Gentleman: „Kochen ist meine zweite Leidenschaft“
Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn Gentleman, bürgerlich Tilmann Otto, als Koryphäe des deutschen Reggaes bezeichnet wird. Der 52jährige Vater eines erwachsenen Sohnes und einer elfjährigen Tochter stellt dies mit seinem neuen Album „Gratitude“ unter Beweis.
Der WOCHE-Reporter Steffen Rüth hat mit Gentleman per Video-Telefonie geplaudert und im Hintergrund Berge und das Meer gesehen. Denn der deutsche Rapper lebt mit seiner Familie nicht nur in Köln, sondern auch auf Mallorca.

Herr Otto, Sie sind aus Mallorca zugeschaltet. Ist die Insel mittlerweile. Ihre Heimat?

Ich habe hier und in Köln ein Zuhause. Aber hier ist mein Studio, hier ist auch das Album entstanden. Derzeit bin ich mehr auf Mallorca als in Köln.

Ist das ein Lebenstraum, den Sie sich verwirklicht haben?

Das kann ich so nicht sagen. Ich kannte Mallorca vorher gar nicht und hätte nie gedacht, dass ich einmal die Hälfte des Jahres hier sein würde. Die Insel ist in Wirklichkeit ziemlich ruhig, und weiter weg vom Ballermann könnte ich in unserem Refugium auf dem Berg praktisch gar nicht sein. Die Umgebung ist inspirierend. Wir haben Pferde, Hühner, Hunde, zwei Katzen und auch einen Gemüsegarten.

Was wächst denn darin?

Im Vorjahr hatten wir viele Paradeiser, Gurken, zum ersten Mal Wassermelonen, dazu Zitronen, Orangen und Kräuter. Ich koche inzwischen auch viel lieber als früher, das ist eine zweite Leidenschaft geworden. Generell haben wir uns hier einen ziemlich autarken Ort geschaffen, mit Solarenergie und eigenem Brunnen.

Ihre Plattenfirma hat mir freundlicherweise vorab einige Gesprächsideen an die Hand gegeben, unter anderem schlug sie das Thema „Gelassenheit im Alter“ vor. So alt sind Sie doch noch gar nicht …

(lacht) Ich bewege mich seit fast 30 Jahren in diesem Musik-Zirkus, und da tut es gut, einen Ort zu haben, der damit gar nichts zu tun hat. Ich definiere mich ja auch nicht nur als Gentleman, das ist lediglich ein Teil meines Lebens, wenngleich ein großer. Aber es fühlt sich gesund an, im Leben auch andere Felder beackern zu können. Dadurch haut mich auch als Gentleman nichts um, etwa, wenn ein Album nicht so gut in die Hitparade kommt, wie erhofft.

Ihr voriges Album hieß „Mad World“, das neue heißt „Gratitude“, also Dankbarkeit. Haben Sie die Perspektive gewechselt?

So habe ich es noch gar nicht gesehen, aber ich glaube durchaus, dass man bewusst steuern kann,
ob man bestimmte Dinge jetzt positiv oder negativ sieht und ob man jetzt grummelig ist oder gut gelaunt. Das ist oft eine

Frage der Achtsamkeit. Ich bin nicht den ganzen Tag super entspannt, es gibt Phasen, manchmal auch Wochen oder Monate, in denen ich mental in einem richtigen Loch bin. Aber wenn ich zurückblicke, kam nach der Dunkelheit doch immer wieder das Licht und dieser Punkt, an dem ich mich zusammenreiße und sage: Sei doch einmal locker.

Ihr neues Lied „Unity“ handelt davon, dass es in einer bösen Welt immer noch Orte und Menschen voller Inspiration gibt. Ist das Ihre Erfahrung?

Ja, das ist richtig. Ich bin überzeugt: Es gibt sie noch, die schönen Momente. Ein kleines Beispiel: Du stehst im Supermarkt, eine alte Dame kommt nicht zurecht, die Karte funktioniert nicht, und der Mensch hinter ihr bezahlt einfach für sie. Diese Menschlichkeit ist noch da – sonst wäre alles im Arsch. Wir müssen nur die Augen offenhalten, dann erkennen wir sie auch.

War der Reggae für Sie schon immer der musikalische Soundtrack zu dieser Menschlichkeit? Sie sind ja mit 18 Jahren nach Jamaika gereist, quasi dem Mutterland des Reggae.

Reggae war immer meine Batterie. Der Reggae ist ja
unfassbar vielseitig. Vom Dancehall-Vibe bis zum Bob-Marley-Spirit. Am Ende geht es darum, alle Facetten des Lebens ohne Filter in Musik umzusetzen.