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Ausgabe Nr. 10/2026 vom 04.03.2026, Fotos: APA-Images, ORF, mauritius-images
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Jerry Lewis in den 1960er
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Lewis in „Der verrückte Professor“ aus dem
Jahr 1963.
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Mit Dean Martin verband ihn nicht nur
die Arbeit.
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Mit seiner zweiten Frau SanDee Pitnik.
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Erste Ehe mit Patti Lewis und erstem Sohn.
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Mit fünf seiner sieben Kinder.
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2009 erhielt Lewis einen Ehren-„Oscar“.
Jerry Lewis zum 100er: Der Clown mit der dunklen Seite
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Er war der größte Komiker Amerikas und zugleich ein Getriebener.
Jerry Lewis machte das Stolpern zur Kunstform, das Scheitern zur Erfolgsstrategie.
Doch hinter der Maske des Tollpatsches verbarg sich ein Mann voller Widersprüche.
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Er betrat mit Getöse die Bühne, die für ihn das Leben werden sollte. Jerry Lewis war fünf Jahre alt, als er seine Berufung fand. Sein Vater Danny, ein Sänger und seine Mutter Rae, die Pianistin war, nahmen ihren Sohn zu einem Auftritt mit.

Ein kleiner Bub im viel zu großen Anzug sang „Brother Can You Spare a Dime“, verneigte sich und trat gegen einen Scheinwerfer. Der explodierte und verwandelte den Schauplatz in ein kleines Chaos. Rauch stieg auf, es gab einen Knall, der Schreck fuhr ihm in die Glieder. Zurück blieb ein weinender Bub, der das Publikum zu Tränen rührte, weil es derart lachen musste.

„Da wusste ich, was ich für den Rest meines Lebens zu tun hatte: stolpern, ausrutschen, hinfallen.“ In diesem Moment kam Jerry Lewis zu seinem Markenzeichen, der Tolpatschigkeit und seiner Erfolgsformel: Scheitern bringt Applaus.

Der am 16. März 1926 in Newark, im US-Staat New Jersey, geborene Lewis wuchs im Ausnahmezustand auf. Die Eltern waren als Künstler ständig unterwegs, nahmen ihn manchmal mit, oft blieb er aber bei der Großmutter zurück. „Sie war unglaublich. Sie war als Einzige dagegen, dass ich weggegeben wurde“, sagte er in einem Interview mit dem Filmregisseur Peter Bogdanovich im Jahr 2000.

„Die eine Tante sagte, ich bräuchte eine feste Hand, die andere sagte, ich sei geistig zurückgeblieben. Die nächste wieder meinte: Steckt ihn in eine Anstalt, der ist debil.“ Seine Mutter erklärte es anders. „Er lernt.“ Lewis sprach nicht viel und beobachtete lieber, wie sein Vater mit dem Publikum arbeitete, Pausen setzte und ein Lacher entstand. Der Bub studierte die Bühne wie eine Sprache, die keiner Worte bedurfte.

In seinen Anfängen als Künstler legte er Schallplatten auf und mimte Sänger wie Frank Sinatra, aber auch Operngrößen und entwickelte groteske Lachnummern daraus. „Gesagt habe ich gar nichts“, erinnerte er sich später. Der schüchterne Bub, so seine Selbsteinschätzung, fand seine Ausdruckskraft im Körper. Dies wurde im Jahr 1963 legendär belegt im Sketch „The Typewriter“ als Szene im Film „Der Ladenhüter“. Lewis blödelte und schnitt Grimassen und eroberte so die Herzen der Zuschauer, was ihn zu einer selbstironischen Einschätzung brachte. „Ich verkörpere einen totalen Idioten.“

Doch hinter diesem „Idioten“ stand ein Perfektionist. „Komödie ist ein ernstes Geschäft“, befand er. „Wenn es nicht perfekt ist, ist es nicht lustig.“ Die Komik wurde zur Konstruktion und nicht dem Zufall überlassen.

