Anmelden
Abonnieren
Ausgabe Nr. 09/2026 vom 25.02.2026, Fotos: Zeppelzauer
Artikel-Bild
Die Heilsarmee ist eine internationale Hilfsorganisation und als Teil der weltweiten christlichen Kirche in 134 Ländern aktiv.

Sie setzt sich für Menschen in Not ein und begleitet sozial, geistlich, medizinisch und psychologisch in Lebenskrisen.

In unserem Land gibt es die Heilsarmee seit dem Jahr 1927.

Spendenkonto der Heilsarmee

IBAN: AT26 3200 0001 0812 8910

www.heilsarmee.at
Artikel-Bild
Mit dem Lastenfahrrad wird bei der U-Bahn Suppe verteilt.
Artikel-Bild
Andreas Kallauch leitet die Fahrradwerkstatt.
Artikel-Bild
Michael Thaler und Werner Wupold kochen gemeinsam.
Artikel-Bild
Andreas Schmaranzer kümmert sich um die Bewohner.
Ein Tisch für alle
Jetzt neu: Hier klicken
und Artikel an Freunde verschenken.
Beim Mittagstisch der Heilsarmee im „Haus Erna“ in Floridsdorf (Wien) gehen alle satt nach Hause. Hunger und aufkommende Einsamkeit werden dort gleichermaßen gestillt.
Auf Play drücken
um Artikel vorlesen
zu lassen.
Aus dem Kochtopf steigt heißer Dampf auf, der Duft nach Zwiebeln, Petersilie und Majoran verteilt sich im ganzen Raum. „Die Karotten sind schon weich“, stellt Michael Thaler (Name von der Redaktion geändert) fest, während er mit dem großen Holzlöffel umrührt. „Noch ein bissl Salz, dann passt‘s“, murmelt er, beugt sich über den Herd und wischt sich die Hände an der Schürze ab. Kurz blickt er zu seinem Freund Werner Wupold (Name von der Redaktion geändert), sie nicken und lächeln. Die Gemüsesuppe für das „Willi-Mobil“ ist fertig.

Wupold und Thaler sind nur zwei von sechzig ehemals obdachlosen Männern, die im „Haus Erna“ der Heilsarmee im 21. Wiener Gemeindebezirk ein neues und vor allem dauerhaftes Zuhause gefunden haben.

„Wir wollen, dass die Menschen hier wieder ein Heimatgefühl bekommen“, sagt der Einrichtungsleiter Andreas Schmaranzer. Seit fünfzehn Jahren ist er im Haus. „Hier“, sagt er, „geht es nicht nur um Hilfe, sondern um einen Neubeginn.“ Rund 400 Euro zahlen die Bewohner monatlich für ihr Zimmer. Ein Beitrag, der ihnen Verantwortungsbewusstsein und das Gefühl, wieder Teil eines geregelten Lebens zu sein, geben soll.

An die 20.000 Menschen in unserem Land sind wohn- oder obdachlos, 60 Prozent davon allein in Wien. Hunderte schlafen jede Nacht auf der Straße. „Die Not ist da, jeden Tag“, sagt Schmaranzer. „Und oft wird am falschen Fleck gespart.“ Das Haus orientiert sich am Leitspruch der Heilsarmee: „Suppe, Seife, Seelenheil“. Schmaranzer weiß: „Es kann jeden treffen. Und es geht schneller, als wir denken.“

Dabei erzählt er von einem Mann, der Geschäftsführer in seinem eigenen Unternehmen war, eine Villa in Hietzing (13. Wiener Gemeindebezirk) bewohnte und im Urlaub auf die Malediven reiste. Dann kam die Scheidung, der Konkurs und der Alkohol. Am Ende schlief er unter einer Brücke. „Ein Arbeitsverlust, eine Krankheit, eine Trennung, manchmal reichen nur wenige Monate, und ein Leben gerät aus den Fugen“, gibt Schmaranzer zu bedenken.

