Im Kampf gegen das Tierleid
Eine Gruppe von streitbaren Tierschützern lässt sich nicht davon abhalten, Missstände in der Haltung von Schweinen, Rindern, Ziegen oder Schafen hierzulande aufzuzeigen.
Sie scheuen keine Konfrontation und selbst gerichtliche Klagen halten sie nicht auf.
Sie nennen sich „Verein gegen Tierfabriken“ (VGT) und prangern Tierleid an, wo sie es finden. In Ställen,
die vor Dreck strotzen und stinken, in denen sich Tiere gegenseitig verstümmeln.

Eine Handvoll Frauen und Männer kämpfen unermüdlich gegen solche Missstände an und lassen sich durch nichts abschrecken. Finanziert durch Spenden, gelingt es ihnen immer wieder, Bauern, die ihre Tiere quälen, an den Pranger zu stellen.

Die Hinweise schrecken auf. Denn ihren Schlagzeilen wie „Trotz Tierhaltungsverbotes: Landwirt misshandelt weiter Tiere im Horrorstall“, „Hunderte verhungerte Schweine womöglich monatelang ohne Futter“ und
„Horror-Mast: Tiere verhungern und Kontrollsystem versagt“ lassen sie Fotos und Video-Material folgen, deren Inhalt auf Menschen, die Respekt vor dem Leben haben, verstören. Deren Vorkämpfer und seit 2002 Obmann ist DDr. Martin Balluch, 61, ein Physiker und Tierethiker. Der Vater zweier Töchter, acht und fünf Jahre alt, lebt mit seiner Familie in der Steiermark.

Die WOCHE-Reporterin Barbara Reiter hat mit ihm gesprochen.

Herr DDr. Balluch, Sie haben bereits während Ihres
Studiums in Wien im Jahr 1985 auf Tierversuche aufmerksam gemacht und haben 1997 beim VGT
begonnen, Kampagnen zum Wohl der Tiere zu leiten. Ist die Beschäftigung mit Tierleid über Jahrzehnte
nicht äußerst belastend?


Es gibt zwei mögliche Reaktionen, wenn jemand von solchen Emotionen überschwemmt wird: entweder
verschließt er sich oder stumpft ab. Deshalb ist es wichtig, zu dosieren. Ich befasse mich zum Beispiel nicht mit Dingen, die ich nicht ändern kann – weil ich nicht
abstumpfen will.

Vor einiger Zeit gab es ein Video, in dem zu sehen war, wie Katzen gekocht wurden, um sie zu essen. Das ist Tierquälerei, die ich nicht in Energie zur Veränderung umsetzen kann. Das politische System in China ist ganz anders und Tierschutz kaum möglich. Ich habe versucht, Kontakt zu Tierschützern in China aufzunehmen, es ist mir auf internationalen Konferenzen aber niemand begegnet, der China vertritt.

Was treibt Sie an?

Das ist, eine Motivation zu haben, etwas, wofür ich mich engagieren will. Denn die Aufgabe ist zeitraubend und unter Umständen auch gefährlich. Ein Tierschutzprozess hat mich zum Beispiel ziemlich viel Geld gekostet.

Sie wurden als Aktivist rund 30 Mal festgenommen und saßen 2008 dreieinhalb Monate in Untersuchungshaft. Damals ermittelte eine Sonderkommission (SOKO) wegen des Verdachtes auf Bildung einer kriminellen
Organisation gegen Tierschützer. Sie wurden
freigesprochen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?


Die „SOKO Tierschutz“ ist mit einem Rammbock, mit Scheinwerfern und gezogenen Schusswaffen bei mir eingedrungen, um mich festzunehmen. Sie haben mich nackt an die Wand gestellt und mir eine Pistole an den Kopf gehalten. Als ich dann in Haft saß, dachte ich schon: Dieses Land braucht mich offenbar nicht.

Da setze ich mich ein und werde so behandelt. Aber dann habe ich viel Unterstützung erfahren und 300 Briefe in meine Zelle bekommen – von Menschen, die mir gesagt haben, wie wichtig sie meine Arbeit finden.

Hielt die Unterstützung nach Ihrer Entlassung an?

Ein mir völlig fremder Mensch hat mir um 700 Euro ein Fahrrad gekauft und meinte: „Darauf werden sie dir keinen GPS-Sender montieren können.“ Eine Frau hat mir kostenlos die Wohnung ihrer Großmutter angeboten, damit die Polizei nicht wusste, wo ich mich aufhalte. Ein anderer Mann war mit mir bei MediaMarkt und hat gesagt: „Such dir einen Laptop aus, ich zahle ihn.“ Da habe ich gemerkt, wie viele Menschen es in diesem Land gibt, die verstehen, wofür ich mich einsetze, die sympathisieren und helfen. Das gibt mir ein ganz anderes Gefühl. Wenn die Mächtigen mich verfolgen und drangsalieren, sagt das außerdem etwas aus. Wäre ich irrelevant, würden sie mich auslachen. Werde ich eingesperrt, ist das ein Zeichen dafür, dass ich eine Wirkung habe.

