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Ausgabe Nr. 09/2026 vom 25.02.2026, Fotos: GEPA pictures, Privat
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Benjamin Karl, 40
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Das erste Snowboard lag unterm Christbaum.
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Mit der Mama unterwegs. Sie unterstützte
ihren Sohn immer.
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Im Parallel-Riesenslalom wurde Karl in
Italien Olympiasieger.
Olympiasieger, Snowboarder Benjamin Karl, 40:
„Ich will nicht wie jeder andere sein“
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Triumph und Tragödie liegen im Leben eines Spitzensportlers nah beisammen. Er kennt beide Seiten.
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Immer wieder nahm Benjamin Karl in den vergangenen Tagen seine Goldmedaille in die Hand und tauchte damit sofort wieder in den Augenblick seines großen Triumphes bei den Olympischen Spielen in Italien ein. „Als Sportler willst du immer der Erste sein, der zweite Platz ist schon schlecht. Aber die großen Erfolge geben dir eine Zufriedenheit, die nur ein Mensch fühlen kann, der komplett in seiner Mitte ist. Da prallt alles an dir ab.“

Denn nach seinem Olympiasieg gab es für den 40jährigen Snowboarder nicht nur Hochgefühle, sondern auch eine Debatte, die ihn bis heute verfolgt. Zu den Jubelmeldungen mischte sich plötzlich mediale Kritik – ausgerechnet wegen eines Schicksalsschlages, der jeden Menschen treffen kann.

„Ist das nicht jener Mann, der wegen fahrlässiger Tötung zu drei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt wurde?“, fragte ein Wochenblatt, just nachdem Karl, seit mehr als 20 Jahren einer unserer Ausnahmeathleten, zum zweiten Mal Olympiagold im Parallel-Riesenslalom geholt hatte.

Der Artikel über Sportler, denen angeblich zu schnell verziehen werde, wurde nach massiver Kritik der Öffentlichkeit sang- und klanglos wieder vom Netz genommen.

Am 30. Juni 2021 war Karl auf der Felbertauernstraße bei Mittersill (S) gegen einen entgegenkommenden Pkw geprallt. Der 70jährige Lenker wurde getötet, dessen Frau schwer verletzt. Karl, der 20 km/h zu schnell unterwegs war, wurde wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung zu drei Monaten bedingter Haft verurteilt.

„Die Geschichte mit dem Unfall trifft mich jedes Mal wieder“, erzählt Benjamin Karl sichtlich bewegt am Telefon. Es ist an seiner Stimmlage zu hören, und am kurzen Schlucken, das diesen Satz begleitet. „Es war ein einschneidendes Erlebnis, das ich keinem Menschen wünsche.“

Und doch gab es allein im Vorjahr 397 Verkehrstote auf unseren Straßen, 397 Schicksale, von denen jedes für sich tragisch ist. So wie jenes des verstorbenen Mannes und dessen Familie – und auch jenes von Benjamin Karl. „Wir sind bis heute in Kontakt. Die Familie hat mich zu sich eingeladen, ich schreibe jedes Jahr am Todestag und schicke Blumen. Die Frau und die vier Kinder tragen mir den Unfall nicht nach. Es ist ein Geschenk, dass ich es so getroffen habe.“

Auch Karls Siegerpose bei Olympia wurde zum Thema gemacht, weil er seinen Triumph kurz nach dem Abschwingen mit nacktem Oberkörper und geballten
Fäusten feierte. „Wir sollten wieder menschlicher werden und uns nicht über jeden Schmarren das Maul zerreißen“, meint Karl. „Gefühle sind menschlich und ich finde das großartig. Aber wir dürfen nicht mehr weinen, nicht mehr lachen und sollen alle Durchschnitt sein. Ich will aber nicht wie jeder andere sein“, meint der am 16. Oktober 1985 in St. Pölten geborene und in Wilhelmsburg (NÖ) aufgewachsene Sportler.

Der bereits mit zehn Jahren auf einen Zettel geschrieben hat: „Ich möchte einmal der beste Snowboarder auf der ganzen Welt werden, Olympiasieger und Weltmeister.“ Kurz darauf lag das erste Snowboard, ein grünes, unter dem Weihnachtsbaum. Seine Mutter Michaela, Lehrerin und sportbegeistert bis in die letzte Faser ihres Körpers, hatte es stellvertretend für das Christkind besorgt. „Meine Mama war Passiv- und Aktivsportlerin in einer Person“, erinnert sich Karl.

Als Alleinerzieherin unterstützte sie ihre Söhne kompromisslos. Tobias, der Jüngere, ein ehemaliger Wiener Sängerknabe, interessierte sich nur wenig für Sport und wurde Tontechniker. Begleitet hat er den Weg seines Bruders aber bis heute. Unterstützung erfährt Karl ebenso von seiner Frau Nina, 39 (sie ist die Tochter des ehemaligen Schirennläufers Werner Grissmann), mit der Karl seit dem Jahr 2011 verheiratet ist und die beiden Töchter Benina, 13, und Pia, 7, hat. Die Familie lebt in Lienz in Osttirol.

Dort, in einem Schrank, liegen acht Weltmeisterschafts-Medaillen, davon fünf in Gold, sowie vier Olympia-Medaillen.

Vielleicht kommen noch welche dazu. „Mir taugt schon lange der Radsport“, meint der 40jährige und fasst die nächsten Winterspiele 2030 ins Auge.

„Cyclocross könnte dann olympisch werden.“ Das sind Querfeldeinrennen mit Matsch und steilen Waldpassagen – Karl wäre dann bei seiner zweiten Karriere 44 Jahre alt.

„Das Alter spielt natürlich eine Rolle, heißt es. Ich könnte allerdings das Gegenteil beweisen.“ reiter
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