Prosecco-Äbtissin von Kirche verbannt
Den ganzen Tag hinter dicken Mauern beten. Einer Nonne in einem kleinen Kloster in der Nähe von Venedig (Italien) war das zu wenig.
Um ihren verarmten Orden zu retten, zog sie ein
sprudelndes Geschäft mit Prosecco auf. Sehr zum Ärger des Heiligen Stuhls.
Eine frische Septembernacht in der norditalienischen Provinz Treviso. Schwester Aline Pereira Ghammachi, eine Handvoll ihrer Mitschwestern sowie einige im Kloster betreute autistische Jugendliche treten in den Klostergarten hinaus. Schweigend, denn sie wollen niemanden wecken.

Sie wissen ohnedies, was zu tun ist. Mit kleinen Gartenscheren schneiden sie die Reben von den Weinstöcken und legen sie in die mitgebrachten Körbe. Die vollen Körbe schleppen sie mit leisen Schritten zu einer Sammelstelle.

Bei Mondlicht geerntet, das soll ihrem Kloster-Prosecco, den sie daraus herstellen, eine besondere Note verleihen. Und tatsächlich machte der Schaumwein die rührigen Gottesfrauen über die Landesgrenzen Italiens hinaus bekannt.

Angefangen hat Ghammachi mit ihrer göttlichen Prosecco-Produktion nicht von ungefähr. Denn das Kloster in San Giacomo di Veglia, dessen Äbtissin die heute 41jährige bereits mit 34 Jahren wurde, mag mit seinen prachtvollen Bögen und Säulen wohlhabend wirken. Doch neben der Überalterung der Ordensschwestern setzten ihm die stark gestiegenen Energiekosten zu. Und Geld war immer Mangelware in dieser Einrichtung des Zisterzienserordens, etwa 50 Kilometer nördlich von Venedig.

Ihr Können kam Schwester Aline Pereira Ghammachi zugute. Denn die aus Brasilien stammende Ordensfrau ist Akademikerin. Eine weltliche Ausbildung war für ihre Eltern Voraussetzung, ehe sie sich Gott zuwenden durfte.

„Ich war erst 15 Jahre alt, als ich die Berufung verspürte“, erinnert sich die Brasilianerin. „Da ich jedoch noch so jung war, sagten meine Eltern zu mir, dass ich zunächst ein Studium absolvieren müsse und erst danach an den Eintritt in ein Kloster denken könne. Mit 16 Jahren begann ich mein Studium. Ich war zwar jung, hatte aber die reguläre Schulbildung abgeschlossen und konnte ganz normal an die Universität gehen. Mit 20 Jahren schloss ich mein Studium der Betriebswirtschaftslehre ab. Nach meinem Abschluss sagte ich zu meiner Mutter und meinem Vater: ,Jetzt kann ich meiner Berufung folgen.‘

Während all dieser Jahre – vom Alter von 15 bis etwa 20 oder 21 Jahren – betete ich und spürte tief in meinem Inneren, dass ich Jesus alles schenken musste.

Meine Antwort bestand damals darin, ihm durch das Leben in der Klausur eine entschlossene und radikale Hingabe zu schenken. Ich habe diese Entscheidung niemals bereut.“

In Vertrieb und Marketing ausgebildet, fand Schwester Aline bald einen Partnerbetrieb in der Weinbaubranche, der für das nötige Fachwissen sorgte. Fortan baute Ghammachi mit ihren Schwestern Bio-Trauben an. Auf einem von Steinwällen umgebenen Kloster-Areal, das zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.

Ihr Erfolg sorgte für Aufsehen. Die ungewöhnliche Erntezeit sprach sich herum und brachte Erfolg. „Bei der Ernte in der Nacht bleiben empfindliche Aromen enthalten. Der Prosecco entfaltet auf diese Art sein volles Potenzial“, erklärt die 41jährige. Die Kunden schätzten auch das beim Kloster-Prosecco enthaltene gute Karma. Schließlich ging der Erlös der 18 Euro je Flasche direkt an das Kloster, das mit diesem Projekt auch beeinträchtigte Jugendliche unterstützen konnte.

In langen Monaten fürsorglicher Pflege der Rebstöcke und harter Arbeit stellten die Nonnen zunächst 5.000 neon-orange etikettierte Flaschen ihres „Prosecco Superiore DOCG di Abbazia“ her. Das DOCG-Siegel ist die höchste staatliche Qualitätsauszeichnung, die ein Wein in Italien bekommen kann.

Als die ersten Korken knallten, war das für die Schwestern ein Hoffnungsschimmer, ihr Kloster trotz erdrückender Gas- und Stromrechnungen erhalten zu können. Schließlich spülte der Prosecco 75.000 Euro in die Klosterkassa. Auch in den sozialen Medien begeisterte diese himmlische Geschichte mit Hollywood-Potenzial. „Einfach genial“, schrieb jemand, „Das nenne ich göttliches Krisenmanagement“, ein anderer.