Erst kürzlich hat der „Verein gegen Tierfabriken“
aufgedeckt, dass in einem Mastbetrieb in Niederösterreich 400 Schweine verendet und insgesamt 1.000 Tiere verschwunden sind.
Wohin verschwinden Hunderte von Schweinen?


Es wird vermutet, dass übermäßig viele Tiere zur Tierkörperverwertung gebracht oder irgendwo eingegraben wurden. Unter den vielen toten Tieren waren offenbar auch noch lebende. Es bleibt also einerseits ein Rätsel, was genau mit den anderen Tieren passiert ist. Was der Fall aber aufdeckt, ist ein Loch in der Kontrolle. Das ist das Hauptproblem. Die Kontrollverordnung sagt, dass ein Betrieb im Mittel alle 50 Jahre kontrolliert werden muss.

Nur alle 50 Jahre?

Genau, alle 50 Jahre. Das ist doch ein Witz. Wer das kritisiert, bekommt zu hören, dass es niemanden gibt, der das kontrollieren kann. Man will eben nicht zusätzlich dafür zahlen. Dazu kann ich nur sagen, dass wir als Nicht-Regierungs-Organisation (NGO) jedes Jahr mehrere Tage staatlich kontrolliert werden und die Überprüfung unserer Spendengebarung sogar selbst bezahlen müssen.

Dazu kommt eine Wirtschaftsprüfung. Warum ist Kontrolle möglich, wenn es um Spenden geht, nicht aber bei Tieren? Da versiegt plötzlich das Geld und das Interesse.

Warum greifen bei so schlimmen Zuständen die Tierschutzgesetze nicht?

Das Exekutieren und Umsetzen der Gesetze zum Schutz der Tiere wird oft äußerst oberflächlich behandelt. Tiere gelten rechtlich zwar laut § 285a ABGB nicht als Sachen, im nächsten Satz heißt es aber sinngemäß, dass die für Sachen geltenden Vorschriften auf Tiere anzuwenden sind. Und genau das passiert.

Kommen wir zurück zu dem Schweinemastbetrieb.
Wie erfahren Sie überhaupt davon, dass in einem Mastbetrieb etwas nicht stimmt? Sie können ja nicht einfach klingeln und hineingehen …


In dem Fall in Niederösterreich haben sich verschiedene
Personen bei uns gemeldet.
Jemand sagte beispielsweise:
„Ich wohne dort und es stinkt nach Verwesung.“
Andere haben beobachtet, dass offenbar keine Futterlieferungen mehr kamen.
Die Polizei konnte zunächst nichts ausrichten, weil der Betreiber sie offenbar nicht hineinlassen wollte.
Nach einer Woche änderte sich das und die toten Tiere wurden gefunden.

Warum lässt jemand Tiere verenden, die er eigentlich verkaufen will?

Das ist eine gute Frage. Wir kritisieren bereits Dinge, die als normal gelten, beispielsweise Vollspaltenböden, keine Stroheinstreu und extrem wenig Platz. Tiere nicht mehr zu füttern und sie sterben zu lassen, ist noch einmal ein Auswuchs darüberhinaus.

Meine Erklärung ist, dass die Tiere im Bewusstsein dieses Menschen so unwichtig geworden sind, dass sie bei Problemen oder veränderten Prioritäten als Erstes vernachlässigt werden.

Nutztiere, gerade Schweine, werden gesellschaftlich stark abgewertet. Das ist ja schon daran zu erkennen, dass das Wort „Schwein“ als Beleidigung verwendet wird.

Sie haben jetzt wieder schreckliche Zustände in Niederösterreich vorgefunden. Auf einem Mastbetrieb in Traismauer vegetierten Rinder in Gülleseen vor sich hin, Ziegen und Schafe sind so abgemagert, dass die Knochen hervortraten …

Das ist jetzt das vierte Mal, dass wir von diesem Betrieb solche Aufnahmen haben. Es zeigt, dass sich über die Jahre nichts geändert hat, weil der zuständige Amtstierarzt nichts unternimmt.

Sie haben den Hof seit 2013 im Visier. Warum können die Behörden nicht in die Pflicht genommen werden?

Anzeigen können wir immer, aber das Problem ist, dass die Bezirkshauptmannschaft dann ihren eigenen Amtstierarzt überprüfen müsste.

