Bildung übers Ohr
Jetzt neu: Hier klicken
und Artikel an Freunde verschenken.
und Artikel an Freunde verschenken.
Als Mädchen musste Sadaf Zahedi Bücher aus Mülltonnen fischen, um lesen zu können. Heute vermittelt sie Kindern aus Krisengebieten Wissen in Form von Hörbüchern.
Auf Play drücken
um Artikel vorlesen
zu lassen.
um Artikel vorlesen
zu lassen.
Mitten in den Bergen Afghanistans stand Sadaf Zahedi am Ufer eines schmalen Baches. Im Dorf hinter ihr warteten 150 Kinder, Tränen rannen ihr übers Gesicht. Nicht aus Traurigkeit, sondern aus Dankbarkeit. „So intensiv habe ich noch nie etwas gefühlt“, meint sie.
Sadaf Zahedi ist 41 Jahre alt. Heute lebt sie in Bremen (Deutschland) und ist Poetin, Schriftstellerin sowie Gründerin des Projektes „Bildung ohne Bücher“. Doch ihre eigene Geschichte begann ebenfalls in Afghanistan, in Kabul.
Ihr Vater war Mujaheddinkämpfer und geriet aufgrund des Krieges in Gefangenschaft. Sein Leben und das seiner Familie war bedroht, weshalb Zahedi mit ihren Eltern und fünf Geschwistern nach Deutschland flüchtete. „Das war 1989, kurz vor meinem vierten Geburtstag“, erinnert sie sich zurück. Doch Sicherheit bedeutete nicht Freiheit.
„Ich würde meine Kindheit als gewaltvoll und kontrolliert beschreiben“, sagt sie ruhig. „Unser
schulischer Stundenplan wurde überwacht. Freundschaften und der Kontakt zu christlichen, deutschen Kindern waren uns verboten. Ich musste ein Kopftuch tragen und sollte zwangsverheiratet werden. Ich durfte auch keine anderen Bücher außer den Koran lesen.“ Ein bestimmtes Erlebnis hat sich dabei für immer in ihr Gedächtnis gebrannt. „Mein Vater war streng, ein Mal verspätete ich mich um zwei Minuten zur Gebetsstunde. Da zwang er mich, mir im Garten einen Zweig auszusuchen, mit dem er mich schließlich grün und blau schlug.“
Doch Zahedi rebellierte heimlich. Im Sommer schlich sie sich zur Mülltonne, zog von dort weggeworfene Bücher heraus. Manchmal stahl sie sie bei der Nachbarin, wenn diese verreist war. Sie versteckte sich zum Lesen am Dachboden. „Ich wollte so sehr lesen. Aber wir durften einfach nicht.“ Bereits mit sechs Jahren fasste sie einen Entschluss. „Wenn ich das hier überlebe, werde ich mich als Erwachsene für Bildung einsetzen.“
Mit 19 Jahren lief sie nachts von zu Hause weg. Es war der erste Schritt in ein eigenes Leben und zur Realisierung ihres Herzensprojektes. Im Jahr 2024 gründetet sie schließlich den gemeinnützigen Verein „Bildung ohne Bücher“, der sich rein über private Spenden finanziert. „In Afghanistan dürfen Mädchen nur bis zur sechsten Klasse in die Schule gehen und Bücher sind verboten. Dabei ist Bildung der erste Weg aus dieser Teufelsspirale. Also kam ich auf die Idee, Hörbücher mit Allgemeinwissen auf MP3-Playern aufzunehmen, betrieben durch ein Solarpanel und Sonnenenergie. Anfangs haben mich alle ausgelacht“, meint Zahedi. „Sie sagten, ich sei verrückt.“
Mittlerweile ist aus der Idee eine Bewegung geworden. Bereits im Oktober 2025 war sie mit 400 MP3-Playern im Gepäck auf dem Weg nach Afghanistan. „Es war das erste Mal seit meiner Flucht, dass ich wieder Fuß in mein Heimatland setzte. Bei der Einreise versammelte sich eine Horde Taliban um mich, mit Maschinengewehren im Anschlag kontrollierten sie meine Koffer. Sie meinten, ich würde die Köpfe der Kinder verderben. Auf der Reise durchs Land erlebten wir ein Erdbeben, eine Flut und Autos gingen in der Hitze kaputt. Aber ich habe mich von nichts und niemandem einschüchtern lassen“, sagt sie. „Kinder brauchen Vorbilder.“
Auch die Zustimmung der Dorfältesten brauchte sie, um die MP3-Spieler in den Dörfern verteilen zu können.