„Bei mir war es der Tod meines Vaters, der mich aus der Bahn geworfen hat. Ich hab‘ mein ganzes Geld für Alkohol ausgegeben, um den Schmerz zu ertränken. Bald konnte ich mir die Wohnung nicht mehr leisten“, erzählt Thaler. Zehn Jahre lebte der 49jährige auf der Straße. „Ich hab‘ mich wertlos gefühlt“, sagt er. „In der Früh um acht stand ich vorm Supermarkt für den ersten Schnaps. Manchmal habe ich gedacht, ich wäre jetzt lieber tot und möchte nicht mehr aufwachen.“

„Die Scham ist ein großes Problem“, so Schmaranzer. „Viele empfinden Obdachlosigkeit als persönliches Versagen. Sie ziehen sich zurück, verschwinden aus dem Blickfeld und werden für die Gesellschaft unsichtbar.“

An diesem Donnerstag steht Josef Martinkowitsch ebenfalls in der Küche und streicht sich Mehl von den Händen. Der 66jährige Ehrenamtliche ist gelernter Koch und eigentlich schon in Pension. „Ich wollte einfach was Sinnvolles machen“, sagt er. „Und helfen, wo‘s geht.“ Deshalb ist er auch beim Mittagstisch nicht mehr wegzudenken, bei dem ein gratis Mittagessen ausgegeben wird.

Heute gibt es Scheiterhaufen mit Weichseln. In einer großen Schüssel liegt gewürfeltes Brot, daneben eine Kiste mit Milch, Zucker und Eiern. Das alles sind Spenden, größtenteils von der „Tafel“. „Wir kriegen oft Karotten und Erdäpfel“, sagt er und schiebt das Blech in den Ofen.

„Dann überlegen wir: Was machen wir daraus? Wir retten die Lebensmittel vor der Mülltonne.“ Zwischen 45 und 60 Menschen kommen jeden Donnerstag her. Manche brauchen das Essen, andere die Gesellschaft. „Viele sind einfach einsam“, sagt Schmaranzer.

„Zu Hause sitzt niemand mehr am Tisch. Hier schon.“ Mittags wird geredet, gelacht und manchmal gestritten. Sorgen, Krankheiten, Rechnungen, Erinnerungen, zwischen Suppe und Nachspeise findet alles Platz.

Und während drinnen gegessen wird, steigt Michael Thaler auf das Lastenfahrrad. Auf der Ladefläche des „Willi-Mobils“ sind zwei große Töpfe mit Gemüsesuppe befestigt. Thaler ist am Weg zur U-Bahn-Station Floridsdorf, um dort Essen auszuteilen. „Früher habe ich selber gewartet, bis jemand mit Suppe gekommen ist“, sagt er. „Erst hier im Haus habe ich wieder gelernt, wie es ist zu leben“, sagt er. „Mir hat jemand einen Rettungsring zugeworfen.“

Das Lastenfahrrad ist in der hausinternen Fahrradwerkstatt entstanden, von den „Fahrradfreunden Floridsdorf“. In der Werkstatt arbeiten die Bewohner an alten, ausgemusterten Fahrrädern, reparieren sie und verkaufen sie günstig weiter. Der Werkstattleiter Andreas Kallauch, 65, zeigt sich begeistert. „Für die Bewohner ist die Werkstatt mehr als Beschäftigung. Wer arbeitet, spürt wieder, dass er etwas kann“, sagt er. „Das ist entscheidend.“ In der Mittagspause nimmt auch er mit allen anderen im großen Speisesaal Platz.

Gerhard Wyss, Geschäftsführer der Heilsarmee Österreich, sitzt an diesem Tag ebenfalls am Tisch und hört zu. „Gerade in schwierigen Zeiten dürfen wir auf unsere Mitmenschen nicht vergessen“, sagt er. „Es geht darum, jenen eine Stimme zu geben, die sonst keine mehr haben. Es ist nur ein Mittagessen, ein Teller Suppe oder ein Stück Scheiterhaufen. Aber für manche ist es der einzige Ort, an dem jemand ihren Namen kennt.“


Die Heilsarmee ist eine internationale Hilfsorganisation und als Teil der weltweiten christlichen Kirche in 134 Ländern aktiv.

Sie setzt sich für Menschen in Not ein und begleitet sozial, geistlich, medizinisch und psychologisch in Lebenskrisen.

In unserem Land gibt es die Heilsarmee seit dem Jahr 1927.

Spendenkonto der Heilsarmee

IBAN: AT26 3200 0001 0812 8910

www.heilsarmee.at
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung