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Ausgabe Nr. 12/2026 vom 18.03.2026, Fotos: Zeppelzauer, Sabine Sattlegger, Denise Stinglmayr, MuseumsQuartier/markus wache
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Die Pensionistin Margarethe Weber auf Pfandsuche.
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Birgit Gerstorfer, Präsidentin des PVÖ
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Soziale Idee – das MQ-Pfandregal.
Pfand sammeln zum Überleben
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Rund 225.000 Menschen in unserem Land sind auf das Sammeln von Pfandflaschen und -Dosen angewiesen. Darunter viele Pensionisten, die sonst nicht über die Runden kommen.
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Verstohlen blickt sich Margarethe Weber (Name geändert) um, bevor sie in den öffentlichen Mistkübel neben einer Bushaltestelle greift. Sie trägt dabei Handschuhe, um sich nicht zu verletzen. „Sicher ist sicher“, meint die 74jährige, denn in den Müllkübeln befinden sich oft Glassplitter, scharfe Dosenkanten oder andere gefährliche Abfälle, die zu Schnittverletzungen führen können.

Die Wienerin gehört zu den rund 225.000 Menschen in unserem Land, die im öffentlichen Raum gezielt nach leeren Pfandflaschen und Dosen suchen. Das besagt eine repräsentative Umfrage des Wiener Meinungsforschungsinstitutes „TQS“ im Auftrag des deutschen Getränkeherstellers „fritz-kola“.

Umweltschutz wird von einigen dabei auch als Motiv genannt, aber für die meisten ist das Sammeln der Pfand-Leergebinde einfach eine Notwendigkeit, um Grundbedürfnisse decken zu können.

So gaben etwa 13 Prozent der Befragten an, mit ihrem Einkommen aus Erwerbsarbeit nicht mehr auszukommen. Acht Prozent sammeln, um Kindern oder Enkerln Wünsche erfüllen zu können. Ihre niedrige Pension aufbessern müssen sich 14 Prozent, weil sie anders nicht mehr über die Runden kommen.

Vor mehr als einem Jahr wurde das Einweg-Pfandsystem in unserem Land eingeführt. Wer eine Flasche oder eine Dose mit dem Pfandlogo zurückbringt, bekommt 25 Cent retour, die zuvor dafür bezahlt werden mussten. Manche empfinden das Zurückbringen aber als nervig und entsorgen die Gebinde lieber – doch was die einen wegwerfen, hilft anderen zu überleben.

Auch Margarethe Weber ist mehrmals in der Woche unterwegs, um nach weggeworfenen Pfandflaschen und Getränkedosen Ausschau zu halten. Am Anfang sei es schon eine Überwindung gewesen, in den Abfallbehältern zu „stierln“, erzählt die Pensionistin. „Aber vier Flaschen bringen einen Euro. Und meine Pension ist so niedrig, da hilft mir jeder einzelne Euro weiter.“

Altersarmut betrifft vor allem Frauen. Von den insgesamt rund 235.000 armuts- und ausgrenzungsgefährdeten Pensionisten (älter als 65 Jahre) in unserem Land sind zwei Drittel Frauen.

Das sei laut dem Pensionistenverband Österreich (PVÖ) eine traurige Tatsache. „Und Armut ist leider auch oft mit großer Scham verbunden. Viele der von Armut betroffenen Pensionistinnen und Pensionisten versuchen ihre Situation zu verstecken, sie ,verschwinden‘ oft regelrecht und ziehen sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück.“

Für diese Menschen zählt oft wirklich jeder Euro. „Wir sind hier im Pensionistenverband mit herzzerreißenden Schicksalen konfrontiert. Vor einiger Zeit hat mir eine Dame berichtet, dass ihr Ziel sei, am Ende des Monats etwa € 3,– gespart zu haben – damit sie sich ein Schälchen ihrer heißgeliebten Erdbeeren leisten kann.“

Für Senioren wie in diesem Beispiel seien Pfandflaschen, die einige Menschen einfach achtlos liegen lassen, „Geld, das sozusagen auf der Straße liegt. Geld, das sie dringend benötigen. Und das ist in einem Sozialstaat wie dem unseren beschämend. Und zwar für den Staat – nicht für die Betroffenen“, heißt es vom PVÖ.