Und dann kamen sie. Die ersten 150 Kinder, mitten in den Bergen. Die MP3-Player, ihre „mobilen Schulen“, werden in einer selbstgenähten Tasche verteilt, so sind sie für die Taliban nicht sichtbar und können unter der Kleidung versteckt werden.
Acht Stunden Lerninhalte befinden sich darauf, in der Muttersprache Dari sowie auf Englisch. Naturwissenschaft, Biologie, das Alphabet, Mathematik und Tiergeschichten. „Viele Familien hier sind so arm, die Kinder haben noch nie ein Spielzeug besessen. Als wir die Geräte ausgeteilt haben, war das, als hätten sie einen Goldschatz überreicht bekommen.“
In Afghanistan gilt die Elster als Botschafterin. Als Kind dachte Zahedi, der Vogel wolle ihr etwas sagen, wenn er am Himmel erschien. Heute weiß sie, sie selbst ist diese Elster geworden. Dabei betont sie, „Viele haben eine Horrorvorstellung von Afghanistan. Aber das Land ist mehr als die Taliban.“ Sie spricht von unglaublicher Gastfreundschaft und Herzlichkeit. Von Menschen, die sie trotz Armut in ihren Hütten empfingen und bedienten. „Ich war tief berührt.“
Heute ist sie selbst Mutter von drei Kindern. „Ich bringe ihnen von Anfang an bei, Veränderung beginnt mit Selbstliebe. Wenn ich verstehe, dass ich kostbar bin und Glück verdient habe, dann kann ich etwas verändern.“ Mit ihrer Geschichte möchte sie anderen Mädchen sagen: „Du bist nicht alleine.“
Am Bach in Afghanistan, zwischen Bergen und Staub, wusste sie, dass sich ihr Kreis geschlossen hat. Aus dem unterdrückten Kind von damals ist eine unbeugsame Frau geworden. Aus der Flucht wurde eine Rückkehr, nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft. „Wir dürfen nie vergessen, die Kinder von heute schreiben die Geschichten von morgen.“ Schuh
Sadaf Zahedi ist 41 Jahre alt. Heute lebt sie in Bremen (Deutschland) und ist Poetin, Schriftstellerin sowie Gründerin des Projektes „Bildung ohne Bücher“. Doch ihre eigene Geschichte begann ebenfalls in Afghanistan, in Kabul.
Ihr Vater war Mujaheddinkämpfer und geriet aufgrund des Krieges in Gefangenschaft. Sein Leben und das seiner Familie war bedroht, weshalb Zahedi mit ihren Eltern und fünf Geschwistern nach Deutschland flüchtete. „Das war 1989, kurz vor meinem vierten Geburtstag“, erinnert sie sich zurück. Doch Sicherheit bedeutete nicht Freiheit.
