Zurück zu den Wurzeln
Im Schaugarten der „Arche Noah“ in Schiltern (NÖ) beginnt die Erntezeit. Zwischen gelben Rüben, violetten Karotten und orangenen Gurken wird sichtbar, wie vielfältig unser Essen einmal war.
Die Schale der Melone platzt auf, kaum dass Klaus Brugger sie in den Händen hält. „Die bekommt schnell Risse“, sagt der 34jährige und deutet auf die feinen Sprünge, die sich bereits über die Frucht ziehen. Für den Supermarkt wäre sie damit ein Totalschaden. Hier, im Schaugarten der „Arche Noah“ in Schiltern (NÖ), ist sie ein kleines Wunder.

„Cream of Saskatchewan“ heißt die 100 Jahre alte Melonensorte. Ursprünglich stammt sie aus Kanada und wurde dort von russischen Einwanderern angebaut. „Sie ist äußerst kältetolerant und zeichnet sich durch ihr cremefarbenes, süßes Fruchtfleisch aus“, weiß der Mitarbeiter des Samenarchivs.

Um ihn herum ist der Garten zu Herbstbeginn ein einziges Erntedankfest, farbenfroh leuchtet es aus den Beeten. Da wachsen etwa weiße Radieschen in Form von Eiszapfen, daneben violette Erbsen und Karotten, orangene Gurken, gelbe Rote Rüben und grüne Sommerkürbisse. Rund 550 Sorten wurden heuer allein im Schaugarten angebaut. „Genau darum geht es“, erklärt Axel Grunt, 57.

„Die Arche Noah entstand im Jahr 1989 als spendenfi-
nanzierter Verein mit dem Ziel, die Vielfalt von Kulturpflanzen zu bewahren, Wissen über Saatgut weiterzugeben und seltene Sorten wieder in die Gärten und auf die Felder zu bringen.“

Auf eben diesen Feldern wachsen heuer auch die „drei Schwestern Südamerikas“: Mais, Kürbis und Bohnen. „Dass manche unserer liebsten Lebensmittel von weit her kommen, ist dabei kein Widerspruch. Saatgut ist immer schon gewandert“, weiß Grunt. Vieles gelangte über historische Handelswege und die Christoph-Kolumbus-Importe nach Europa. Selbst der Apfel, der heute so selbstverständlich zum heimischen Landschaftsbild gehört, hat seine Ursprünge in Asien.

An die 5.500 verschiedenen Saatgutsorten lagern insgesamt im Archiv. Einige werden bei minus 18 Grad konserviert und so vor dem Aussterben bewahrt. Unter anderem sind das Paradeisersorten wie die „Quedlinburger Frühe Liebe“, der rot gesprenkelte „Forellensalat“ oder die Gartenmelde, die bereits seit dem 16. Jahrhundert bekannt ist. Viele der Sorten, die heute in Schiltern wachsen, sind auch Familiengeschichten in Samenform. „Früher hatte beinahe jeder Hof seine eigenen Züchtungen – Haussorten, die über Generationen weitervermehrt wurden.“ Noch heute kommen solche Schätze aus den Gärten und Kellern der Bauernhöfe, wie zum Beispiel der „Oberdrosenauer“.

„Diesen Salat hat uns eine Dame aus dem Burgenland zugeschickt. Eine alte Hofsorte der Urgroßmutter, vermutlich schon um 1900 angebaut“, erklärt Grunt, während er weiter Richtung Streuobstwiese schlendert.

Vor einem seiner Lieblingsbäume bleibt er stehen. Kleine, rote „Nikolo-Apferl“ hängen daran, eingetragen sind sie als „Roter von Simonffi“. Ein paar Meter weiter liegen bereits gelbe Äpfel im Gras, die der seltenen Sorte „Waldviertler Böhmer“. Sie wachsen hier zusammen mit Süßweichseln, Kirschen, Quitten, Birnen, Weingartenpfirsichen, Haselnüssen, Kriecherln, Hagebutten, Schlehen, Feigen und Mispeln.

Manche Sorten kennt kaum noch jemand. Die Mispel etwa bezeichnet Grunt als „Apfelkompott am Baum. Die Schale des Feldrandgewächses lässt sich einfach aussaugen, das wissen aber nur mehr die wenigsten.“ Sie trägt den Geschmack aus einer Zeit, in der Obst nicht das ganze Jahr aus allen Teilen der Welt eingeflogen wurde und sich Gemüse nicht dem Kalender des Supermarktes unterwerfen musste.

„Das Problem beginnt aber gar nicht erst im Supermarkt. Es beginnt dort, wo Wissen verschwindet. Vieles geht verloren, weil der moderne Mensch kaum noch selbst anbaut. ‚Wozu? Gibt‘s eh im Supermarkt‘, denken sich die meisten.“ Grunt gibt zu bedenken, „Noch vor 50 Jahren wurde eingekocht, eingelagert, fermentiert und getrocknet. Eine Speisekammer gehörte zum Haushalt, die meisten hatten Gemüsebeete und konnten sich zu einem Teil selbst versorgen. Das ist heute kaum noch so.“

Umso schöner ist es für Grunt, wenn diese Erinnerungen an damals bei Führungen wieder aufgefrischt werden. „Viele Besucher sagen dann: ‚Ah, das gab‘s bei der Großmutter auch immer.‘ oder ,Ah, so schaut das aus.‘“ Auch diesen Satz hören die Mitarbeiter während der Erntezeit häufig.

Vielleicht ist die Erntezeit auch gerade deshalb eine Lektion in Geduld. „Heutzutage ist alles ständig verfügbar, wir haben zu hohe Anspruchshaltungen“, sagt Grunt. Erdbeeren im Februar brauche es nicht. „Wir haben verlernt, auf etwas zu warten. Und damit auch ein Stück weit, Lebensmittel zu schätzen.“

Grunts Rat ist daher denkbar einfach, lieber zum lokalen Bauernmarkt gehen, regionaler denken, bewusst einkaufen. „Wer einen Garten hat, möge bitte selbst etwas anbauen. Auch am Balkon können in kleinen Töpfen Salate, Paradeiser oder Erdäpfel gesät werden.“

Entsprechendes Saatgut kann beispielsweise vor Ort oder online erworben werden (Salatparadeiser div. Sorten, 20–30 Korn je € 4,20 oder Häuptlsalat div. Sorten, 200 Korn je € 4,20). Ganz nach dem Motto: zurück zu den Wurzeln. Im Schaugarten ist das wörtlich gemeint.

Obstfest im Schaugarten

Samstag, 26. September, 10–17 Uhr

www.arche-noah.at