„Und das Beste: Der Prosecco schmeckt fantastisch und ist bio. Unterstützt die Schwestern.“

Doch wie das mit dem Erfolg so ist, zog er bald auch Kritiker an. Einige der betagten Mitschwestern Ghammachis fanden das Projekt gar nicht göttlich. Während Ghammachis engste Vertraute, die 74jährige Schwester Maria Paola Dal Zotto, das Projekt tatkräftig unterstützte, sahen die Gegnerinnen in jeder verkauften Flasche einen Verrat an der klösterlichen Abgeschiedenheit.

„Alles, was wir mit dem Prosecco einnehmen, ist für das Kloster“, argumentierte Schwester Ghammachi. Doch die altehrwürdigen Damen winkten ab. Vier von ihnen schrieben schließlich direkt an Papst Leo XIV. So könne und dürfe dieser Frevel vor dem Herrn nicht weitergehen, lautete der Tenor ihrer Kampfschrift.

Klein beigeben wollte die junge Äbtissin freilich nicht und verteidigte sich. Sie sei „Opfer falscher Anschuldigungen durch einzelne Mitschwestern und Teile der Ordensleitung“.

Doch ihre Worte verhallten im Kirchenstaat ungehört. Ein komplizierter Vatikan-interner Prozess kam ins Rollen, der schließlich mit dem Hinausschmiss der tüchtigen Ordensschwester endete.

„Zu jung, zu schön und zu oft in den Medien“, urteilte die Öffentlichkeit, doch auch das änderte nichts mehr an der Entscheidung des Vatikans. Der sah den Klosterfrieden gefährdet. Vor allem störte ihn Schwester Ghammachis moderner Führungsstil.

Sie erlaubte ihren Nonnen beispielsweise, WhatsApp-Nachrichten an ihre Familien zu schicken und Fotos im Kloster zu machen. Ein Sakrileg in heiligen Hallen. Schwester Ghammachi sah schließlich ein, dass sie chancenlos war. „Im Vatikan wird mich niemand ernstnehmen, weil ich eine Frau, Brasilianerin und hübsch bin und niemand dort so einer Person glaubt“, sagte sie sichtbar verletzt.

Offiziell verbannte der Vatikan sie nicht als Strafe, sondern als „Maßnahme, um die Ruhe im Kloster zu bewahren“. Anstelle von Schwester Ghammachi setzte er eine ihrer Kritikerinnen ein, die umgehend die Prosecco-Produktion samt Inklusions-Projekt für beeinträchtigte Jugendliche einstampfte.

Gemeinsam mit vier ihr ergebenen Schwestern bezog die 41jährige ehemalige Äbtissin eine prachtvolle Villa aus dem 19. Jahrhundert in der vom Kloster nur sieben Kilometer entfernten Ortschaft San Vendemiano. Bereitgestellt hat sie ein betuchter Spender. „Unsere rechtliche Situation hat sich völlig verändert, da wir nicht mehr der Diözese oder einer religiösen Einrichtung angehören“, sagt Ghammachi.

„Inzwischen haben wir um die Dispens (Befreiung) von unseren klösterlichen Ordensgelübden gebeten. Gleichzeitig haben wir jedoch sogenannte private Gelübde in die Hände unseres geistlichen Vaters abgelegt.

Das bedeutet, dass wir unser Leben dem Herrn weiterhin schenken, jedoch auf andere Weise: nicht mehr als Mitglieder eines Ordensinstituts, sondern privat als geweihte Laiinnen. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, ein T-Shirt und einen Rock zu tragen und gleichzeitig den Schleier beizubehalten.

Damit möchten wir sichtbar machen, dass wir unser Leben der Keuschheit um des Reiches Gottes willen weiterhin führen möchten.“

Die irdischen Arbeiten setzen die fünf Frauen jedoch fort und haben dafür das Projekt „100 volte melius“ ins Leben gerufen, was zu deutsch so viel wie „hundert Mal besser“
bedeutet.

Unter diesem Namen betreiben sie einen therapeutischen Garten für Menschen, die unter Angststörungen, Depressionen oder Burnout leiden.

Ohne das Diktat des Vatikans fürchten zu müssen, nutzt Schwester Aline Pereira Ghammachi diesmal neben ihrer betriebswirtschaftlichen Erfahrung auch ihre Prominenz.

Denn finanziert ist die grüne Oase für seelische Gesundheit durch Sponsoren und durch gleich mehrere Naturprodukte aus eigener Herstellung. Dazu gehören Honig, Aloe-Vera-Produkte und ätherische Öle.

Auch Prosecco ist wieder mit im Sortiment – alles zu haben unter dem Markennamen „100 Mal besser“.
A. Chirkovski