„Ich würde meine Kindheit als gewaltvoll und kontrolliert beschreiben“, sagt sie ruhig. „Unser
schulischer Stundenplan wurde überwacht. Freundschaften und der Kontakt zu christlichen, deutschen Kindern waren uns verboten. Ich musste ein Kopftuch tragen und sollte zwangsverheiratet werden. Ich durfte auch keine anderen Bücher außer den Koran lesen.“ Ein bestimmtes Erlebnis hat sich dabei für immer in ihr Gedächtnis gebrannt. „Mein Vater war streng, ein Mal verspätete ich mich um zwei Minuten zur Gebetsstunde. Da zwang er mich, mir im Garten einen Zweig auszusuchen, mit dem er mich schließlich grün und blau schlug.“
Doch Zahedi rebellierte heimlich. Im Sommer schlich sie sich zur Mülltonne, zog von dort weggeworfene Bücher heraus. Manchmal stahl sie sie bei der Nachbarin, wenn diese verreist war. Sie versteckte sich zum Lesen am Dachboden. „Ich wollte so sehr lesen. Aber wir durften einfach nicht.“ Bereits mit sechs Jahren fasste sie einen Entschluss. „Wenn ich das hier überlebe, werde ich mich als Erwachsene für Bildung einsetzen.“
Mit 19 Jahren lief sie nachts von zu Hause weg. Es war der erste Schritt in ein eigenes Leben und zur Realisierung ihres Herzensprojektes. Im Jahr 2024 gründetet sie schließlich den gemeinnützigen Verein „Bildung ohne Bücher“, der sich rein über private Spenden finanziert. „In Afghanistan dürfen Mädchen nur bis zur sechsten Klasse in die Schule gehen und Bücher sind verboten. Dabei ist Bildung der erste Weg aus dieser Teufelsspirale. Also kam ich auf die Idee, Hörbücher mit Allgemeinwissen auf MP3-Playern aufzunehmen, betrieben durch ein Solarpanel und Sonnenenergie. Anfangs haben mich alle ausgelacht“, meint Zahedi. „Sie sagten, ich sei verrückt.“
Mittlerweile ist aus der Idee eine Bewegung geworden. Bereits im Oktober 2025 war sie mit 400 MP3-Playern im Gepäck auf dem Weg nach Afghanistan. „Es war das erste Mal seit meiner Flucht, dass ich wieder Fuß in mein Heimatland setzte. Bei der Einreise versammelte sich eine Horde Taliban um mich, mit Maschinengewehren im Anschlag kontrollierten sie meine Koffer. Sie meinten, ich würde die Köpfe der Kinder verderben. Auf der Reise durchs Land erlebten wir ein Erdbeben, eine Flut und Autos gingen in der Hitze kaputt. Aber ich habe mich von nichts und niemandem einschüchtern lassen“, sagt sie. „Kinder brauchen Vorbilder.“
Auch die Zustimmung der Dorfältesten brauchte sie, um die MP3-Spieler in den Dörfern verteilen zu können.
Und dann kamen sie. Die ersten 150 Kinder, mitten in den Bergen. Die MP3-Player, ihre „mobilen Schulen“, werden in einer selbstgenähten Tasche verteilt, so sind sie für die Taliban nicht sichtbar und können unter der Kleidung versteckt werden.
Acht Stunden Lerninhalte befinden sich darauf, in der Muttersprache Dari sowie auf Englisch. Naturwissenschaft, Biologie, das Alphabet, Mathematik und Tiergeschichten. „Viele Familien hier sind so arm, die Kinder haben noch nie ein Spielzeug besessen. Als wir die Geräte ausgeteilt haben, war das, als hätten sie einen Goldschatz überreicht bekommen.“
In Afghanistan gilt die Elster als Botschafterin. Als Kind dachte Zahedi, der Vogel wolle ihr etwas sagen, wenn er am Himmel erschien. Heute weiß sie, sie selbst ist diese Elster geworden. Dabei betont sie, „Viele haben eine Horrorvorstellung von Afghanistan. Aber das Land ist mehr als die Taliban.“ Sie spricht von unglaublicher Gastfreundschaft und Herzlichkeit. Von Menschen, die sie trotz Armut in ihren Hütten empfingen und bedienten. „Ich war tief berührt.“
Heute ist sie selbst Mutter von drei Kindern. „Ich bringe ihnen von Anfang an bei, Veränderung beginnt mit Selbstliebe. Wenn ich verstehe, dass ich kostbar bin und Glück verdient habe, dann kann ich etwas verändern.“ Mit ihrer Geschichte möchte sie anderen Mädchen sagen: „Du bist nicht alleine.“
Am Bach in Afghanistan, zwischen Bergen und Staub, wusste sie, dass sich ihr Kreis geschlossen hat. Aus dem unterdrückten Kind von damals ist eine unbeugsame Frau geworden. Aus der Flucht wurde eine Rückkehr, nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft. „Wir dürfen nie vergessen, die Kinder von heute schreiben die Geschichten von morgen.“ Schuh
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.
Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung
















