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Ausgabe Nr. 07/2026 vom 11.02.2026, Fotos: APA-Images / APA / ROLAND SCHLAGERTradition verhindert nicht immer den FrauenvormarschAPA-Images, Matthias Sedlak, Benjamin Morrison
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Frauen bei den Tiroler Schützen sind Marketenderinnen.
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„La Philharmonica“, ein reines Frauenensemble.
Tradition verhindert nicht immer den Frauenvormarsch
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In Tirol haben Frauen versucht, in die alte Domäne der Männer bei den Schützen einzudringen. Bei den Wiener Philharmonikern ist ihnen das nach massivem öffentlichen Druck gelungen. Dann haben sie selbst ein Frauen-Ensemble gegründet.
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Es gibt in unserem Land hunderte von Männervereinen, ebenso gibt es hunderte von Frauenvereinen. Es ist eine gewollte Trennung der Geschlechter. Aus vielerlei Gründen. Eine davon ist die Tradition. Doch die wird immer wieder versucht zu durchbrechen.

In den vergangenen Wochen etwa in Tirol. Dort gingen die Wogen bei den Schützen hoch, weil Frauen den Anspruch gestellt haben, nicht nur als hübscher Aufputz in Form der Marketenderin mit Schnapsfass an der Hüfte daherzumarschieren, sondern wie die Männer ein altes Gewehr zu tragen.

In einer „basisdemokratischen“ Abstimmung wurde entschieden, Frauen nicht als Gewehrträgerinnen zuzulassen. Die öffentliche Debatte darüber verlief rasch entlang bekannter Linien und fokussierte sich auf die soziale Gleichstellung von Frauen. Der Ton wurde scharf und Begriffe wie „ewiggestrig“, „engstirnig“ oder „frauenfeindlich“ dominierten die Diskussion. Weniger Beachtung fand hingegen, dass es aus Sicht der Schützen um mehr ging, und zwar um historische Zusammenhänge und die Frage, wer über den Kern einer gewachsenen Tradition entscheidet.

Immerhin 359 Teilnehmer, darunter 89 Frauen, diskutierten die Chancen und Risiken einer Öffnung und erarbeiteten neun öffentlich zugängliche Thesen als Grundlage zur Abstimmung. Eine davon bezieht sich explizit auf die historischen Wurzeln des Tiroler Schützenwesens, das auf das Landlibell von Kaiser Maximilian I. zurückgeht. In dieser Urkunde wurde im Jahr 1511 festgelegt, dass die Tiroler im Ernstfall ihr Land selbst verteidigen mussten, dafür aber nicht für Kriegszüge im übrigen Habsburger-Reich herangezogen wurden. „Hier geht es also um Landesverteidigung“, erklärt Thomas Saurer, 50, Landeskommandant der Tiroler Schützen. „Wir waren damals das offizielle Heer.“ Diese Rolle lag historisch in Männerhand, während Frauen andere wichtige Funktionen ausübten. Deshalb sprachen sich 87 Prozent der Mitglieder vor diesem Hintergrund für den Erhalt des Ist-Zustandes aus.

Die mediale Entrüstung war groß, vor allem, weil in anderen Bundesländern praktiziert wird, was in Tirol unmöglich scheint. Im Nachbarland Salzburg etwa, wurde vor etwas mehr als einem Jahr offiziell beschlossen, dass Schützinnen formal zugelassen sind. „Wobei die Entscheidung nicht beim Landesverband, sondern bei den einzelnen Kompanien liegt“, erklärt Salzburgs Landeskommandant Josef Braunwieser. „Ehrlicherweise haben wir die Brisanz des Themas damit ein Stück weit umschifft. Da ging es auch um Diplomatie.“

Den Tirolern widersprechen will Braunwieser nicht. „Ich schätze die Kameraden. Die Hingabe, mit der sie die Tradition wahren, ist einzigartig. Wer kniet sich bei der Landeshymne heute noch hin?“ Und trotzdem:
„Für mich war es auch immer wichtig, Altes mit Neuem zu verbinden.“

Allerdings haben die Salzburger Schützen einen anderen geschichtlichen Hintergrund. Denn dort gibt es nicht nur Gewehr-Schützen, sondern auch Vereine wie die „Stille-Nacht-Prangerschützen Arnsdorf“, bei denen es immer um Brauchtum und nie um Landesverteidigung ging.

