Ausgabe Nr. 09/2026 vom 25.02.2026, Fotos: picture-alliance/dpa/dpaweb, Katy Otto Photographer, APA-Images
Mit dem Latein am Ende
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Weniger Latein, mehr KI – die Pläne des Bildungsministers lassen die Wogen hochgehen. Dabei ist das Lernen von Latein heute nicht mehr sinnvoll, ist ein Wissenschaftler überzeugt.
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Der Vatikan geht mit der Zeit. Im Kirchenstaat ist Latein nicht mehr zwingend. Papst Leo XIV. hat Latein als die bevorzugte Amtssprache abgeschafft. Vatikan-Angestellte müssen keine „guten Lateinkenntnisse“ mehr haben.
Hierzulande ist Latein zumindest in den Schulen noch fest verankert. Rund 52.000 Schüler lernen die tote Sprache, hauptsächlich in den Gymnasien. In den Oberstufen-Stundenplänen sind derzeit in der Regel drei Wochenstunden Latein in allen vier Schuljahren vorgesehen.
Zu viel, wenn es nach dem NEOS-Bildungsminister Christoph Wiederkehr geht. Er will die Lehrpläne entrümpeln. Zwei Stunden Latein pro Woche sollen in der Oberstufe reichen, dafür sollen die Fächer „Informatik und Künstliche Intelligenz“ sowie „Demokratie und Medienbildung“ auf den Stundenplan.
Der Aufschrei ist groß. Sogar die Literatur-Nobelpreisträger Elfriede Jelinek und Peter Handke sowie der Physik-Nobelpreisträger Anton Zeilinger unterzeichneten die Protest- Petition „Latein ist kein Luxus – es ist Bildung“. Dutzende andere Prominente aus Politik, Kultur und Wissenschaft unterschrieben ebenfalls. „Der Unterricht in den klassischen Sprachen Latein und Altgriechisch soll uneingeschränkt weitergeführt werden“, fordern sie. „Die beabsichtigten acht (statt bisher zwölf) Lateinstunden sind zur seriösen Aneignung des Gegenstands definitiv nicht ausreichend.“
Aber es gibt „in Summe keine guten Argumente dafür, dass man heute noch Latein lernt“, sagt Prof. Jürgen Gerhards von der Freien Universität Berlin (D). Der Soziologe ist einer der Autoren der Studie „Des Kaisers alte Kleider: Fiktion und Wirklichkeit des Nutzens von Lateinkenntnissen“.
Seine Bilanz ist eindeutig. „Sprache hat zuerst einmal die Funktion, dass man sich mit anderen verständigen kann“, erklärt er. Das gelte für Latein nicht, weil es keine gesprochene Sprache sei. „Dann kann man zweitens überlegen, wofür ist die Sprache sonst noch gut? Da sagen die Befürworter von Latein, es fördere das logische Denken, den Erwerb von Grammatikkenntnissen in der Muttersprache und das Erlernen anderer Sprache.“
Hier sei der Forschungsstand aber relativ eindeutig. „Wenn jemand im selben Zeitraum, in dem er Latein gelernt hat, beispielsweise Spanisch gelernt hätte, gäbe es genau dieselben sogenannten Sekundärvorteile –
also man könnte genauso gut logisch denken, genauso gut die Grammatik der Muttersprache und andere Sprachen erlernen, hätte aber zugleich Kenntnisse einer Sprache erworben, die auch gesprochen wird.“
Die Schlussfolgerung liegt für Prof. Gerhards auf der Hand. „Wenn etwas nicht sinnvoll ist zu lernen, sollte man davon Abstand nehmen. Statt Latein würde ich immer für eine andere, möglichst weit verbreitete Sprache, wie zum Beispiel Spanisch plädieren.“
Die Mehrheit der Schüler hat wohl nichts gegen eine Reduzierung der Latein-Stunden. „Latein hat mir absolut nichts gebracht“, erzählt eine Mittzwanzigerin, die sechs Jahre lang Latein gelernt hat. „Ich war zwar immer gut, aber es wäre viel vernünftiger gewesen, eine andere Sprache zu lernen. Die Argumente, die jetzt für Latein vorgebracht werden, halte ich nicht für überzeugend.“
Zudem – schon vor der sprunghaften Geschwindigkeit, mit der sich die Künstliche Intelligenz derzeit entwickelt, hat das Internet zahlreiche „Übersetzungshilfen“ bereitgehalten. Heute verlassen sich viele Schüler zumindest bei den Hausübungen voll und ganz auf KI-Werkzeuge. Was den Sinn endgültig in Frage stellt.
