligenz (KI) mit Inhalten zu füttern“, macht der 61jährige deutlich.
Als Beispiel für den enormen Wert von Daten verweist er darauf, dass der Internet-Händler Amazon erst kürzlich für fast zehn Millionen Euro die historischen Daten einer pleitegegangenen Fluggesellschaft kaufte, die bis in die 1970er Jahre zurückreichen.
„Wer bar bezahlt, hinterlässt jedoch keine Datenspuren. Ohne anonymes Bargeld wird jeder Bürger im Zahlungsverkehr gläsern. In einer bargeldlosen Welt erhalten die Staaten die Möglichkeit, die persönliche Freiheit, Privatsphäre und finanzielle Selbstbestimmung der Bürger zugunsten von Kontrolle und Profit auszuschalten“, zeigt der Ökonom mögliche Konsequenzen auf. m.wieser
Die Geschichte des Geldes:
Von der Muschel zur Blockchain
Vom Schaf zum Code
Geld ist eine der ältesten Erfindungen der Menschheit.
Seine Entwicklung passte sich den technischen Möglichkeiten und dem Vertrauen der jeweiligen Epoche an.
Die Ära vor dem Geld – Tauschhandel und Naturalgeld
Tauschhandel bis etwa 10.000 vor Christus: Waren wurden direkt gegen Waren getauscht, etwa Getreide gegen Schafe. Beide Tauschpartner mussten genau das brauchen, was der andere anbot.
Naturalgeld ab etwa 9.000 vor Christus: Allgemein begehrte Güter etablierten sich als sogenannte „Zwischenwährung“. Dazu gehörten Getreide, Vieh, Salz oder Tee in Form von ein bis zwei Kilo schweren Teeziegeln.
Durch das Pressen der Blätter war der Tee robust und
ließ sich über weite Strecken transportieren.
Kauri-Muscheln: Sie stiegen ab etwa 2.000 v. Chr. in China, Afrika und Südasien zum weltweit am längsten genutzten Naturalgeld auf.
Die Antike – Die Geburt der Münze
Wiegegeld ab etwa 2.000 vor Christus: Die ersten
Metallbarren (Gold, Silber, Kupfer) wurden nach Gewicht
getauscht. Das Wiegen und Prüfen der Reinheit erwies sich im Alltag jedoch als unpraktisch.
Die erste echte Münze um 650 vor Christus: König Alyattes von Lydien (heutige West-Türkei) prägte die ersten Münzen aus Elektron (Bild), einer natürlichen
Gold-Silber-Legierung.
Ein eingeprägtes Siegel garantierte das Gewicht und den Wert.
Das Römische Reich vereinheitlichte das Münzwesen
im Mittelmeerraum und schaffte damit die Grundlage
für den Fernhandel.
Mittelalter – Papiergeld erobert die Welt
Im elften Jahrhundert, unter der Song-Dynastie, wurde das erste staatliche Papiergeld (Jiaozi, Bild) – eiserne Münzen waren zu schwer für den Großhandel – erfunden.
Im 13. Jahrhundert reiste der Entdecker Marco Polo nach China und berichtete im Westen fassungslos, dass die Menschen dort mit „Baumrinden-Papier“ bezahlen,
als wäre es pures Gold.
Im 14. Jahrhundert erfanden italienische Kaufmänner den Wechselbrief. Statt schwerer Goldmünzen wurde mit einem Versprechen auf Papier bezahlt. Das war die
Geburtsstunde des bargeldlosen Zahlungsverkehrs.
Banknoten und der Goldstandard
Schweden, 1661: Die „Stockholms Banco“ gab die ersten offiziellen Banknoten Europas heraus, da die skandinavischen Kupfermünzen schlicht zu unhandlich waren.
19. Jahrhundert – der Goldstandard
Um Hyperinflationen zu verhindern, koppelten die
führenden Wirtschaftsnationen ihre Währungen an das Gold. Eine Banknote war damit ein garantiertes
Versprechen, dass der Schein jederzeit bei der Bank
in Gold umgetauscht werden kann.
20. Jahrhundert – Plastikgeld
Im Jahr 1950 führte der „Diners Club“ die erste Kreditkarte ein. Geld wurde damit auf Plastik-Karten verbucht.
Im Jahr 1971 („Nixon-Schock“) löste der amerikanische
Präsident Richard Nixon die Bindung des US-Dollars an das Gold auf. Seitdem leben wir in der Ära des Fiat-Geldes (von lat. „fiat“, „es werde“).
