Ausgabe Nr. 20/2026 vom 12.05.2026, Fotos: APA-Images, zvg, ORF/toechterundsoehne/Matthias Heschl
Ein Wettstreit mit Misstönen
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Am Samstag wird zum 70. Mal der Gewinner beim Eurovisions Song Contest gewählt. Heuer findet der Sanges-Wettstreit in Wien statt.
Es wird vom Vorjahres-Sieger JJ aus Wien eröffnet, der nach Kritik an der israelischen Teilnahme mundtot gemacht wurde. Er ist mit seinem Protest bei Weitem nicht allein.
Es wird vom Vorjahres-Sieger JJ aus Wien eröffnet, der nach Kritik an der israelischen Teilnahme mundtot gemacht wurde. Er ist mit seinem Protest bei Weitem nicht allein.
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Die Teilnahme am Song Contest im Vorjahr in Basel in der Schweiz wurde für den Wiener Johannes Pietsch zum Märchen. Der unter dem Künstlernamen JJ auftretende 25jährige Sänger gewann den Wettbewerb und wurde über Nacht berühmt. Er schwebte auf Wolken.
Von dort wurde er jedoch schon nach fünf Tagen, am 22. Mai, unsaft heruntergerissen. Schuld war sein Sinn für Gerechtigkeit sowie eine Meute heuchlerischer Medien und Politiker. An diesem Maitag gab JJ der spanischen Zeitung „El Pais“ ein Sieger-Interview. Darin nahm er Bezug auf den Völkermord Israels an den Palästinensern im Gazastreifen und meinte, es sei sehr enttäuschend, dass Israel noch am Wettbewerb teilnehme. „Ich wünsche mir, dass der Song Contest nächstes Jahr in Wien ohne Israel stattfindet. Aber der Ball liegt bei der Europäischen Rundfunkunion EBU. Wir Künstler können uns nur dazu äußern.“
Was folgte, war bemerkenswert. Innerhalb kürzester Zeit wurde aus dem gefeierten Gewinner ein Problemfall für die Republik. Pietsch war früher Mitglied der Opernschule, das veranlasste einen Sponsor der Staatsoper dazu, sich beim Direktor Bogdan Roščić zu beschweren. Von „politisch-historischer Naivität mit möglicherweise antisemitischen Tendenzen“ war die Rede. Roščić stellte zwar klar, dass Pietschs Zeit an der Opernschule längst vorbei sei, schritt aber, um einen Geldgeber bangend, umgehend ein. In einem offenen Brief distanzierte er sich von JJs Rhetorik und kritisierte „die politisch-historische Naivität“, die in der Generation des damals 24jährigen Sängers „alles andere als selten“ sei. Ihm zur Hilfe eilten sogleich Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der meinte, man müsse zwischen dem Staat Israel und der aktuellen Regierung unterscheiden. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer nannte die Aussagen des Künstlers gar „zutiefst befremdlich“.
Wenn es um Israel geht, ist der Spielraum gering. Der Fall von JJ zeigt, dass freie Meinungsäußerung, wie sie hierzulande ja eigentlich möglich sein sollte, nicht als solche gelesen wird, sondern als Grenzüberschreitung – und der Vorwurf des Antisemitismus als „Totschlagargument“ keinen Raum für Debatten lässt.
Dass andere Künstler ähnliche Positionen vertreten, ändert daran wenig. Der Schweizer Song-Contest-Sieger von 2024, Nemo, ging sogar noch weiter und gab
seinen Siegerpokal zurück. „Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass diese Trophäe in mein Regal gehört“, schrieb er auf dem Internetdienst Instagram. „Wenn die Werte, die wir auf der Bühne feiern, nicht abseits der Bühne gelebt werden, werden selbst die schönsten Lieder bedeutungslos.“ Auch Charlie McGettigan, der 1994 für Irland siegreich war, folgte seinem Beispiel und gab seinen Pokal zurück. „Nemo hat gut erklärt, warum ich das auch tue“, meinte er.
McGettigan ist auch einer von 70 ehemaligen Song-Contest-Teilnehmern, Künstlern sowie Liedschreibern, die in einem offenen Brief ebenfalls den Ausschluss Israels vom Wettbewerb als Konsequenz für den verheerenden Krieg mit etwa 80.000 Toten im Gazastreifen fordern. Diese Zahl hat ein Team des renommierten Max-Planck-Institutes in Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern erhoben.
Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ warf Israel dieser Tage vor, im Gazastreifen absichtlich eine Unterernährungs-Krise erzeugt zu haben. Mitarbeiter stellten fest, dass es zwischen 2024 und Anfang dieses Jahres aufgrund der Mangelernährung deutlich mehr Fehlgeburten, Frühgeburten, verstorbene Säuglinge sowie unterernährte Mütter gibt. Und sie forderten Israel auf, ungehindert Hilfsgüter in den Gazastreifen zuzulassen.
