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Ausgabe Nr. 26/2026 vom 24.06.2026, Fotos: AdobeStock, zvg
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Psychologin Mag. Isabell Messer
„Essgewohnheit zu ändern, ist schwer“
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Übergewicht abzubauen ist immer auch eine Frage der mentalen Störke. Tief sitzende Gewohnheiten und Prägungen im Essverhalten können Erfolge vereiteln. Eine erfahrene Psychologin erklärt, worauf es ankommt.
Gewicht zu verlieren, ist nicht nur eine körperliche
Herausforderung. Erfolge stellen sich erst ein, wenn auch die Psyche stark genug ist. Mag. Isabell Messer, Klinische und Gesundheitspsychologin (www.mag-messer.at)
erläutert die Rolle der Psyche beim Abnehmen.

Mag. Messer, nachhaltig abnehmen bedarf auch mentaler Kraft. Welche Rolle spielt die Psyche?

Menschen, die extrem übergewichtig sind, haben eine Fehlbeurteilung von Hunger und Appetit. Viele der Patienten kennen kein echtes Hungergefühl mehr. Sie lernen erst beim Abnehmen, was das ist. Sie empfinden ein körperliches Signal, auf das die Psyche mit Essen antwortet. Ihre Psyche ordnet das Gefühl falsch ein oder sie hat ein echtes Hungergefühl nie kennengelernt. Hunger und Sättigung muss der Mensch von klein auf lernen. Wird einem Kind zu oft Essen angeboten, etwa weil es müde, aufgeregt oder traurig ist, kann es zu dieser Fehlinterpretation kommen, die dann ein Leben bestehen bleibt.

Hat starkes Übergewicht eine psychische Ursache?

Ja, zum Beispiel die kindliche Prägung des Essverhaltens. Nicht nur, was wir essen, sondern, wann wir essen. Denken wir nur an das häufige Auffordern, das Kind möge seinen Teller aufessen, obwohl es vielleicht schon satt ist. Betroffene essen auch aus Sehnsucht, Trauer, Unsicherheit oder Langeweile. Adipositas, also extremes Übergewicht, ist eine Erkrankung, die Züge einer Sucht hat. Der Prozess des Essens ist es, was süchtig macht – nicht das Essen selbst.

Negative Kindheitserfahrungen können zu diesem Suchtverhalten führen. Essen ist immer legal erhältlich und stark mit Gefühlen verbunden, mit viel Trost und Belohnung. Es gibt viele stark übergewichtige Mädchen, die sich mit ihrer Fettschicht vor übergriffigen Blicken ihrer Umwelt schützen wollen.

Wie belastet das Übergewicht psychisch?

Es belastet stark. Übergewicht lässt sich nicht verstecken. Betroffene sind stets der Gefahr ausgeliefert, von anderen verurteilt zu werden, verächtliche Blicke und Mitleid zu bekomme, selbst vom medizinischen Fachpersonal hörten manche Betroffene, ,Sie müssen halt abnehmen‘. Das ist aber nicht so einfach.

Fällt es den Betroffen schwer, ihre Gewohnheiten zu ändern?

Ja, den schweren Körper zu bewegen, etwa für Sport, ist massiv anstrengend. In Sportbekleidung fühlen sich viele unwohl. Sie schämen sich und schaffen es nicht, schwimmen zu gehen, was aber für ihre Gelenke besonders gut wäre. Für viele Betroffene ist das Essen die einzige Freude im Leben. Der Essdrang ist stark, es fehlen aber die Alternativen zum Essen. Viele glauben nicht mehr, dass sie es schaffen, haben keine Zuversicht. Patienten müssen viel Neues lernen beziehungsweise kennenlernen, damit sie weniger essen.

Setzen sich Abnehmwillige falsche Ziele?

Wichtig ist, sich Zeit zu lassen und am Beginn Kleinigkeiten zu ändern. Einige wollen zu schnell abnehmen. Sie essen fast nichts mehr und wollen in zwei Monaten zehn Kilo verlieren. Statt mit einem extremen Sportprogramm im Fitnessstudio lieber mit dem Spazierengehen anfangen. Statt Essen weglassen, die Portionen verkleinern.

Braucht es hier psychologische Hilfe?

Ja, es braucht nich nur psychologische, sondern auch pädagogische Unterstützung oder die Hilfe durch einen Ernährungsberater, der vor allem am Anfang Mut zuspricht und die realistischen Ziele erklärt.

Kommt ein Rückfall einem Scheitern gleich?

Nein, so etwas kommt vor. Betroffene lernen auch bei einem Rückfall für die Zukunft dazu.

Welche Belohnung motiviert die Betroffenen?

Die größte Belohnung für einen stark übergewichtigen Menschen ist, eine kleinere Kleidergröße zu erreichen.

