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Ausgabe Nr. 13/2026 vom 25.03.2026, Fotos: Walter Wackerlig, Zeppelzauer, Georg Cizek, zvg, AdobeStock
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Laura Korhonen und ihr Mann Aron Saringer im Proberaum.
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Sie genießt es, wieder zu singen.
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Korhonen möchte über die Implantate aufklären.
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Das Implantat sendet elektrische Impulse an den Hörnerv.
Aus der Stille zur Musik
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Die Sängerin Laura Korhonen erlitt in ihrem Leben mehr als zehn Gehörstürze, die zu beidseitiger Taubheit führten. Durch Cochlea-Implantate kann sie mittlerweile wieder hören. So hat die Niederösterreicherin zurück zu sich selbst und zur Musik gefunden.
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Aus dem Proberaum sind beschwingte Akkorde zu hören. Laura Korhonen, 40, steht vor dem Mikrofon, an der Gitarre neben ihr sitzt ihr Mann. Bevor sie singt, streicht sie sich die braunen Haare aus dem Gesicht. Da blitzen zwei kleine Geräte hinter ihrem Ohr hervor. Kaum sichtbar, aber entscheidend, es sind Cochlea-Implantate, die ihr das zurückgeben, was sie bereits verloren hatte. Denn Korhonen ist eigentlich gehörlos.

Sie kam im Jahr 2009 nach Wien, um als Austauschstudentin am Konservatorium Jazzgesang zu studieren. Die gebürtige Finnin aus Helsinki hatte damals noch keine Ahnung, dass die Stadt ihr ganzes Leben verändern würde. „Wien hat einen Ruf
als Musikstadt. Ich habe mich sofort in die Stadt verliebt und die ersten Konzerte gespielt“, erzählt sie mit schwärmerischem Blick.

So begegnete sie auch Aron Saringer, 37. Erst entstand ein musikalisches Duo, dann eine Beziehung. Mittlerweile sind die beiden verheiratet, haben zwei Töchter und wohnen in einem renovierten Bauernhof in Rappottenstein (NÖ).

„Die Band von damals gibt es immer noch. Wir sind sogar zu einem sechsköpfigen Ensemble angewachsen.“ Unter dem Namen „Satuo“ machen sie alle gemeinsam Musik. „Wir spielen eine Mischung aus Folk, Jazz, Weltmusik, Blues und skandinavischen Volksliedern. Dabei ist uns wichtig, Geschichten zu erzählen. Wir arrangieren alte Melodien neu und probieren viel aus“, meint die Künstlerin mit einem stolzen Lächeln im Gesicht. Dieses Lächeln musste sie sich erst hart zurückkämpfen, denn hinter Korhonen liegen herausfordernde Jahre. Denn nur wenige Wochen nach ihrer Ankunft in Wien vor mehr als 15 Jahren bemerkte sie zum ersten Mal, dass etwas mit ihrem Gehör nicht stimmte.

„Ich habe plötzlich auf dem linken Ohr nur noch dumpf gehört. Da dachte ich noch an eine Verkühlung.“ Erst ihre Gesangslehrerin reagierte alarmiert. Im AKH Wien diagnostizierten die Ärzte schließlich einen Hörsturz. Durch die Cortison-Behandlung kam ihr Gehör zurück, allerdings nur vorerst. „Vier Monate später passierte es wieder. Dieses Mal hat nichts geholfen, mein linkes Ohr blieb taub“, erinnert sie sich an die schwere Zeit zurück.

Korhonen ließ sich nicht entmutigen und sang weiter. Bis 2018 der nächste Schicksalsschlag folgte. Kurz nach der Geburt ihrer zweiten Tochter wurde auch ihr rechtes Ohr taub, wieder war ein Hörsturz der Auslöser. Noch im Spital erlitt sie eine bakterielle Sepsis (Blutvergiftung). „Ich wäre fast gestorben“, sagt sie ruhig. In den Monaten danach folgten zehn weitere Hörstürze. „Ich war völlig erschöpft und am Ende. Schließlich wurde ich vollkommen gehörlos.“

Für die Musikerin und Sängerin war das ein schwerer Schlag. „Es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich hatte nicht nur mein Gehör verloren, sondern auch meine Identität. Zuerst war ich traurig, dann zornig. Es fühlte sich unfair an.“

Auch in ihrer Mutterrolle kam sie sich fehl am Platz vor. „Ich konnte nicht einmal ein normales Gespräch mit meinen Kindern führen.“ Im Jahr 2019 rieten ihr die Ärzte im Klinikum St. Pölten (NÖ) schließlich zu einer Operation und dem Einsetzen von Cochlea-Implantaten. „Das sind elektronische Innenohr-Prothesen. Sie ersetzen die Funktion der zerstörten Haarzellen im Innenohr und schicken elektrische Impulse direkt an den Hörnerv. Ich wusste, dass es ein langer Rehabilitationsprozess werden würde, aber es war auch meine einzige Chance.“

Ein Implantat kostet etwa so viel wie ein Kleinwagen (€ 20.000,–), teilweise werden die Kosten von der Krankenkasse übernommen. So wurde zuerst das rechte, dann das linke Ohr operiert. Als die Implantate aktiviert wurden, war die Erleichterung groß. „Aber mein Gehirn musste erst lernen, die elektrischen Signale zu verstehen. Fließendes Wasser klang zu Beginn wie klirrendes Eis, Geräusche waren fremd und verzerrt, Stimmen klangen wie Roboter. Das dauerte Monate und erforderte viel Geduld.“

Heute unterrichtet Korhonen mit beiden Cochlea-Implantaten Gesang, Tanz und musikalische Früherziehung in mehreren Gemeinden im Waldviertel (NÖ). Außerdem steht sie wieder auf der Bühne. „Musik fühlt sich heute anders an“, sagt sie. „Vielleicht sogar intensiver.“

Geräusche sind klarer, präziser. Manche Frequenzen hört sie sogar besser als früher.

Verschwunden sind die Herausforderungen allerdings nicht. Korhonen liest oft noch unbewusst Lippen. In Gesprächen braucht sie mehr Konzentration. Und manchmal begegnet sie auch Vorurteilen von Menschen, die glauben, sie hätte ihre Taubheit durch die Musik selbst verursacht.

„Es gibt viele verschiedene Gründe für Hörstürze, die noch nicht ausreichend erforscht wurden. Meist sind es psychische Auslöser, Stress oder andere Erkrankungen. Oft höre ich auch Verschwörungstheorien über Implantate. Es gibt leider viel Unwissen diesbezüglich.“

Gerade deshalb spricht sie öffentlich über ihre Geschichte und plädiert für Inklusion. In Kursen, Konzerten und Vorträgen erklärt sie, wie Cochlea-Implantate funktionieren und was es bedeutet, mit ihnen zu leben. „Ich möchte Menschen mit Beeinträchtigungen Mut machen.“

In unserem Land leben gut 9.000 Menschen, die von Gehörlosigkeit betroffen sind. Etwa 5.600 davon tragen Implantate. „Es sollte so normal sein, wie eine Brille zu tragen.“

Saringer zupft an den Saiten seiner Gitarre und wirft seiner Frau einen bewundernden Blick zu. „Laura ist eine Kämpferin“, sagt er. „Sie ist ein Vorbild für die ganze Familie.“ Schuh
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