Geld hat keinen inneren Sachwert mehr, sondern basiert ausschließlich auf dem Vertrauen in Staaten und Zentralbanken.
Hier und Jetzt –
Digitalisierung und Krypto-Währungen
Seit den 1990er Jahren und der Einführung des Online-Bankings verliert Geld seine physische Form fast vollständig und wird zu Bits und Bytes auf Bank-Servern.
Im Jahr 2009 kam mit dem Bitcoin die erste kryptografische Währung auf den Markt.
Sie basiert auf der Blockchain-Technologie und funktioniert erstmals völlig ohne Banken oder staatliche Kontrolle. Die Blockchain-Technologie ist eine dezentrale, digitale Datenbank, die Daten in miteinander verketteten Blöcken speichert.
Vor Jahrtausenden tauschten die Menschen noch Schafwolle gegen Getreide, später folgten geprägte Edelmetalle bis hin zu gedrucktem Papier – Meilensteine, die den Handel revolutionierten. Heute stehen wir an der Schwelle zur nächsten Evolution. Das Geld wird digital und damit unsichtbar – wie das Guthaben auf dem Girokonto oder der Bitcoin auf dem Smartphone.
Ob Muschel, Münze, Euro-Schein oder Computer-Code – Geld bleibt eine reine Abmachung zwischen den Menschen und funktioniert nur so lange, wie wir dem System vertrauen.
Wie wichtig in unserem Land das (an)greifbare Zahlungsmittel ist, wird durch die Bargeldstudie 2026 von Global Payments, Erste Bank und den Sparkassen untermauert. Aus den Ergebnissen geht hervor, dass fast neun von zehn Menschen hierzulande Bargeld für unverzichtbar halten, und dass 19 Prozent ausschließlich bar bezahlen. Rund ein Drittel bewahrt mehr als 300 Euro bar zu Hause auf. Etwa ebenso viele haben mittlerweile ihre Bankomatkarte auf dem Smartphone hinterlegt. Das entspricht einer Verdoppelung gegenüber dem Jahr 2022. Lediglich in der Gruppe der 16- bis 29jährigen zahlt bereits mehr als die Hälfte ausschließlich oder mehrheitlich mit der Karte.
Angela Knötzl von Global Payments, einem amerikanischen Zahlungsdienstleister, betont, „dass sich der Handel auf beide Bezahl-Welten einstellen muss, da sowohl die Treue zum Bargeld, als auch die digitalen Geldbörsen den Alltag prägen“.
Dass sich auch in Zukunft keine Abkehr vom Bargeld andeutet, wird durch eine europaweite Studie untermauert. Eine klare Mehrheit von 68 Prozent der Befragten in unserem Land kann sich nicht vorstellen, in den nächsten zehn Jahren komplett auf Scheine und Münzen zu verzichten. In Deutschland liegt dieser Wert bei 64 Prozent, und selbst in Dänemark, Schweden und Finnland, den digitalen Vorreiter-Ländern, sind es rund 40 Prozent.
In Schweden, das lange Zeit als führend im bargeldlosen Zahlungsverkehr galt, gab es kürzlich sogar einen Kurswechsel. Seit dem 1. Juli verpflichtet ein neues Bargeldgesetz Supermärkte und Apotheken, physisches Geld anzunehmen. Die schwedische Regierung begründete die Kehrtwende damit, dass es riskant sei, wenn der Umgang mit Bargeld verlernt werde. Zudem sichere Bargeld als einziges Zahlungsmittel den Alltag ab, falls das Internet ausfallen oder die Stromversorgung zusammenbrechen sollte.
Obwohl im Hintergrund seit den 1990er Jahren kontinuierlich die Weichen für eine bargeldlose Zukunft gestellt werden, bleibt das Bare im Alltag tief verwurzelt. Das ist wohl auch ein Grund, warum die Europäische Zentralbank (EZB) ihren digitalen Blick nach vorn mit einer Rückbesinnung auf das Traditionelle verbindet. Bis 21. September ist die Bevölkerung dazu aufgerufen, online unter ecb.europa.eu über das künftige Aussehen der Euro-Banknoten abzustimmen. Betroffen von dem neuen Erscheinungsbild sind alle Nennwerte von der Fünf-Euro-Note bis hin zum 200-Euro-Schein.
