Ausgebremst im Sommer
Der Sommer ist da, und mit ihm die Baustellen. Auf Schiene und Straße wird gleichzeitig gebaut, gesperrt und umgeleitet. Für Pendler und Urlauber heißt das – mehr Zeit einplanen.
Wer in und um Wien unterwegs ist, braucht derzeit viel Geduld. „Das ist ein reines Fahrgast-Vertreibungs-Programm“, empört sich der Wiener Grünen-Parteichef Peter Kraus. Halb „Öffi-Wien“ stehe still. „Es sind so viele Linien derzeit eingestellt, unterbrochen oder umgeleitet, dass sich die meisten Wiener nicht mehr auskennen.“ Mehrere Straßenbahn-Linien fahren nicht oder anders, bei zwei U-Bahnlinien sind Streckenabschnitte außer Betrieb und die Schnellbahn ist unter anderem zwischen den wichtigen Stationen Floridsdorf und Praterstern gesperrt.

Im Norden der Bundeshauptstadt haben es Pendler auch nicht einfach. Ab Mitte August wird dort das digitale Zugsicherungssystem bei den S-Bahnen in Betrieb genommen. Das bedeutet Umleitungen und Schienersatzverkehr. „Es fahren zwar Schienersatz-Busse, aber für mich mit umständlicher Anbindung“, beschwert sich eine Pendlerin. „Baustellen sind nicht das Problem, sondern Teil der Lösung“, verteidigt der ÖBB-Sprecher Daniel Pinka die großen Sommerbaustellen. „Wir bauen für unsere Fahrgäste, um in Zukunft noch besser für sie da zu sein.“ Durch die Verlängerung von Bahnsteigen können längere Züge eingesetzt werden, die digitale Zugsicherung ermöglicht dichtere Intervalle. Das soll vor allem in Niederösterreich, wo Pendler immer wieder über unpünktliche Züge klagen, Abhilfe schaffen.

„Bestehende Bahnstrecken benötigen – genauso wie Straßen – ein regelmäßiges Service und eine laufende Erneuerung“, erklärt Daniel Pinka. In den Monaten Juli und August verzeichnen die ÖBB durch die Urlaubszeit und den Wegfall der Schüler um rund ein Fünftel weniger Fahrgäste. Deshalb werden Bauarbeiten vor allem während der Sommerferien durchgeführt.

Dass die Einschränkungen für die Passagiere immer gleich einen großen Abschnitt betreffen, hat laut dem ÖBB-Sprecher einen guten Grund. „Um Bautätigkeiten über einen längeren Zeitraum zu vermeiden, werden Maßnahmen entlang mehrerer Strecken gebündelt und ganze Streckenabschnitte serviciert.“ Nicht nur für Pendler auch für Urlauber gibt es derzeit einschneidende Bahn-Baustellen. Wegen Bauarbeiten auf italienischer und Tiroler Seite fahren bis 1. August keine Züge über den Brenner. Die Fahrgäste müssen auf Ersatzbusse umsteigen.

Die Bauarbeiten der Deutschen Bahn, um ihr Streckennetz zu modernisieren, haben ebenso Auswirkungen auf unser Land. Die Strecke Passau-Obertraubling (D) ist bis 12. Dezember gesperrt. Schnellzüge zwischen Wien und Nürnberg fallen daher aus. Die Ausweichroute führt über den Münchener Hauptbahnhof. Statt der Fünf-Stunden-Verbindung sind Fahrgäste jetzt etwa eine Stunde länger unterwegs.

Fliegen ist auf der Strecke Wien-Nürnberg aber keine zeitsparende Alternative. Der Flug dauert mit Umstieg in Frankfurt mehr als drei Stunden, dazu kommen die Anfahrt zum Flughafen und das Einchecken. Ein Flug nur nach München dauert im günstigen Fall der Direktverbindung rund eine Stunde.

