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Ausgabe Nr. 07/2026 vom 11.02.2026, Fotos: ORF/Roman Zach-Kiesling, zvg, APA-Images, ORF/ORF.at/Christian Öser
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Rainer Trefelik und drei Schneiderinnen helfen
bei modischen „Hoppalas“ im Laufe der Ballnacht.
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Stille Helden der Ballnacht
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Ob aufgerissene Hose, verrutschte Frisur oder verlaufener Lippenstift – hinter den Kulissen des 68. Wiener Opernballes wird repariert, gepudert und genäht, alles im Dreivierteltakt.
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Wenn um 20.15 Uhr die ersten Gäste über die Feststiege der Wiener Staatsoper schreiten, funkelt alles: Lackschuhe, Kristalltiaras, frisch gestärkte Frackhemden und glitzernde Ballkleider. Kameras klicken, Champagnerkorken knallen und das Orchester stimmt die ersten Takte an. Rund 5.000 Gäste strömen durch das Haus am Ring, Millionen verfolgen den Abend vor den Bildschirmen.

Eine Eintrittskarte kostet heuer 410 Euro, eine Rangloge schlägt mit 26.000 Euro zu Buche, eine Bühnenloge mit bis zu 19.000 Euro. Doch während im Festsaal die glanzvolle Fassade des „Balles der Bälle“ schimmert, beginnt ein paar Türen weiter eine andere Schicht, die der unsichtbaren Notfallhelfer.

In einem kleinen Raum, den Rainer Trefelik nur „unser Kammerl“ nennt, stehen Scheren, Zwirnrollen und Nadelkissen bereit. Trefelik, Geschäftsführer des Wiener Traditionshauses „Popp & Kretschmer“, ist mit drei Schneiderinnen vor Ort. Seit dem Jahr 1889 gibt es den Familienbetrieb in Wien, seit 2014 arbeitet er hinter den Kulissen am Opernball. „Unsere Aufgabe ist, im Notfall eine Ballnacht zu retten“, sagt Trefelik. „Das ist ein hochemotionaler Ausnahmezustand. Da geht es nicht nur um Stoff, sondern um Gefühle.“

Der Opernball ist ein „dichtes Gewurl“ aus Tanzpaaren, Fotografen, Politikern, Unternehmern und Prominenten. Heuer werden etwa die amerikanischen Filmschauspielerinnen Sharon Stone und Fran Drescher, auf Einladung von Jacqueline Lugner, erwartet. Im Schneiderkammerl jedoch zählt etwas anderes, etwa „ein abgesprungener Knopf, ein aufgerissener Saum oder ein klemmender Reißverschluss. Alles, was aufreißt, abgeht oder sich löst, versuchen wir zu retten“, sagt Trefelik. „Bisher haben wir für jedes Problem eine Lösung gefunden“, plaudert der Geschäftsinhaber aus dem Nähkästchen.

„Einmal kam ein Herr direkt vom Auto ins Kammerl. Beim Einsteigen war ihm die Hose im Schritt über den ganzen Hintern aufgeplatzt. Der hat das aber mit Humor genommen. Wir auch. Zehn Minuten später war er wieder balltauglich.“ Ein anderes Mal platzte einer Fernsehredakteurin kurz vor dem Interview das Bustier. „Wir haben es direkt am Körper zusammengenäht, die Sendung war gerettet.“ Gearbeitet wird ausschließlich mit Nadel, Faden, Schere und Fingerhut in „reiner Handarbeit, das ist Improvisation am lebenden Körper“, sagt Trefelik.

Der Balltag beginnt für ihn und seine Mitarbeiter schon lange vor der ersten Fanfare. „Wir richten Räume her, organisieren Material und wechseln zwischen Geschäft und Oper hin und her.“

Bis zum letzten Walzer um 4.30 Uhr ist das Team im Dauereinsatz. „Die Zeit vergeht extrem schnell. Es ist ständig etwas zu tun.“ Warteschlangen gibt es kaum. „Unsere Schneiderinnen sind äußerst flott. Wir versuchen, jedem sofort zu helfen.“ Nur gegen Rotweinflecken auf dem weißen Frackhemd sind auch sie machtlos.

Ein Geheimrezept, um Pannen zu vermeiden, gibt es laut Trefelik nicht. „Der Opernball lebt vom Gedränge. Die Gänge sind eng, die Menschen tanzen, drehen sich, stoßen aneinander. Das gehört dazu.“ Besonders riskant seien lange Schleppen und dicht gedrängte Polonaisen. Sein Tipp ist, „Mit einem Hoppala einfach lachen und weitertanzen. Kleider sind Gebrauchsgegenstände.“

Während im Kammerl genäht wird, kämpfen ein paar Räume weiter die nächsten Helfer gegen die Tücken der Ballnacht, das „Hairstyling“-Team von „Wella“. Heuer ist das Unternehmen erstmals offizieller Partner des Opernballes und sorgt für Hochsteckfrisuren im Dreivierteltakt. Sechs Stylistinnen sind dafür bis in die frühen Morgenstunden im Einsatz.

Die häufigsten Haarpannen sind „Hochsteckfrisuren, die sich lockern, Locken, die aushängen, krauses Haar durch Temperaturwechsel oder verrutschte Haarteile. Wir fixieren nach, bringen Struktur zurück und sorgen dafür, dass die Frisur wieder perfekt sitzt“, erklärt Sonja Heiss aus der Marketingabteilung.