Während die Größen und Grundfarben der Scheine beibehalten werden, verschwinden die fiktiven Brücken und Tore der ersten Generationen. An ihre Stelle treten Motive aus zwei gegensätzlichen Themenschwerpunkten. Im Bereich „Europäische Kultur“ könnten uns künftig Berühmtheiten wie der italienische Maler und Bildhauer Leonardo da Vinci, der deutsche Komponist Ludwig van Beethoven oder die polnische Nobelpreisträgerin Marie Curie begegnen. Ergänzt werden die prominenten Persönlichkeiten durch Szenen des Zusammenlebens in Schulen, Chören oder Bibliotheken auf den Rückseiten der Geldscheine.
Das Thema „Flüsse und Vögel“ steht im Mittelpunkt des naturnahen Ansatzes, der die verbindende Kraft der Flusslandschaften mit heimischen Vogelarten wie Eisvogel, Bienenfresser oder Weißstorch veranschaulicht.
An der Bürgerbeteiligung zu den neuen Euro-Banknoten übt der Wirtschafts- und Finanzexperte Prof. Dr. Max Otte heftige Kritik. „Die Abstimmung ist im Grunde eine Ablenkung und ein Beispiel für gelenkte Demokratie, während im Hintergrund die Verdrängung des Bargeldes unbemerkt voranschreitet“, sagt der 61jährige Deutsche, der von 2011 bis 2016 an der Karl-Franzens-Universität in Graz tätig war.
Er warnt bereits seit mehr als zehn Jahren vor einer schleichenden Abschaffung des Bargeldes. Den Ausgangspunkt für „den gezielten Angriff auf das Bargeld“ sieht der Ökonom in einem Vortrag des amerikanischen Wissenschaftlers Kenneth Rogoff im November 2014 in München (D). Der ehemalige Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF) setzte sich damals für die Abschaffung des Bargeldes ein. Rogoff argumentierte, dass große Scheine wie die 500-Euro- oder die 100-Dollar-Note weltweit als Schmiermittel für kriminelle Netzwerke dienen würden.
Otte weist die Begründung, Bargeld finanziere den Terrorismus, jedoch als „plumpste Propaganda“ zurück. „Im internationalen Terrorismus läuft so vieles über die Geheimdienste, dass das Bargeld zweifellos das geringste Problem darstellt“, kritisiert er noch heute den Vortrag, der eine weltweite Debatte auslöste, die nicht folgenlos blieb. Nur zwei Jahre später, 2016, beschloss die EZB, die Ausgabe des 500-Euro-Scheines einzustellen. Zudem wurden schrittweise strengere Obergrenzen für Barzahlungen eingeführt. In seinem Bestseller „Rettet unser Bargeld“ (Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag) analysiert Otte den sogenannten „Krieg gegen das Bargeld“. Seiner Ansicht nach treibt eine Allianz aus vier Gruppen die Abschaffung voran, um eigene Macht- und Profitinteressen durchzusetzen, und zwar Regierungen, Banken sowie E-Pay- und E-Commerce-Anbieter.
Diese Akteure hätten das Bargeld bereits zu drei Vierteln verdrängt. Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler hält fest, dass durch den digitalen Zahlungsverkehr die Anonymität des Geldes verlorengehe. „Im Prinzip wird das Geld – an und für sich ein kostengünstiges Gut – privatisiert. Sobald ich mich in einem digitalen Zahlungssystem befinde, ist nichts mehr anonym, da ich kontomäßig erfasst werde.“ Früher habe eine Banküberweisung 50 Pfennig oder 3,50 Schilling gekostet. Das seien öffentliche Gebühren gewesen, die der Staat garantiert habe. „Jetzt sind die Gebühren, verbunden mit hohen Kosten, im Privatbereich gelandet.
Natürlich besteht hier ein Interesse, zu kontrollieren und in weiterer Folge viel Geld aus dem Nichts heraus zu verdienen“, erklärt Dr. Otte. Zudem gelten Datenspuren mittlerweile als das neue Gold. „Ganze Büchereien und Bibliotheken werden von Konzernen aufgekauft, um Systeme der Künstlichen Intelligenz (KI) mit Inhalten zu füttern“, macht der 61jährige deutlich.
Als Beispiel für den enormen Wert von Daten verweist er darauf, dass der Internet-Händler Amazon erst kürzlich für fast zehn Millionen Euro die historischen Daten einer pleitegegangenen Fluggesellschaft kaufte, die bis in die 1970er Jahre zurückreichen.
„Wer bar bezahlt, hinterlässt jedoch keine Datenspuren. Ohne anonymes Bargeld wird jeder Bürger im Zahlungsverkehr gläsern. In einer bargeldlosen Welt erhalten die Staaten die Möglichkeit, die persönliche Freiheit, Privatsphäre und finanzielle Selbstbestimmung der Bürger zugunsten von Kontrolle und Profit auszuschalten“, zeigt der Ökonom mögliche Konsequenzen auf. m.wieser
Die Geschichte des Geldes:
Von der Muschel zur Blockchain
Vom Schaf zum Code
Geld ist eine der ältesten Erfindungen der Menschheit.