Während der Passauer Streckensperre werden rund 120 Güterzüge pro Tag umgeleitet. Das bedeutet eine höhere Auslastung am Deutschen Eck, die Züge sind teilweise langsamer unterwegs. Die Fahrzeit von Wien nach Vorarlberg verlängert sich deshalb im Schnitt um eine halbe Stunde.

Geduld und ein Blick auf die Seite www.oebb.at und die „Scotty App“ sind für baustellengeplagte Bahnfahrer in diesem Sommer unerlässlich. Pendler, deren Beruf es möglich macht, können eventuell zu Hause im „Home-Office“ arbeiten. Auch den Umstieg auf das Auto erwägt so mancher.

Auf den Straßen ist im Sommer jedoch ebenfalls Baustellenzeit. In den Städten und auf Bundesstraßen wird landesweit ebenso aufgegraben und asphaltiert wie auf den Autobahnen. Auf der Südautobahn (A2) bremst die Tunnel-Sanierung im Abschnitt Pack an der steirisch-kärntnerischen Grenze die Autofahrer aus. „Hier steht aus baulogistischen Notwendigkeiten statt zwei nur ein Fahrstreifen pro Richtung zur Verfügung“, heißt es beim Autobahnbetreiber ASFINAG. An Reisewochenenden kommt es zu Blockabfertigungen.

Ein Engpass ist immer auch die Tauernautobahn (A10) in Salzburg, so die Autobahnbetreiber. „Hier finden Generalerneuerungen sowohl zwischen Paß Lueg und Werfen als auch zwischen Eben und Flachau statt. Es stehen wie normal zwei Fahrstreifen pro Richtung zur Verfügung, jedoch verschwenkt und verengt.“

Die Autobahn-Baustellen gerade im Sommer sorgen Jahr für Jahr für Kopfschütteln. „Finden sich Baustellen auf wichtigen Reiserouten, dann sind die Baumaßnahmen aufgrund der Arbeitsintensität, erforderlichen Bauzeit oder Wichtigkeit notwendig“, sagt Andreas Fromm, der Geschäftsführer der ASFINAG Bau Management GmbH.

„Das heißt, es sind ,Ganzjahresbaustellen‘, wo auch im Sommer gearbeitet wird. Wird sonst in der heißen Jahreszeit saniert, dann geht es um unaufschiebbare akute Instandsetzungen.“

Eine langwierige Baustelle ist die Luegbrücke der Brennerautobahn (A13) in Tirol. Sie ist in die Jahre gekommen, es wird eine neue Brücke gebaut. Ende 2030 wird mit der Fertigstellung gerechnet. Anders als im Frühjahr ist die alte Brücke im Sommer aber weitgehend zweispurig befahrbar. Die Stausituation dort halte sich in Grenzen, da die meisten Autofahrer „auf der Achse Fernpass-Brenner bereits auf der Fernpass-Strecke im Stau stecken“, heißt es beim Autofahrerklub ÖAMTC.

Damit nicht schon der Weg in den Urlaub von Hektik und Stress überschattet wird, rät Thomas Haider vom Informationsdienst des ARBÖ zu einem „azyk-
lischen“ Reisebeginn. Also am besten die Fahrt in den Urlaub auf einen Wochentag am frühen Morgen oder später am Abend zu legen.

Er empfiehlt zudem, „sich vor Fahrtantritt über Baustellen und die aktuelle Verkehrslage auf der geplanten Strecke zu informieren, mögliche Alternativrouten zu überlegen und sich diese bereits im Kopf ,zurechtzulegen‘“. Auf mögliche Staus durch Überlastung und Baustellen zu reagieren sowie „ausreichend Zeitreserven einzuplanen“, sei ebenso wichtig.

Für eine entspannte Anreise hat der Experte des Automobilklubs ARBÖ noch einen Tipp: „Wenn möglich, empfehlen wir, bereits ein bis zwei Tage vor Reiseantritt Urlaub zu nehmen. Das hilft einerseits, nach einer arbeitsreichen Zeit etwas ,herunterzukommen‘, und erhöht andererseits die zeitliche Flexibilität bei der Wahl der Abfahrtszeit.“