Wir können natürlich zur Staatsanwaltschaft gehen, aber Beamte sind unserer Erfahrung nach dort auch recht zögerlich, wenn es um Tiere geht.

Generell ist der Bundesgesetzgeber für das Tierschutzgesetz verantwortlich, für die Exekution allerdings der Bezirk. Das hat den Nachteil, dass die handelnden Personen einander kennen und Anzeigen sowie Verfolgungen psychologisch schwierig werden. Dazu kommt die Gewaltbereitschaft gegenüber Amtsärzten.

Uns sind Fälle bekannt, wo die Bauern mit Mistgabeln auf sie losgegangen sind, wenn sie eine Änderung gefordert haben. Die Tierärzte kommen dann nicht mehr auf den Hof, obwohl sie laut Tierschutzgesetz das Recht dazu hätten.

Sie kämpfen seit 41 Jahren für den Tierschutz.
Ist das nicht ein Kampf gegen Windmühlen?


Es ist schwierig, im Tierschutz etwas auszurichten. Aber wenn ich auf diese 41 Jahre zurückblicke, hat sich viel verändert. Früher gab es ein enormes Vollzugsdefizit.

Heute sind die Menschen aufmerksamer, es gibt mehr Anzeigen, wir bekommen mehr Informationen und das mediale Interesse an sogenannten Nutztieren ist größer.

Welche Erfolge würden Sie als die wichtigsten bezeichnen?

Wir haben 1998 das weltweit erste Pelzfarmverbot in unserem Land erreicht, 2002 das Verbot von Wildtieren im Zirkus, 2004 wurde das Verbot der Legebatterien beschlossen und 2006 ein Verbot von Tierversuchen an Menschenaffen.

Was da dahintersteckt, zeigt sich aber am Beispiel der Legebatterien. 1991 haben wir zum ersten Mal aufgedeckt, wie es in Legebatterien ausschaut. 2004 wurde beschlossen, sie zu verbieten und 2009 ist das Verbot in Kraft getreten.

Zwischen Aufdeckung und Umsetzung waren also Jahrzehnte an Sensibilisierungsarbeit in der Öffentlichkeit nötig. Mittlerweile sind wir bei Legehennen federführend und waren Wegweiser für ganz Europa.

Bei Schweinen hinken wir aber hinterher, weil eine mächtige Industrie das Sagen hat.

Wie mächtig?

Zwei Drittel des verkauften Fleisches in unserem Land kommen vom Schwein. Es gibt viel mehr Betriebe, als das bei den Legehennen der Fall war. Da hatten wir es damals mit 100 Betrieben zu tun, während es bei Schweinen 30.000 sind. Der politische Einfluss ist viel größer und jeder Fortschritt mühsam zu erkämpfen.

Was hat die Industrie davon, wenn es den Schweinen schlechtgeht?

Die Crux ist, dass es leicht umsetzbare Möglichkeiten für Verbesserungen gäbe. Auf dem Bauernhof Hubmann in Gerersdorf (NÖ) leben die Schweine auf einer dicken Strohschicht und mit Naturboden ganzjährig draußen. Nach einiger Zeit wird das Gehege auf eine frische Fläche versetzt, damit sich der Boden erholen kann.

Der Aufwand ist überschaubar, für die Tiere macht es aber einen enormen Unterschied. Das System ist zukunftsweisend – und trotzdem wird dieser Betrieb von der Schweineindustrie und den Behörden bekämpft.

Wie ich glaube, aus reinem Starrsinn. Nur, weil jemand zeigt, dass es eine einfache Alternative zum Vollspaltenboden gibt, wird das schlechtgeredet.

Das Absurdeste daran ist, dass der Amtstierarzt, der diesen Betrieb mit Anzeigen traktiert, auch für
den Mastbetrieb bei Traismauer zuständig ist, wo es
den Tieren elend geht. Dort wird aber nicht eingegriffen, während da die gute Haltungsform bekämpft wird.

Sie sind seit vielen Jahren Veganer. Können Fleischesser erkennen, ob Tiere gut gehalten wurden?

Es gibt Gütesiegel. Das Beste ist für mich derzeit jenes der Gesellschaft Zukunft Tierwohl. Es steht für eine deutlich bessere Haltung und ist noch vor Bio oder Freiland die beste Wahl.

Jetzt, im September, werden außerdem neue EU-Vorgaben gegen irreführende Umwelt- und Nachhaltigkeitssiegel wirksam. So werden hoffentlich jene Siegel übrigbleiben, die tatsächlich österreichweit nach bestimmten Qualitätskriterien vergeben werden. Die AMA wird bei ihrem Gütesiegel nachbessern müssen.