Wie kann das Zielgewicht gehalten werden?

Indem das Abnehmen langsam erfolgt, die Patienten ihren Körper wieder mehr spüren und, dass während des Abnehmprozesses Stabilisierungsphasen stattfinden. Für Patienten, die innerhalb eines Jahres 20 bis 30 Kilo langsam abnehmen, ist es keine große Herausforderung, das Zielgewicht zu halten. Anders ist es, wenn jemand in zwei, drei Monaten 20 Kilo abnehmen möchte. Was zwar machbar ist, aber dabei lassen sich keine Verhaltensveränderungen erlernen. Das ist nur ein kontrolliertes Essverhalten. In dem Fall muss ich immer mit dem Kopf steuern, was darf ich nun essen? Das ist keine Lebensstiländerung. Körper und Psyche hatten
keine Zeit, zu lernen, sich zu gewöhnen.

Ist es aus psychologischer Sicht sinnvoll, sich auf Medikamente, Spritzen oder Pillen zu verlassen?

Die neuen Abnehmmedikamente sind gute Hilfsmittel. Ich habe bei stark übergewichtigen Patienten bisher kaum Erfolge gesehen ohne Hilfsmittel wie Medikamente oder Magenoperation. Das Gute bei zum Beispiel Ozempic ist, dass sie weniger Heißhunger auf Süßes haben, mehr Appetit auf Obst und Gemüse und weniger Mengen essen möchten. Dieser, vor allem am Anfang bestehende Effekt, kann das Sprungbrett sein, die alten, ungesunden Essgewohnheiten abzulegen.

Ist der medikamentengestützte Weg nachhaltiger?

Ja, vor allem bei der hohen Zahl an Menschen, die fettleibig sind und es noch werden. Menschen, die adipös sind, reagieren auch stark auf die Bilder von Essen.
Äußere Reize animieren sie zum Essen. Wir brauchen daher diese Hilfsmittel, denn die gesundheitlichen Spätfolgen von starkem Übergewicht sind massiv.

Ist die Rückfallquote bei Adipositas hoch?

Ja. Essen ist ständig verfügbar. Fettleibigkeit ist eine Erkrankung, die sie ein Leben begleitet, auch wenn gutes Essverhalten erlernt wurde. Es dauert vier bis sechs Jahre, bis sich das neue Körperbild gefestigt hat.
Dann sind die Patienten ein wenig auf der sicheren
Seite. Dennoch kann die Essstörung nie ganz ausgelöscht
werden. Wer es geschafft hat, ist wie bei der Alkoholsucht, dann „trocken“.


Unerwünschte Wirkungen bei raschem Gewichtsverlust

Greift der Körper die Fettdepots an, benötigt er die Bausteine der Proteine. Werden diese nicht
ausreichend über das Essen aufgenommen, nimmt sich der Körper Teile vom Muskelprotein. Bei jedem größeren Gewichtsverlust geht ein Teil der Muskeln verloren.

Ein schneller Gewichtsverlust geht mit einem Verlust von Knochenmasse einher. Weniger Fett und Muskelmasse üben weniger Druck und Zug auf die Knochen aus.
Das kann für Frauen in den Wechseljahren ein
erhöhtes Risiko für Knochenschwund bedeuten.“

Caroline Apovian, Harvard Medical, USA


Ein rascher Gewichtsverlust – vier bis fünf Kilo pro Monat – erhöht die Gallensäure. Es kommt zur
Cholesterinsättigung in der Galle. Diese wird dickflüssig.
Da das Abnehmmedikament die Magenentleerung verzögert, bleibt die Galle länger in der Blase und bildet Steine.

Die Gewichtszunahme nach dem Ende der Medikamenteneinnahme beruht mehr auf Fett. Auch der Nutzen für Diabetes und Herz-Kreislauf kehrt sich wieder um. Das kann Menschen in einen ungesünderen Zustand als vor dem Gewichtsverlust bringen.“

Rozalina McCoy, Maryland Medicine, USA


Wann unsere Kassen Abnehmspritzen bezahlen

Der Arzt verschreibt sie ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 oder ab einem BMI von 27, wenn
gleichzeitig Begleiterkrankungen (Bluthochdruck/Diabetes) vorliegen. So gut wie immer müssen in unserem Land die Medikamente aber privat bezahlt werden.

Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) übernimmt die Kosten für diese Medikamente nur in Einzelfällen und nur in Abstimmung mit Adipositaszentren.

Beispiele: Kinder/Jugendliche, die trotz Therapie in einem Adipositaszentrum, Ernährungsumstellung und Bewegungstherapie massiv übergewichtig bleiben.

Erwachsene, die trotz Behandlung in einem Adipositaszentrum aufgrund des Übergewichtes für eine
gewichtsreduzierende Operation („Magenverkleinerung“) nicht infrage kommen.
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