„Wir rücken daher vor allem bei kirchlichen Festen, aber auch bei Hochzeiten oder Beerdigungen aus“, erklärt Hauptmann Johann Maislinger. Mit dabei sind dann stets zwei Damen, die aber nicht wie die Tiroler Schützen ein Gewehr abfeuern, sondern einen Stutzen, der einen lauten Knall abgibt und auf die Salzburger Erzbischöfe zurückgeht. Sie wollten damit ein Zeichen für die Macht der Kirche setzen. Hier geht es um Vorderlader-Handböller für Brauchtumsfeiern, dort um Waffen mit historischem, militärischem Bezug.

Die Geschlechterdebatte, die in Tirol entfacht wurde, reicht jedoch viel weiter. Weil es vielerorts genug Beispiele gibt, wo Frauen in Männerdomänen eingedrungen sind. Unter anderem bei der Feuerwehr und den Jägern, aber auch Institutionen wie die Wiener Philharmoniker haben sich geöffnet – oder mussten es tun.

Immerhin war das Aushängeschild der heimischen klassischen Musik, das wiederkehrend mit dem Neujahrskonzert weltweite Aufmerksamkeit erregt, bis zum Jahr 1997 ein reines Männerorchester.

Schließlich verpflichteten sich die Philharmoniker ab diesem Zeitpunkt in einem Vertrag mit der Republik Österreich, „die absolute Chancengleichheit von Männern und Frauen im Orchester zu wahren“. Damit endete eine 150 Jahre andauernde Tradition, die Frauen von der Mitgliedschaft im Verein ausgeschlossen hat.

Es wurde massiver internationaler Druck auf die Philharmoniker ausgeübt, aus Amerika kamen sogar Boykottaufrufe einflussreicher Frauenverbände, ebenso ließen heimische Politiker, darunter der damalige Kanzler Viktor Klima, wissen, dass sie gerne Frauen im Orchester sehen würden.

Das erste offizielle weibliche Mitglied der Philharmonika wurde die Harfenistin Anna Lelkes, die zu diesem Zeitpunkt bereits 26 Jahre dem Orchester angehört hat. Der damalige Vorstand Werner Resel wollte die Öffnung nicht und trat „aus persönlichen Gründen“ zurück.

Sein Stellvertreter Clemens Hellsberg übernahm und räumte Versäumnisse bei der Aufnahme weiblicher Mitglieder ein. Er war bis ins Jahr 2014 im Amt. Derzeit sind von den 144 Mitgliedern 23, und damit 16 Prozent, weiblich, Tendenz steigend.

Eigenartig mutet freilich an, dass ausgerechnet jene Musikerinnen, die einen Platz in dem Männerorchester erobert haben, sehr wohl auf Geschlechtertrennung bestehen. Und zwar dann, wenn sie ihre eigenen Wege gehen wollen.

So etwa im Frühjahr 2024, damals haben Frauen des Orchesters mit „La Philharmonica“ ein eigenes Ensemble gegründet. Ob das nun ein Akt selbstbestimmter Ergänzung oder der Rückzug in eine neue Form der Abgrenzung ist, blieb unbeantwortet.

Denn weder von den Wiener Philharmonikern noch von „La Philharmonica“ sah sich jemand bis Redaktionsschluss in der Lage, darauf zu antworten – aus zeitlichen Gründen, wie es hieß. Was bleibt, ist ein sichtbarer Widerspruch.

Am Ende zeigt die Debatte, dass nicht jede geschlossene Tür automatisch Diskriminierung und nicht jede Öffnung zwangsläufig Fortschritt sein muss.

Für den Tiroler Landeskommandanten Thomas Saurer, der ehrenamtlich arbeitet, ist die Debatte in Tirol nun abgeschlossen.

„Wir haben abgestimmt und eine große Mehrheit hat entschieden. Das ist es, was in einer Demokratie zählt. So lange ich Landeskommandant bin, greife ich das Thema jedenfalls nicht mehr an.“ reiter
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