Seine Entwicklung passte sich den technischen Möglichkeiten und dem Vertrauen der jeweiligen Epoche an.
Die Ära vor dem Geld – Tauschhandel und Naturalgeld
Tauschhandel bis etwa 10.000 vor Christus: Waren wurden direkt gegen Waren getauscht, etwa Getreide gegen Schafe. Beide Tauschpartner mussten genau das brauchen, was der andere anbot.
Naturalgeld ab etwa 9.000 vor Christus: Allgemein begehrte Güter etablierten sich als sogenannte „Zwischenwährung“. Dazu gehörten Getreide, Vieh, Salz oder Tee in Form von ein bis zwei Kilo schweren Teeziegeln.
Durch das Pressen der Blätter war der Tee robust und
ließ sich über weite Strecken transportieren.
Kauri-Muscheln: Sie stiegen ab etwa 2.000 v. Chr. in China, Afrika und Südasien zum weltweit am längsten genutzten Naturalgeld auf.
Die Antike – Die Geburt der Münze
Wiegegeld ab etwa 2.000 vor Christus: Die ersten
Metallbarren (Gold, Silber, Kupfer) wurden nach Gewicht
getauscht. Das Wiegen und Prüfen der Reinheit erwies sich im Alltag jedoch als unpraktisch.
Die erste echte Münze um 650 vor Christus: König Alyattes von Lydien (heutige West-Türkei) prägte die ersten Münzen aus Elektron (Bild), einer natürlichen
Gold-Silber-Legierung.
Ein eingeprägtes Siegel garantierte das Gewicht und den Wert.
Das Römische Reich vereinheitlichte das Münzwesen
im Mittelmeerraum und schaffte damit die Grundlage
für den Fernhandel.
Mittelalter – Papiergeld erobert die Welt
Im elften Jahrhundert, unter der Song-Dynastie, wurde das erste staatliche Papiergeld (Jiaozi, Bild) – eiserne Münzen waren zu schwer für den Großhandel – erfunden.
Im 13. Jahrhundert reiste der Entdecker Marco Polo nach China und berichtete im Westen fassungslos, dass die Menschen dort mit „Baumrinden-Papier“ bezahlen,
als wäre es pures Gold.
Im 14. Jahrhundert erfanden italienische Kaufmänner den Wechselbrief. Statt schwerer Goldmünzen wurde mit einem Versprechen auf Papier bezahlt. Das war die
Geburtsstunde des bargeldlosen Zahlungsverkehrs.
Banknoten und der Goldstandard
Schweden, 1661: Die „Stockholms Banco“ gab die ersten offiziellen Banknoten Europas heraus, da die skandinavischen Kupfermünzen schlicht zu unhandlich waren.
19. Jahrhundert – der Goldstandard
Um Hyperinflationen zu verhindern, koppelten die
führenden Wirtschaftsnationen ihre Währungen an das Gold. Eine Banknote war damit ein garantiertes
Versprechen, dass der Schein jederzeit bei der Bank
in Gold umgetauscht werden kann.
20. Jahrhundert – Plastikgeld
Im Jahr 1950 führte der „Diners Club“ die erste Kreditkarte ein. Geld wurde damit auf Plastik-Karten verbucht.
Im Jahr 1971 („Nixon-Schock“) löste der amerikanische
Präsident Richard Nixon die Bindung des US-Dollars an das Gold auf. Seitdem leben wir in der Ära des Fiat-Geldes (von lat. „fiat“, „es werde“).
Geld hat keinen inneren Sachwert mehr, sondern basiert ausschließlich auf dem Vertrauen in Staaten und Zentralbanken.
Hier und Jetzt –
Digitalisierung und Krypto-Währungen
Seit den 1990er Jahren und der Einführung des Online-Bankings verliert Geld seine physische Form fast vollständig und wird zu Bits und Bytes auf Bank-Servern.
Im Jahr 2009 kam mit dem Bitcoin die erste kryptografische Währung auf den Markt.
Sie basiert auf der Blockchain-Technologie und funktioniert erstmals völlig ohne Banken oder staatliche Kontrolle. Die Blockchain-Technologie ist eine dezentrale, digitale Datenbank, die Daten in miteinander verketteten Blöcken speichert.








