Anmelden
Abonnieren
Ausgabe Nr. 25/2026 vom 17.06.2026, Fotos: APA-Images, zvg, AdobeStock, Quelle: Eurostat 2023, ausgewählte Länder
Artikel-Bild
Artikel-Bild
Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer.
Artikel-Bild
Neue Hürden für Patienten
Jetzt neu: Hier klicken
und Artikel an Freunde verschenken.
Bis Jahresende soll die Gesundheitsreform stehen. Für Patienten drohen neue Hindernisse.
Diskutiert wird eine strengere Zugangsregel zu Fachärzten durch eine Überweisungspflicht.
Auf Play drücken
um Artikel vorlesen
zu lassen.
Unser Gesundheitssystem ist eines der teuersten in Europa. Mehr als ein Sechstel des Budgets gab der Staat zuletzt dafür aus. Trotzdem sind Hausärzte Mangelware, auf einen Facharzttermin müssen Patienten oft wochenlang warten.

Ärzte und Forscher beklagen schon lange den „ungelenkten“ Zugang zu Spezialisten und Spitalsambulanzen. Patienten, die bei leichtem Halskratzen sofort den Hals-Nasen-Ohren-(HNO)-Arzt aufsuchen, sind keine Seltenheit. Hat der Facharzt keinen Termin frei, kommen manche dann gleich in die Spitalsambulanz.

Vor allem im Norden Europas ist das anders. Dort sind der Hausarzt oder Gesundheitszentren immer die erste Anlaufstelle für die Patienten. Bei Bedarf wird dann weitervermittelt, mit genau geregelten Ausnahmen. In Deutschland ist eine entsprechende Reform geplant. Auch bei uns ist eine solche Hürde im Gespräch. Die Facharztbesuche stiegen hierzulande zwischen 2017 und 2025 um 14 Prozent. „Im selben Zeitraum kam es zu einer Zunahme der Bevölkerung von lediglich 4,8 Prozent“, heißt es aus der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK).

Aber eine Überweisungspflicht stößt auf Widerstand. Der „Berufsverband Fachärzt:innen Österreich“ hat eine Petition dagegen initiiert, die schon mehr als 60.000 Unterschriften zählt. „Skandinavische und nordische Gesundheitssysteme werden gerne als Positivbeispiele ins Treffen geführt. Dabei gibt es auch dort Diskussionen über lange Wartezeiten, Zugänglichkeit und schwindendes Vertrauen ins Gesundheitswesen“, berichtet die Kardiologin und Universitätsprofessorin Bonni Syeda. In den Niederlanden gebe es keine niedergelassenen Fachärzte, „sie arbeiten ausschließlich in Spitälern“. Die Folge seien längere Wartezeiten auf Facharzttermine und schlechtere gesundheitliche Resultate, „beispielsweise niedrigere Krebsüberlebensraten aufgrund verzögerter Diagnosestellung und Therapieeinleitung.

„Genau solche Verhältnisse wollen und müssen wir in Österreich verhindern. Das kann und darf nicht unser Vorbild sein.“ Für den Gesundheitsökonomen Ernest Pichlbauer wäre die Überweisungspflicht hingegen „grundsätzlich sinnvoll, aber sie muss gewieft angelegt werden“, sagt der Mediziner. „In unserem jetzigen System funktioniert sie nicht. Dafür bräuchte es eine völlige Neuordnung. Aber irgendeine Regelung wird bei uns kommen, da bin ich mir sicher. Und ich bin ebenso sicher, dass es nichts bringt.“

Das liegt auch an der Überlastung der Ordinationen. „Aktuell haben wir 19.000 E-Card-Kontakte bei den Kassen-Hausärzten pro Jahr. Durch eine Allgemeinmediziner-Praxis geht jedes Jahr eine Kleinstadt durch. Deswegen sind die Hausärzte auch endlos überfordert und daher kommt dieses Gerücht, dass die Patienten ohnehin nur weiter überwiesen werden.“

Die Versicherten gehen derzeit oft lieber gleich zum Facharzt, um sich einen Weg zu ersparen. „Die Zahl der E-Card-Kontakte müsste auf 5.000 bis 6.000 reduziert werden, damit diese Ersteinschätzung richtig funktionierte.“