Die tote Sprache hat allerdings noch immer einen guten Ruf. „Auch wenn das Lernen von Latein nicht viel bringt, wird in der gesellschaftlichen Debatte trotzdem dem Latein viel Positives zugesprochen“, weiß der Soziologe Gerhards. „Das ist auch in der österreichischen Debatte zu sehen.“ Für diese „subjektive Wahrnehmung vom Nutzen von Latein“ gäbe es aber wissenschaftlich keine gesicherten Nachweise.
Dass Latein in den Schulen noch immer einen hohen Stellenwert hat, dafür gibt es andere Gründe. „Für Deutschland können wir genau nachzeichnen, dass vor allem die Eltern aus den bildungsbürgerlichen Haushalten, wo die Eltern selber studiert haben, ihre Kinder in diese Richtung lenken“, stellt Jürgen Gerhards fest. „Mit der Entscheidung für Latein wollen sie ihren Kindern ein Merkmal mit ins Leben geben, das sie gegen die von unten vorpreschenden Schichten abgrenzt. Das Lernen von Latein ist eine Strategie des Bildungsbürgertums, sich gegenüber anderen sozialen Schichten abzugrenzen.“
Weil aber viele der Meinung sind, dass Latein-Kenntnisse wünschenswert sind, bringen sie tatsächlich Vorteile. „Tim Sawert, ein Doktorand von mir hat eine experimentelle Studie durchgeführt, bei der er fingierte Bewerbungen auf Ausschreibungen verschickt hat. Die Bewerber haben sich nur in einem Merkmal unterschieden, ob sie Latein in der Schule hatten oder nicht.“
Jene, die in ihrem Lebenslauf Latein hatten, sind eher zu Bewerbungsgesprächen eingeladen worden. „Das Signal ,Latein ist gleich gebildet‘ wirkt auf dem Arbeitsmarkt.“
Zudem gibt es hierzulande noch Dutzende Studienrichtungen, für die ein Latein-Nachweis notwendig ist – von Musikwissenschaft über das Englisch-Lehramt bis hin zu Medizin. Der Nutzen ist fragwürdig. Zumal schon vor hundert Jahren der Mathematiker und Latein-Skeptiker Hans Hahn darauf hinwies, dass die Fachausdrücke in der Wissenschaft zum großen Teil griechisch sind. „Man müsste also konsequenterweise auch von allen Hochschulstudierenden Kenntnis des Griechischen verlangen.“
In Deutschland sind seit Jahrzehnten keine Latein-Kenntnisse mehr für das Medizin-Studium erforderlich, die Ärzte-Qualität leidet darunter nicht. Die USA, wo Latein meist nur als Wahlfach gelehrt wird, haben die meisten Nobelpreisträger aller Staaten weltweit.
Wer Theologie studiere, der komme nicht daran vorbei, Latein zu können, „ähnlich wie jemand nicht daran vorbeikommt, Italienisch zu können, wenn er Kunstgeschichte studiert“, ist der Soziologe Gerhards überzeugt. „Aber für fast alle anderen Fächer wie etwa Medizin braucht das niemand. Die lateinischen Fachbegriffe können in einem ,Crashkurs‘ innerhalb von zwei Wochen gelernt werden. Man muss deswegen nicht die Schüler über Jahre mit drei, vier Stunden Latein pro Woche beschäftigen.“
Ganz abschaffen will der NEOS-Bildungsminister das Pflichtfach Latein im Gymnasium nicht. Ihm sei Latein „noch immer wichtig“, ließ er zuletzt wissen. Aber in der Gesellschaft seien andere Themen auch wichtig geworden. In einem anderen Fach, das Schülern oft Bauchschmerzen bereitet, sind aber keine Kürzungen geplant. Die Mathematik-Stunden sollen unverändert bleiben.
