Michael Niavarani:
„Ich blödle wahnsinnig gern“
Der Kabarettist, Regisseur und Theaterunternehmer Michael Niavarani, 58, gehört zu den vielseitigsten Bühnenkünstlern unseres Landes.
Über den Sommer veranstaltet er mit seinem Team im „Theater im Park“ mehr als 120 Veranstaltungen und steht auch selbst auf der Bühne.
Herr Niavarani, das Theater im Park im Schwarzenberg-Garten in Wien spielt alle Stückln, nicht nur schauspielerisch. Ihre Mitarbeiter sind auffallend freundlich. Ist das Teil des Konzeptes?

Das ist bei dieser extremen Hitze einfach wichtig. Man kann sich entweder überlegen, keine Vorstellung zu machen, wenn es so heiß ist, oder sich fragen, wie es umsetzbar ist. Machbar ist es mit Eiswürfeln, damit sich die Menschen die Hände abkühlen können, mit Mineralwasser und mit Hüten. Und weil wir im Mittelteil gelegentlich Sonne haben, dürfen sich die Zuschauer auch woanders hinsetzen.

Gut organisiert …

Ich bin stolz auf unsere Mitarbeiter. Angefressen bin ich auch auf sie, weil wir E-Mails kriegen, in denen die Menschen schreiben, dass die Mitarbeiter so toll sind und der Park so schön. Keiner schreibt, was auf der Bühne war. Das ist ihnen offensichtlich wurscht.

Na ja, Sie haben ja schon einiges an Lob gekriegt in
Ihrem Leben. Spielen Sie lieber draußen oder drinnen?


Für uns ist es definitiv einfacher, drinnen zu spielen. Wir bekommen die Reaktion des Publikums dort besser mit. Draußen wissen wir nie genau, ob ein Lacher wirklich so klein ist, wie er sich vielleicht anhört.
Es reicht, wenn ein bisschen Wind aus der falschen Richtung kommt, und wir hören das Lachen nicht mehr gut. Wir brauchen es aber für den Rhythmus. Wenn die Zuschauer lachen, dürfen wir nicht weiterreden. Sonst verstehen sie den nächsten Satz nicht. Das Publikum ist in einer Komödie ja ein Mitspieler.

Wobei es schon auch auf die Sprache ankommt. Kürzlich hat ein ganzer Tisch in einem anderen Theater die Vorstellung verlassen, weil es sprachlich zur Sache ging. Wie sehen Sie das?

Die Satire lebt natürlich auch davon, dass ich jemanden auf die Bühne stelle, der sagt: „Der Hitler war super.“ Wer das nicht versteht, sollte sich damit nicht beschäftigen und nicht ins Theater gehen, würde ich vorschlagen. Wenn wir so denken, kann der Internet-Sender Netflix keine einzige Serie mehr drehen. Dann kann man auch nicht zeigen, wie ein Rassist einen Schwarzen erschießt – als spannendes, aufklärerisches Thrillerstück. Das ist einfach absurd.

Das heißt, wenn in Ihren Stücken „Trottel“
vorkommt oder „Du redest so einen Scheiß“, muss der Zuseher damit zurechtkommen?


Das ist in Wien so. Aber es kommt natürlich auf die Figur an. Es wäre falsch, wenn man eine 70jährige Hofratswitwe aus dem 19. Bezirk „pudern“ sagen lässt – wobei das auch lustig wäre. Es muss einen Sinn haben, warum die Figur das sagt. Dazu kommt der Wiener Dialekt, in dem wir spielen. Der Wiener sagt einfach, was „oasch“ ist. Wir versuchen, kein künstliches Theaterdeutsch zu sprechen. Da ist es auch lustig, wenn Venus, die Göttin der Schönheit und der Liebe, sagt: „Oida, schau i heut wieder aus.“

Humor ist nicht jedem Menschen gegeben.
War Ihrer im Geburtspaket schon mit dabei?


Ich glaube, entweder hat jemand Humor oder nicht. Im Prinzip ist Humor die Fähigkeit, über sich selbst, die eigene Traurigkeit, seine Fehler und Unzulänglichkeiten lachen zu können – oder eben nicht. Mir gelingt das nicht immer, aber relativ oft. Nicht sofort, aber meistens ziemlich bald. Mir fällt recht schnell auf, wenn ich mich zu ernst nehme oder zu lange in meinem Elend bade. Irgendwann kommt dann ein Blödsinn, ein Gedanke oder ein Witz dazu.

Worüber lachen Sie am meisten?

Gerade über Sachen, die falsch sind, muss ich lachen. Wir haben im Simpl eine Nummer über den Krieg gemacht, in der die Amerikaner den Billa angreifen, weil sie die Toni‘s Freilandeier brauchen. Da gab es Verletzte, weil sie eine Kantwurst ins Gesicht bekommen haben. Man muss den Krieg und den Faschismus auslachen. Es ist sogar wichtig, über diese Dinge Witze zu machen.

Da gibt es genug Themen. Heißt Ihr aktuelles Kabarettprogramm deshalb „Homo Idioticus“?

Ich blödle ja wahnsinnig gern und kann auch zwei Stunden lang nur Blödsinn reden. Aber wer von so vielen negativen Nachrichten umgeben ist, muss auch darüber lachen. Sogar darüber, dass der Atomkrieg vielleicht nach Europa kommt. Aber es gibt Hoffnung – und zwar dann, wenn wir aus unserem eigenen Zeitalter aussteigen und gedanklich ins 16. Jahrhundert schauen. Dann geht es uns nämlich immer noch viel, viel besser, als es der gesamten Menschheit jemals in der Geschichte gegangen ist.

Ist Kreativität Ihrer Meinung nach unerschöpflich?

Irgendjemand hat einmal errechnet, dass alles, was bisher komponiert wurde, ungefähr zehn Prozent von dem ausmacht, was man überhaupt komponieren kann. Davon kann man sich allerdings 90 Prozent nicht anhören, weil es disharmonisch ist. So ist es wahrscheinlich auch mit den Witzen, wobei schon seit 400 vor Christus Komödie gemacht wird. Nachdem sich aber die Umstände ändern, in denen wir leben, verändert sich auch der Witz ein bisschen.

Wann haben Sie zuletzt gelacht?

In der Vorstellung von „Venus und Jupiter“. Wir spielen zwischen zwei Platanen, die Pflanzenteile und Rindenstücke abwerfen. Irgendwann ist ein zehn Zentimeter großes Büschel von Fusseln in Dreiecksform vor mir gelegen, das ausgeschaut hat wie ein Schamhaar-Toupet.

Gute Fantasie. Schauen Sie sich zur Anregung auch andere Stücke an?

Wenn ich selbst viel spiele, geht sich das nicht aus. Aber immer, wenn ich in London (England) bin, gehe ich oft ins Theater. Ich habe dort ja auch Familie.

Nicht, dass Sie uns auswandern,
wie all die Influencer nach Dubai …


Ich bin Perser und ziehe garantiert nicht zu den Arabern. Das ist wie bei einem Österreicher, dem man sagt, er soll nach Deutschland ziehen. Die Araber sind die Piefkes des Orients.

Zur Person:
Michael Niavarani wurde am 29. April 1968
in Wien als Sohn einer Österreicherin und eines Persers geboren. Bereits als Schüler entdeckte er seine Leidenschaft fürs Theater und begann 1986 seine Karriere am Graumanntheater.

1989 wechselte er ans Kabarett Simpl, dessen
künstlerische Leitung er 1993 übernahm und das er später kaufte. Neben seiner Arbeit als Kabarettist und Schauspieler machte er sich auch als Autor, Regisseur und Theaterproduzent einen Namen.

Niavarani ist seit 2014 mit der Verlagsleiterin Helen Zellweger liiert und hat eine erwachsene Tochter, 28, aus einer früheren Beziehung.

Ab Ende August ist er im Theater im Park in „Sommernachtstraum“ zu sehen. www.theaterimpark.com