Schon Wochen vor dem Ball wurden die Frisuren der rund 160 Debütantinnen vorbereitet. In Trainingseinheiten entwickelten die Friseurinnen drei Hochsteckvarianten, abgestimmt auf Krönchen und Tiara. Frisuren, die viele Stunden Walzer überstehen sollen. „Unser Ziel war, möglichst moderne, elegante und technisch anspruchsvolle Frisuren zu kreieren, die die klassische Opernball-Ästhetik treffen. Außerdem wollen wir zeigen, wie wandelbar Haare sein können.“ Der wichtigste Tipp aus der Frisuren-Ecke lautet, „die Haare am Vortag waschen, damit sie mehr Griff haben und sich besser formen lassen. Und vor allem eine Frisur wählen, die sich gut anfühlt. Wichtig ist vor allem, dass die Frisur nicht nur optisch überzeugt, sondern tanz- und bewegungsfest bleibt. Ein Ballabend ist lang.“

Ein Stockwerk darüber wird gepudert, korrigiert und aufgefrischt. Im Make-up-Bereich von „Lancôme“ kümmern sich sieben Visagistinnen um Debütantinnen und Gäste.

Ihr Einsatz beginnt schon vor der Eröffnung und endet erst spät in der Nacht. Die häufigsten Notfälle sind „harmlos, aber sichtbar: glänzende T-Zonen, verlaufener Lippenstift nach dem ersten Glas Champagner, verwischter Eyeliner nach Freudentränen oder ein Rouge, das beim Begrüßungsküsschen verschwindet“, weiß Tanja Kanduth von der Marketingabteilung.

Kriterien beim Schminken der Debütantinnen gibt es nicht, außer „dass das Make-up zum klassischen Weiß der Kleider und zum Funkeln der Tiara passen muss. Es muss langanhaltend (,ball-proof‘) sein und sowohl aus der Ferne, für die Zuschauer in der Loge und im Fernsehen, als auch aus der Nähe natürlich und elegant wirken.“

Dabei wird auf „Soft Glam“ (natürlich und dezent) gesetzt. „Statt schwerer Masken spielen wir mit Lichtreflexion und Frische, um die natürliche Jugendlichkeit der Debütantinnen zu unterstreichen“, so Kanduth.

Pro Debütantin dauert das „Styling“ zwischen 25 und 45 Minuten. 160 Debütantenpaare eröffnen den Abend, jede Debütantin mit einer Swarovski-Tiara mit mehr als 350 Kristallen. „Eine der größten Herausforderungen ist jedes Jahr der enorme Zeitdruck unmittelbar vor der Eröffnung. Alle Debütantinnen müssen zeitgleich fertig sein. Generell lässt sich sagen, dass die Jungherren meistens viel nervöser sind als die Damen.“

Ein besonders schöner Moment ist immer, „wenn sich die jungen Damen nach dem ,Styling‘ zum ersten Mal mit ihrer Tiara im Spiegel sehen. Dieser emotionale Glanz in den Augen ist durch nichts zu ersetzen.“

Der Wiener Opernball ist ein Spektakel zwischen Tradition und Luxus. Als Blumenschmuck dominieren heuer rote Rosen und tiefvioletter Amarant, inszeniert als „Opus Florale Avantgarde“.

Während im Saal Walzer getanzt wird, stärken sich Gäste mit Gulaschsuppe oder Opernball-Würstel. Wer sich zwischendurch einen kleinen Imbiss oder eine Erfrischung gönnt, sollte freilich das nötige Kleingeld bei sich haben. Ein Glas Champagner kostet immerhin ab 39 Euro.

Das Orchester der Wiener Staatsoper spielt dieses Mal unter der Leitung des Dirigenten Pablo Heras-Casado. Auf dem musikalischen Programm stehen etwa der „Walzer Nr. 2“ von Dmitri Schostakowitsch sowie „Brindisi“ aus Giuseppe Verdis „La traviata“. Das Wiener Staatsballett zeigt den „Carousel Waltz“ mit Kostümen des Modedesigners Giorgi Armani. Dies war eines der letzten Projekte, an denen der Modeschöpfer vor seinem Tod gearbeitet hat.

Das Eröffnungskomitee zieht mit einer Fächerpolonaise ein. Getanzt wird zu „An der schönen blauen Donau“, ein Walzer von Johann Strauss Sohn. Dass die Choreografie perfekt sitzt, dafür ist wieder die Tanzschule Santner verantwortlich.

Als Damenspende wird eine „Lash Idôle Mascara“ von „Lancôme“ sowie ein Parfüm von „Zielinski & Rozen“ überreicht. „Insgesamt werden 220 Debütantinnen- und 3.200 Damen-Spenden vorbereitet“, weiß Kanduth. Als Herrenspende werden Espressotassen gereicht.

Rainer Trefelik und seine Damen, erzählt er, „sind hier nie privat, sondern kommen immer nur zum Arbeiten her. Aber es ist schön, wenn jemand geschniegelt wieder hinausgeht und die Ballnacht genießen kann. Der Opernball ist der Höhepunkt des Wiener Faschings und ein Aushängeschild der Ballkultur in unserem Land. Darauf sollten wir stolz sein.“ Dann greift er zur Nadel
und draußen erklingt der nächste Walzer.
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