Hierzulande ist Latein zumindest in den Schulen noch fest verankert. Rund 52.000 Schüler lernen die tote Sprache, hauptsächlich in den Gymnasien. In den Oberstufen-Stundenplänen sind derzeit in der Regel drei Wochenstunden Latein in allen vier Schuljahren vorgesehen.
Zu viel, wenn es nach dem NEOS-Bildungsminister Christoph Wiederkehr geht. Er will die Lehrpläne entrümpeln. Zwei Stunden Latein pro Woche sollen in der Oberstufe reichen, dafür sollen die Fächer „Informatik und Künstliche Intelligenz“ sowie „Demokratie und Medienbildung“ auf den Stundenplan.
Der Aufschrei ist groß. Sogar die Literatur-Nobelpreisträger Elfriede Jelinek und Peter Handke sowie der Physik-Nobelpreisträger Anton Zeilinger unterzeichneten die Protest- Petition „Latein ist kein Luxus – es ist Bildung“. Dutzende andere Prominente aus Politik, Kultur und Wissenschaft unterschrieben ebenfalls. „Der Unterricht in den klassischen Sprachen Latein und Altgriechisch soll uneingeschränkt weitergeführt werden“, fordern sie. „Die beabsichtigten acht (statt bisher zwölf) Lateinstunden sind zur seriösen Aneignung des Gegenstands definitiv nicht ausreichend.“
Aber es gibt „in Summe keine guten Argumente dafür, dass man heute noch Latein lernt“, sagt Prof. Jürgen Gerhards von der Freien Universität Berlin (D). Der Soziologe ist einer der Autoren der Studie „Des Kaisers alte Kleider: Fiktion und Wirklichkeit des Nutzens von Lateinkenntnissen“.
Seine Bilanz ist eindeutig. „Sprache hat zuerst einmal die Funktion, dass man sich mit anderen verständigen kann“, erklärt er. Das gelte für Latein nicht, weil es keine gesprochene Sprache sei. „Dann kann man zweitens überlegen, wofür ist die Sprache sonst noch gut? Da sagen die Befürworter von Latein, es fördere das logische Denken, den Erwerb von Grammatikkenntnissen in der Muttersprache und das Erlernen anderer Sprache.“
Hier sei der Forschungsstand aber relativ eindeutig. „Wenn jemand im selben Zeitraum, in dem er Latein gelernt hat, beispielsweise Spanisch gelernt hätte, gäbe es genau dieselben sogenannten Sekundärvorteile –
also man könnte genauso gut logisch denken, genauso gut die Grammatik der Muttersprache und andere Sprachen erlernen, hätte aber zugleich Kenntnisse einer Sprache erworben, die auch gesprochen wird.“
Die Schlussfolgerung liegt für Prof. Gerhards auf der Hand. „Wenn etwas nicht sinnvoll ist zu lernen, sollte man davon Abstand nehmen. Statt Latein würde ich immer für eine andere, möglichst weit verbreitete Sprache, wie zum Beispiel Spanisch plädieren.“
Die Mehrheit der Schüler hat wohl nichts gegen eine Reduzierung der Latein-Stunden. „Latein hat mir absolut nichts gebracht“, erzählt eine Mittzwanzigerin, die sechs Jahre lang Latein gelernt hat. „Ich war zwar immer gut, aber es wäre viel vernünftiger gewesen, eine andere Sprache zu lernen. Die Argumente, die jetzt für Latein vorgebracht werden, halte ich nicht für überzeugend.“
Zudem – schon vor der sprunghaften Geschwindigkeit, mit der sich die Künstliche Intelligenz derzeit entwickelt, hat das Internet zahlreiche „Übersetzungshilfen“ bereitgehalten. Heute verlassen sich viele Schüler zumindest bei den Hausübungen voll und ganz auf KI-Werkzeuge. Was den Sinn endgültig in Frage stellt.