Die Ausgleichszulage, die derzeit bei € 1.308,39 pro Monat für Alleinstehende und für Ehepaare/eingetragene Partner im gemeinsamen Haushalt bei € 2.064,12 liegt, sei im eigentlichen Sinne keine Pension, sondern eine Maßnahme zur Armutsbekämpfung. „In ihrer aktuellen Höhe ist sie dies aber nicht. Denn wer in unserem Land eine Ausgleichszulage bezieht – und das sind zu mehr als zwei Drittel Frauen –, der liegt damit deutlich unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze, die umgerechnet auf 14 Bezüge derzeit (hochgerechnet auf Basis der letztverfügbaren Daten) bei mindestens € 1.500,– pro Monat liegt.“ Der Pensionistenverband fordert daher, die Ausgleichszulage schrittweise an die Armutsgefährdungsgrenze heranzuführen und jährlich entsprechend anzupassen.

Für die PVÖ-Präsidentin Birgit Gerstorfer ist jedenfalls klar, dass „ein würdevolles und sozial abgesichertes Leben im Alter ein Grundrecht ist und kein Privileg sein darf. Es ist die Aufgabe eines Sozialstaates, dass keine Pensionistin und kein Pensionist in Armut leben müssen.“

Ohnehin bringe das Sammeln der Flaschen und Dosen laut der TQS-Umfrage ein eher überschaubares Einkommen. 92 Prozent der Pfandsammler gaben an, damit weniger als € 50,– pro Monat zu verdienen. Ein Betrag, der niemanden reich macht, für viele jedoch einen spürbaren Unterschied bedeutet. Für drei Prozent ist Pfandsammeln sogar die einzige Einkommensquelle.

„Mit unserer Umfrage liegen erstmals belastbare Daten zur sozialen Dimension des Pfandsammelns in Österreich vor. Gleichzeitig ist von einer noch höheren Dunkelziffer auszugehen, da besonders betroffene Gruppen wie wohnungslose Menschen kaum erfasst werden. Das unterstreicht, wie wichtig es ist, sich dem Thema anzunehmen, Lösungen zu entwickeln und die Situation von Pfandsammlern zu verbessern“, betont Pascal Fromme, der für die fritz-kola-Initiative „Pfand gehört daneben“ in Deutschland mitverantwortlich ist.

Immerhin sind in unserem Nachbarland rund 1,2 Millionen Menschen auf das Pfandsammeln angewiesen, um ihr Einkommen aufzubessern. Darunter viele Pensionisten, die damit etwa ihre Medikamente kaufen oder Reparaturen bezahlen können.

Im Jahr 2023 lag die durchschnittliche gesetzliche Jahresbruttopension in Deutschland bei € 19.138,–. Ein typischer Ein-Personen-Haushalt von über 60jährigen kommt laut einer Studie des unabhängigen Datenstudios „DataPulse Research“ aber auf durchschnittliche Jahresausgaben von € 28.663,–. Die gesetzliche Pension
deckt damit nur etwa zwei Drittel der Lebenserhaltungskosten. In unserem Land beträgt das durchschnittliche Defizit rund € 5.000,–. „Nur in vier europäischen Ländern unserer Studie reicht die staatliche Pension allein zum Leben. Das sind Rumänien, die Tschechische Republik, Spanien und Polen“, bestätigen die Analysten.

Pfandsammeln sei immer noch mit vielen Vorurteilen belegt, die Pascal Fromme mit der Initiative „Pfand gehört daneben“ abbauen möchte, um „Pfandsammlern das mühsame und gefährliche Wühlen in Mistkübeln zu ersparen“.

Auch in unserem Land gibt es mittlerweile Vorrichtungen, um Bedürftigen das Sammeln von Pfand zu erleichtern.

In Linz und in Innsbruck etwa wurden bereits im Vorjahr sogenannte Pfandringe an den öffentlichen Mistkübeln montiert, in denen Einwegpfand abgestellt werden kann. Die Stadt Wien lehnt das Konzept hingegen weiter ab, unter anderem, weil die Abstellmöglichkeiten „auch diversen Müll anziehen würden“.

Ein Argument, das das MuseumsQuartier (MQ) in Wien nicht gelten lässt. Dort gibt es seit August 2025 Pfandregale, die eine einfache Entsorgung von Pfandflaschen ermöglichen.

Dadurch soll „nicht nur ein ökologischer, sondern auch ein sozialer Beitrag geleistet werden.“ Pfandsammler können Flaschen dort gefahrlos entnehmen und bei Supermärkten gegen Geld einlösen. rz
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