Der Durchbruch kam mit Dean Martin, den Jerry Lewis im Jahr 1945 in New York kennenlernte. Beide traten – noch getrennt voneinander – im „Glass Hat Club“, einem Nachtklub im Belmont Plaza Hotel auf. Martin war als Sänger engagiert, Lewis zeigte eine Comedy-Nummer. Aus einem Blick wurde ein Gespräch, wurde eine Freundschaft und schließlich eine erfolgreiche Geschäftsbeziehung.

Das Duo trat im Sommer 1946 in Atlantic City (US-Staat New Jersey) erstmals gemeinsam auf und legte damit den Grundstein zum Märchen des Jahrzehnts. Der eine schön und lässig, der andere nervös und überdreht als Chemie, die in den 1950er Jahren ganz Amerika elektrisierte. Dean Martin fasste die Dynamik trocken zusammen: „Jerry macht sich Sorgen, ich nicht.“

Eifersüchteleien gegenüber einer Männerfreundschaft

Doch 1954 begann es beim Traumpaar zu kriseln. Die Medien berichteten von unterschiedlichen Auffassungen bei der Rollenverteilung, Lewis sprach später von „äußeren Faktoren. Es gab Menschen, die eifersüchtig auf unsere Nähe waren.“

Er war es auch, der den Bruch heraufbeschwor, um einen schleichenden Niedergang zu beschleunigen. Lewis‘ Worte „Wir sollten als Sieger von der Bühne gehen“ leiteten das Ende ein, das von Martin besiegelt wurde. „Für mich warst du immer ein Dollarsymbol.“ Ein „tödlicher Moment“, der dazu führte, dass beide beim letzten gemeinsamen Film nicht mehr miteinander sprachen.

Es sollte bis zum Jahr 1976 dauern, als in einer Live-Sendung im Fernsehen der Waffenstillstand erfolgte. Nach 20 Jahren zollte das einstige Traumpaar im Fernsehen einander mit einer Versöhnung emotionalen Respekt. Als Draufgabe versah Lewis sein Buch „Dean & Me“ aus dem Jahr 1984 mit dem Zusatz „Eine Liebesgeschichte“ und gab in einem Interview in den letzten Jahren seines Lebens zu Protokoll: „Die beste Zeit war die mit meinem Partner Dean.
Herzlich und tragisch zugleich.“

Lewis erfand sich jedenfalls mit 30 Jahren neu und legte sich vor allem im Ausland ein neues Image zu. Während ihn die Amerikaner weiterhin als Blödler sahen, entdeckte ihn Europa als radikalen Erneuerer der Filmkomödie. Der Regisseur Jean-Luc Godard begründete Lewis‘ Erfolg in Frankreich und nannte ihn „den Einzigen in Hollywood, der etwas anderes macht“. Tatsächlich entwickelte sich dieser hinter der Kamera zum Innovator, führte früh selbst Regie, erfand technische Verfahren und experimentierte mit Form und „Timing“.

„The Bellboy“, den er 1960 selbst finanzieren musste, weil die Produktionsfirma Paramount zu wenig Dialoge befürchtete, wurde ein großer kommerzieller Erfolg. Noch mehr aber prägte „Der verrückte Professor“ sein Vermächtnis.

Die Figur des zerstreuten Wissenschaftlers basierte auf einer Begegnung während einer Zugfahrt von Los Angeles nach New York. Ein Mann mit Brille, etwas zu eifrig und zu sehr von sich überzeugt, begeisterte Lewis sofort. Er machte sich mit ihm bekannt, lud ihn zu Getränken ein und studierte zwei Tage lang jede seiner Gesten. Fünfzehn Jahre verbarg er seine auf Papier festgehaltenen Erinnerungen, die er schließlich zu einem Drehbuch verarbeitete. Als Geschichte eines verrückten Chemieprofessors, der sich in eine Studentin verliebt und dabei tollpatschig durchs Leben torkelt.