Die Länder Spanien, Irland, die Niederlande, Slowenien und Island sind heuer in Wien aus Protest gegen die Teilnahme Israels nicht dabei. Daneben sehen sich die Veranstalter mit der Aktion „No Music For Genocide“ (dt. „Keine Musik für Völkermord“), bei der mehr als 1.000 Künstler und Plattenfirmen, darunter bekannte Namen wie Brian Eno, Peter Gabriel oder „Massive Attack“, ihre Musik für israelisches Gebiet gesperrt oder entfernt haben. Was den Unterzeichnern ebenso aufstößt, ist die Doppelmoral, mit der die EBU vorgeht.
Während Israel am Song Contest teilnehmen darf, wurde Russland 2022 wegen des Krieges gegen die Ukraine vom Bewerb ausgeschlossen. Dasselbe Schicksal traf Weißrussland, das ebenfalls seit 2022 nicht mehr dabeisein darf. Das eingereichte Lied wurde von der EBU als politisch und propagandistisch eingestuft.
An Mitstreitern würde es JJ also nicht mangeln. Dass seine Aussagen und der darauffolgende Sturm der Entrüstung Spuren hinterlassen haben, zeigt sich in der Vorsicht, die der 25jährige Wiener heute walten lässt. Auf die Frage, was sich seit seinem Sieg verändert habe, sagt er: „Es hat sich viel verändert. Ich werde überall auf der Straße erkannt und nach einem Foto gefragt.“ Konkret wird er nicht. Auch seine Karriere beschreibt er in allgemeinen Floskeln.
„Es sind neue Menschen um mich herum und ich darf mit ihnen die Welt bereisen, um neue Lieder zu schreiben, aufzutreten oder Musikvideos aufzunehmen.“ Fragen zu Insrael beantwortet er nicht.
Bei der Premiere seiner neuen Show „Act 1: The Introduction“ im Grazer Orpheum Mitte April waren nur 250 Zuschauer. Die Veranstaltung sei bewusst klein gehalten worden, heißt es.
Mehr Zuschauer werden beim Eurovision Song Contest vom 12. bis 16. Mai in der Wiener Stadthalle bei den beiden Halbfinal-Auftritten sowie dem Finale am Samstag erwartet, für das unser Beitrag bereits qualifiziert ist. Dem Künstler Cosmó werden mit dem Lied „Tanzschein“ allerdings wenig Chancen eingeräumt.
„Ich bin so gespannt, welches Land gewinnen wird, und ich freue mich umso mehr, ein neues Lied im zweiten Halbfinale am Donnerstag präsentieren und auch das große Finale eröffnen zu dürfen“, sagt JJ. Gut 95.000 Karten für insgesamt neun Shows, samt Proben, wurden bereits Wochen vorher verkauft, wobei die EBU als verantwortliche Organisation mit Sitz in Genf (Schweiz) genaue Vorgaben macht. Die muss das Veranstalterland umsetzen. Derzeit sind 56 Länder in dieser Rundfunkunion vereint.
Sie haben sich von den Grundsätzen der Austragung des Song Contestes längst entfernt. Denn das ursprüngliche Ziel war durchaus ehren- und erstrebenswert. Die Musik sollte Menschen verbinden und den kulturellen Austausch in Europa fördern. Es war nicht die Rede davon, einen Keil durch Europa zu treiben. b.reiter
Von dort wurde er jedoch schon nach fünf Tagen, am 22. Mai, unsaft heruntergerissen. Schuld war sein Sinn für Gerechtigkeit sowie eine Meute heuchlerischer Medien und Politiker. An diesem Maitag gab JJ der spanischen Zeitung „El Pais“ ein Sieger-Interview. Darin nahm er Bezug auf den Völkermord Israels an den Palästinensern im Gazastreifen und meinte, es sei sehr enttäuschend, dass Israel noch am Wettbewerb teilnehme. „Ich wünsche mir, dass der Song Contest nächstes Jahr in Wien ohne Israel stattfindet. Aber der Ball liegt bei der Europäischen Rundfunkunion EBU. Wir Künstler können uns nur dazu äußern.“
Was folgte, war bemerkenswert. Innerhalb kürzester Zeit wurde aus dem gefeierten Gewinner ein Problemfall für die Republik. Pietsch war früher Mitglied der Opernschule, das veranlasste einen Sponsor der Staatsoper dazu, sich beim Direktor Bogdan Roščić zu beschweren. Von „politisch-historischer Naivität mit möglicherweise antisemitischen Tendenzen“ war die Rede. Roščić stellte zwar klar, dass Pietschs Zeit an der Opernschule längst vorbei sei, schritt aber, um einen Geldgeber bangend, umgehend ein. In einem offenen Brief distanzierte er sich von JJs Rhetorik und kritisierte „die politisch-historische Naivität“, die in der Generation des damals 24jährigen Sängers „alles andere als selten“ sei. Ihm zur Hilfe eilten sogleich Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der meinte, man müsse zwischen dem Staat Israel und der aktuellen Regierung unterscheiden. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer nannte die Aussagen des Künstlers gar „zutiefst befremdlich“.
Wenn es um Israel geht, ist der Spielraum gering. Der Fall von JJ zeigt, dass freie Meinungsäußerung, wie sie hierzulande ja eigentlich möglich sein sollte, nicht als solche gelesen wird, sondern als Grenzüberschreitung – und der Vorwurf des Antisemitismus als „Totschlagargument“ keinen Raum für Debatten lässt.
Dass andere Künstler ähnliche Positionen vertreten, ändert daran wenig. Der Schweizer Song-Contest-Sieger von 2024, Nemo, ging sogar noch weiter und gab
seinen Siegerpokal zurück. „Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass diese Trophäe in mein Regal gehört“, schrieb er auf dem Internetdienst Instagram. „Wenn die Werte, die wir auf der Bühne feiern, nicht abseits der Bühne gelebt werden, werden selbst die schönsten Lieder bedeutungslos.“ Auch Charlie McGettigan, der 1994 für Irland siegreich war, folgte seinem Beispiel und gab seinen Pokal zurück. „Nemo hat gut erklärt, warum ich das auch tue“, meinte er.
McGettigan ist auch einer von 70 ehemaligen Song-Contest-Teilnehmern, Künstlern sowie Liedschreibern, die in einem offenen Brief ebenfalls den Ausschluss Israels vom Wettbewerb als Konsequenz für den verheerenden Krieg mit etwa 80.000 Toten im Gazastreifen fordern. Diese Zahl hat ein Team des renommierten Max-Planck-Institutes in Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern erhoben.
Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ warf Israel dieser Tage vor, im Gazastreifen absichtlich eine Unterernährungs-Krise erzeugt zu haben. Mitarbeiter stellten fest, dass es zwischen 2024 und Anfang dieses Jahres aufgrund der Mangelernährung deutlich mehr Fehlgeburten, Frühgeburten, verstorbene Säuglinge sowie unterernährte Mütter gibt. Und sie forderten Israel auf, ungehindert Hilfsgüter in den Gazastreifen zuzulassen.
Die Länder Spanien, Irland, die Niederlande, Slowenien und Island sind heuer in Wien aus Protest gegen die Teilnahme Israels nicht dabei. Daneben sehen sich die Veranstalter mit der Aktion „No Music For Genocide“ (dt. „Keine Musik für Völkermord“), bei der mehr als 1.000 Künstler und Plattenfirmen, darunter bekannte Namen wie Brian Eno, Peter Gabriel oder „Massive Attack“, ihre Musik für israelisches Gebiet gesperrt oder entfernt haben. Was den Unterzeichnern ebenso aufstößt, ist die Doppelmoral, mit der die EBU vorgeht.
Während Israel am Song Contest teilnehmen darf, wurde Russland 2022 wegen des Krieges gegen die Ukraine vom Bewerb ausgeschlossen. Dasselbe Schicksal traf Weißrussland, das ebenfalls seit 2022 nicht mehr dabeisein darf. Das eingereichte Lied wurde von der EBU als politisch und propagandistisch eingestuft.
An Mitstreitern würde es JJ also nicht mangeln. Dass seine Aussagen und der darauffolgende Sturm der Entrüstung Spuren hinterlassen haben, zeigt sich in der Vorsicht, die der 25jährige Wiener heute walten lässt. Auf die Frage, was sich seit seinem Sieg verändert habe, sagt er: „Es hat sich viel verändert. Ich werde überall auf der Straße erkannt und nach einem Foto gefragt.“ Konkret wird er nicht. Auch seine Karriere beschreibt er in allgemeinen Floskeln.
„Es sind neue Menschen um mich herum und ich darf mit ihnen die Welt bereisen, um neue Lieder zu schreiben, aufzutreten oder Musikvideos aufzunehmen.“ Fragen zu Insrael beantwortet er nicht.
Bei der Premiere seiner neuen Show „Act 1: The Introduction“ im Grazer Orpheum Mitte April waren nur 250 Zuschauer. Die Veranstaltung sei bewusst klein gehalten worden, heißt es.
Mehr Zuschauer werden beim Eurovision Song Contest vom 12. bis 16. Mai in der Wiener Stadthalle bei den beiden Halbfinal-Auftritten sowie dem Finale am Samstag erwartet, für das unser Beitrag bereits qualifiziert ist. Dem Künstler Cosmó werden mit dem Lied „Tanzschein“ allerdings wenig Chancen eingeräumt.
„Ich bin so gespannt, welches Land gewinnen wird, und ich freue mich umso mehr, ein neues Lied im zweiten Halbfinale am Donnerstag präsentieren und auch das große Finale eröffnen zu dürfen“, sagt JJ. Gut 95.000 Karten für insgesamt neun Shows, samt Proben, wurden bereits Wochen vorher verkauft, wobei die EBU als verantwortliche Organisation mit Sitz in Genf (Schweiz) genaue Vorgaben macht. Die muss das Veranstalterland umsetzen. Derzeit sind 56 Länder in dieser Rundfunkunion vereint.
Sie haben sich von den Grundsätzen der Austragung des Song Contestes längst entfernt. Denn das ursprüngliche Ziel war durchaus ehren- und erstrebenswert. Die Musik sollte Menschen verbinden und den kulturellen Austausch in Europa fördern. Es war nicht die Rede davon, einen Keil durch Europa zu treiben. b.reiter
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