Die tote Sprache hat allerdings noch immer einen guten Ruf. „Auch wenn das Lernen von Latein nicht viel bringt, wird in der gesellschaftlichen Debatte trotzdem dem Latein viel Positives zugesprochen“, weiß der Soziologe Gerhards. „Das ist auch in der österreichischen Debatte zu sehen.“ Für diese „subjektive Wahrnehmung vom Nutzen von Latein“ gäbe es aber wissenschaftlich keine gesicherten Nachweise.
Dass Latein in den Schulen noch immer einen hohen Stellenwert hat, dafür gibt es andere Gründe. „Für Deutschland können wir genau nachzeichnen, dass vor allem die Eltern aus den bildungsbürgerlichen Haushalten, wo die Eltern selber studiert haben, ihre Kinder in diese Richtung lenken“, stellt Jürgen Gerhards fest. „Mit der Entscheidung für Latein wollen sie ihren Kindern ein Merkmal mit ins Leben geben, das sie gegen die von unten vorpreschenden Schichten abgrenzt. Das Lernen von Latein ist eine Strategie des Bildungsbürgertums, sich gegenüber anderen sozialen Schichten abzugrenzen.“
Weil aber viele der Meinung sind, dass Latein-Kenntnisse wünschenswert sind, bringen sie tatsächlich Vorteile. „Tim Sawert, ein Doktorand von mir hat eine experimentelle Studie durchgeführt, bei der er fingierte Bewerbungen auf Ausschreibungen verschickt hat. Die Bewerber haben sich nur in einem Merkmal unterschieden, ob sie Latein in der Schule hatten oder nicht.“
Jene, die in ihrem Lebenslauf Latein hatten, sind eher zu Bewerbungsgesprächen eingeladen worden. „Das Signal ,Latein ist gleich gebildet‘ wirkt auf dem Arbeitsmarkt.“
Zudem gibt es hierzulande noch Dutzende Studienrichtungen, für die ein Latein-Nachweis notwendig ist – von Musikwissenschaft über das Englisch-Lehramt bis hin zu Medizin. Der Nutzen ist fragwürdig. Zumal schon vor hundert Jahren der Mathematiker und Latein-Skeptiker Hans Hahn darauf hinwies, dass die Fachausdrücke in der Wissenschaft zum großen Teil griechisch sind. „Man müsste also konsequenterweise auch von allen Hochschulstudierenden Kenntnis des Griechischen verlangen.“
In Deutschland sind seit Jahrzehnten keine Latein-Kenntnisse mehr für das Medizin-Studium erforderlich, die Ärzte-Qualität leidet darunter nicht. Die USA, wo Latein meist nur als Wahlfach gelehrt wird, haben die meisten Nobelpreisträger aller Staaten weltweit.
Wer Theologie studiere, der komme nicht daran vorbei, Latein zu können, „ähnlich wie jemand nicht daran vorbeikommt, Italienisch zu können, wenn er Kunstgeschichte studiert“, ist der Soziologe Gerhards überzeugt. „Aber für fast alle anderen Fächer wie etwa Medizin braucht das niemand. Die lateinischen Fachbegriffe können in einem ,Crashkurs‘ innerhalb von zwei Wochen gelernt werden. Man muss deswegen nicht die Schüler über Jahre mit drei, vier Stunden Latein pro Woche beschäftigen.“
Ganz abschaffen will der NEOS-Bildungsminister das Pflichtfach Latein im Gymnasium nicht. Ihm sei Latein „noch immer wichtig“, ließ er zuletzt wissen. Aber in der Gesellschaft seien andere Themen auch wichtig geworden. In einem anderen Fach, das Schülern oft Bauchschmerzen bereitet, sind aber keine Kürzungen geplant. Die Mathematik-Stunden sollen unverändert bleiben.
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