Nicht nur dieser Produktion gab sich Lewis mit vollem Körpereinsatz hin. Er machte seine Stunts selbst, sprang von Häusern, ritt wild Pferde und stürzte von Klavieren. Dabei brach er sich am 20. März 1965 bei einem Salto die Wirbelsäule und wurde seine Schmerzen nicht mehr los. Die Folge davon war eine Schmerzmittelabhängigkeit, die sich über mehr als ein Jahrzehnt erstreckte. Zwischen 1973 und 1977 war sie sogar so extrem, dass sie seine Erinnerungen vernebelte. An den „MDA-Telethon“, einen vom Künstler ins Leben gerufenen jährlichen Spendenmarathon zugunsten der Erforschung von Muskelschwund, aber auch an die Filme dieser Zeit hatte Lewis keine Erinnerungen mehr.

Nach Herzinfarkt kurze Zeit tot

Im Jahr 1982 erlitt er einen Herzinfarkt und galt kurzzeitig als klinisch tot. Aber auch davon erholte sich der Mann der Extreme, die auch vor seinem Privatleben nicht Halt machten.

Seine erste Ehe mit Patti Palmer dauerte fast vier Jahrzehnte und endete 1980 im Streit. Sieben Kinder gingen aus der Verbindung hervor, sechs davon leibliche Söhne. Doch die Ehe stand unter dem Druck eines Lebens im Rampenlicht und unter seiner notorischen Untreue.

Ein Satz von Lewis klingt wie ein spätes Eingeständnis. „Ich habe das Scheinwerferlicht mehr geliebt als die Menschen.“

Erschütternd sind auch die Berichte mehrerer Schauspielerinnen aus dem Jahr 2022. In einer Dokumentation zeigten sie die Schattenseiten des Clowns, der so viele Menschen zum Lachen brachte.

Karen Sharpe, heute 91 Jahre alt, Filmpartnerin in „Der Tölpel vom Dienst“, 1964, gestand: „Bevor ich es realisieren konnte, war er auf mir und hat mich begrapscht.“ Als sie sich wehrte, bestrafte er sie auf seine Weise. „Am zweiten Drehtag hat man mir erzählt, dass es keinem erlaubt war, mit mir zu sprechen. Sonst würde derjenige gefeuert werden.“

Auch die Schauspielerin Hope Holiday, 95, erinnerte sich mit Tränen in den Augen an die Begegnungen mit Jerry Lewis. Als Freund ihres Vaters kannte sie ihn, seit sie 13 Jahre alt war.

Als sie 1961 „The Ladies Man“ mit ihm drehte, bat er sie am ersten Tag in seine Garderobe, um „Szenen“ zu besprechen. Lewis versperrte die Tür und machte ihr Avancen. „Das nächste, woran ich mich erinnern kann, ist, dass er seine Hose aufgemacht hat.“ Holiday seufzte und hielt sich die Hand vors Gesicht. „Dann holte er seinen … heraus und masturbierte vor mir.“

Sie erduldete alles und sagte nichts. Das Erlebte wirkte aber nach. „Ich wollte keine Treffen mehr. Wäre ich damals nicht so schüchtern gewesen, hätte ich ganz anders reagiert. Damals konnte ich es nicht.“

Erst in seiner zweiten Ehe mit SanDee Pitnick schien Lewis 1983 zur Ruhe zu finden. „Sie hat mich verändert.“

Die jahrelangen Versuche des Paares, ein gemeinsames Kind zu bekommen, scheiterte zwar, Adoptivtochter, Danielle, heute 34, machte das späte Glück aber noch perfekt. Es war die Zeit, in der Lewis sichtbar weich wurde, aber auch schweigsamer.

Er schien in die Sprachlosigkeit zurückzukehren, mit der er seine Karriere begonnen hatte. Lewis, der am 16. März hundert Jahre alt geworden wäre, verstarb im Alter von 91 Jahren am 20. August 2017. reiter
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