Dazu müssten die Verantwortlichen unter anderem „schauen, dass die Kleinigkeiten möglichst frühzeitig abgefangen werden. Dass Menschen mit Halsschmerzen noch nicht einmal zum Hausarzt kommen. Das hat viele Vorteile, weil sie auch wieder lernen, dass sie mit solchen selbstlimitierenden, meistens viralen Infekten selbst gut umgehen können. Sie bleiben zu Hause, trinken Tee und wenn es nach drei Tagen nicht besser ist, dann könnten sie bei der Gesundheits-Hotline 1450 anrufen.“

Für chronisch Erkrankte müsste es Ausnahmen und eigene Programme geben. „Es macht überhaupt keinen Sinn, beispielsweise einen Diabetiker, der ein Mal im Jahr eine Augenuntersuchung machen soll, zuerst zum Hausarzt zu schicken. Ganz im Gegenteil“, weiß Ernest Pichlbauer. „Erst wenn viele Puzzleteile zusammenpassen, also im Idealfall, ist eine Überweisungspflicht das Beste, was man machen kann.“

Aber dieser Idealfall werde nicht eintreten. „Es wird noch chaotischer sein als heute. Wenn die E-Card-Kontakte auf 25.000 oder 30.000 ansteigen, dann werden die Ordinationen nur mehr Sprechstundenhilfen einstellen müssen, die den Überweisungszettel einfach abstempeln.“ Die Idee einer abgestuften Versorgung ist mehr als 100 Jahre alt. International wird versucht, die Versorgungspyramide einzuhalten – der Hausarzt überweist zum Facharzt und von dort ins Spital.

„Je höher die Spezialisierung in der Medizin ist, desto dringender wäre es, so zu arbeiten“, ist der Gesundheitsökonom Pichlbauer überzeugt. „Wir haben das völlig ignoriert. In unserem Gesundheitssystem war das jahrzehntelang völlig egal. Jetzt kommen wir halt drauf, dass wir das alles nicht mehr hinkriegen.“

Früher, „vor der Einführung der E-Card, bekam man den Krankenschein vom Arbeitgeber“, erinnert sich Ernest Pichlbauer zurück.
„Man hatte nur zwei für den Facharzt, ansonsten brauchten die Patienten eine Überweisung vom Hausarzt. Damit war eine gewisse Hemmung da.“

Nach wie vor gilt: Innerhalb eines Quartals können Versicherte einen Vertragsarzt pro Fachgebiet mit der E-Card besuchen. Unter anderem für Notfälle gibt es Ausnahmen. Zuweisungen sind beispielsweise für Computertomografien, physikalische Therapien oder Labordiagnostik notwendig.

Bis zum Jahresende soll die Gesundheitsreform der Regierung stehen. Noch wird mit den Bundesländern, Gemeinden und der Sozialversicherung verhandelt.

„Im Zuge der Reformgespräche wird natürlich über alle Modelle diskutiert“, sagt Andreas Huss, einer der beiden Obmänner der ÖGK. Er plädiert für einen höheren Stellenwert der Gesundheitshotline 1450.

„Sie ersetzt Hausärzte nicht. Ihr Mehrwert liegt darin, rund um die Uhr den passenden Versorgungsweg aufzuzeigen und Informationen zur Selbstbehandlung zu geben, wo das medizinisch vertretbar ist.“ Zusätzlich soll die Gesundheits-Telefonnummer 1450 „künftig mit Telemedizin und Terminservice ergänzt werden“.

Die SPÖ-Gesundheitsministerin Korinna Schumann antwortet ausweichend auf die Frage, wie konkret die Vorschläge für eine Überweisungspflicht durch Hausärzte sind. „Die Diskussion darf nicht auf einzelne Maßnahmen verengt werden. Entscheidend ist das Gesamtsystem und die Frage, wie wir die Menschen rascher und zielgerichteter zur passenden Versorgung bringen.“

Eine klare Absage erteilt sie der Ambulanzgebühr. Die gab es zwischen 2001 und 2003, bis zu 18 Euro wurden verrechnet, wenn Patienten keine Notfälle waren. Der Verfassungsgerichtshof hob sie wegen einer fehlerhaften Kundmachung auf. „Eine Wiedereinführung von Ambulanzgebühren halte ich nicht für den richtigen Weg. Wer medizinische Hilfe braucht, soll diese erhalten können, ohne sich zuerst Sorgen um zusätzliche Kosten machen zu müssen. Entscheidend ist, attraktive Alternativen zu den Spitalsambulanzen zu schaffen und die wohnortnahe Versorgung weiter auszubauen.“
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung