Isabel Posch, 26, ist die schnellste Frau im Land:
Die Sprintrakete vom Bodensee
Mehr als 35 km/h Höchsttempo und 11,10 Sekunden über 100 Meter krönten Isabel Posch, 26, im Juni zur bislang schnellsten heimischen Frau aller Zeiten. Ihr rot-weiß-roter Rekord katapultierte die Vorarlbergerin vor der Leichtathletik-EM sogar in die Europaspitze.
Beinahe wie in Trance raste Isabel Posch, 26, im vergangenen Juni bei einem Wettbewerb in St. Pölten in nur 11,10 Sekunden durchs Ziel – und wusste danach eigentlich nicht, wieso. „Ich kann mir meine Zeit über die 100 Meter nicht ganz erklären“, rätselt sie selbst, die dabei den 23 Jahre alten Sprintrekord von Karin Mayr-Krifka, 55, pulverisierte. „Statt wie sonst nur um ein paar Hundertstel habe ich mich um drei Zehntel Sekunden verbessert.“

Damit markierte die Sprintrakete aus Fußach am Bodensee (V) gleichzeitig die fünftbeste europäische 100-Meter-Marke des Jahres und holte den rot-weiß-roten Damen-Sprint pünktlich vor der Leichtathletik-Europameisterschaft in Birmingham (England,
10.–16.8.) aus seinem Dornröschenschlaf.

Seither schwebt die Vorarlbergerin wie in einem Traum durchs Leben. „Es ist unglaublich, dass ich mein Hobby zum Beruf machen durfte und jetzt auch noch Erfolg damit habe“, schwärmt sie. „Ich genieße jede Sekunde meines Sportlerlebens.“

Auch tief in ihr drin habe der Triumph in der „Königsdisziplin“ etwas ausgelöst. „Der Gedanke, dass historisch noch nie eine Frau in unserem Land schneller lief als ich, ist beeindruckend“, gibt sie zu. „Manchmal sprechen mich jetzt Menschen auf der Straße an und wollen mit mir um die Wette laufen“, sagt sie und lacht. „Nur Männer glauben meist nicht, dass ich schneller bin als sie.“

Dabei hängte Posch bereits in der Schule in Fußach
alle Buben ab. „Schon damals war ich eine große Anhängerin vom Weltrekordler Usain Bolt und beim Wettlaufen mit anderen Kindern immer die Beste“, erinnert sie sich. „Es dauerte Jahre, bis endlich ein Bub in der Schule schneller war als ich.“ Nach einem kurzen Ausflug zum Kunstturnen dockte Posch wenig später bei einem Leichtathletik-Verein an, um sich erst 2024 von der Siebenkämpferin zur reinen Sprinterin zu spezialisieren.

Experten bescheinigen ihr dafür den perfekten Körper mit schnellen Muskelfasern. „Dennoch überraschen mich meine guten Leistungen selbst, weil ich erst seit eineinhalb Jahren als reine Sprinterin mit dem Schweizer Betreuer Christian Gutgsell trainiere“, glaubt sie noch Luft nach oben zu haben.

Im Training auf der Tartanbahn zerlegt die „rasende Gsibergerin“ die 100 Meter in verschiedene Segmente, die alle speziell trainiert werden.

„Es gibt den Start, die Beschleunigungsphase, die sogenannte fliegende Phase und den Hochgeschwindigkeitsbereich“, erzählt sie, die zwischen 60 und 80 Meter ihr Höchsttempo jenseits der 35 km/h erreicht. Zur derzeit besten Europäerin, der Schweizerin Géraldine di Tizio-Frey, 29, fehlen ihr ausgehend von ihrem Rekord in der Theorie nur 14 Hundertstel, da dieser aber bei leichtem Rückenwind an einem Top-Tag gelang, sind es in der Praxis eher drei, vier Zehntel. Isabel Poschs Freund Joel, ein Schweizer Hobby-Eishockeyspieler, mit dem sie demnächst zusammenzieht, ist stets als Betreuer und Chauffeur bei den Bewerben dabei.

„Abends spielen wir gerne Brettspiele wie ,Brändi dog‘ und ,Sechs gewinnt‘ oder schauen uns sogenannte ,Dating Shows‘ im Fernsehen an, wo es um die Partnerwahl geht“, verrät Posch, wie sie sich gerne entspannt. Einen exakten Zukunftsplan mag die Sprinterin, die heuer ihr Studium der Ernährungswissenschaften abschließt, nicht aufstellen. „Einerseits kommt es sowieso immer anders als gedacht“, erklärt sie. „Andererseits lasse ich mich gern vom Schicksal überraschen.“ W. Kreuziger