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Ausgabe Nr. 06/2026 vom 04.02.2026, Fotos: AdobeStock, Michael Meier
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„Jugendschutz oder Gesundheit sollte immer an oberster Stelle stehen.“

Andrea Buhl-Aigner, „Smartphone-Coach“
Kindheit statt Klicks
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Australien machte den Anfang – nun plant auch bei uns die Regierung eine Social-Media-Sperre für Kinder und Jugendliche. Schon im Sommer soll es ein Gesetz dazu geben.
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Die Gesichtserkennung wird mit einem falschen Bart ausgetrickst, das Geburtsjahr von 2012 auf 1972 geändert – Australiens Jugendliche sind erfinderisch, wenn es um das Social-Media-Verbot geht.

Aber es gelingt nicht immer. Seit fast zwei Monaten dürfen Kinder unter 16 Jahren dort keine eigenen Konten mehr auf sozialen Netzwerken haben. Millionen Konten wurden seither gelöscht.

Manche Eltern atmen auf. „Heute in der Früh fragte mein Sohn: Willst du etwas mit mir nach der Schule machen?“, berichtete eine Mutter einer Zeitung nach Inkrafttreten des Verbotes. „Normalerweise wäre er mit seinem Handy beschäftigt und würde sich geisttötende Videos ansehen.“ Mehr Kindheit also, statt Klicks auf sozialen Plattformen. Andere fürchteten hingegen, dass die Kinder ihre sozialen Kontakte verlieren könnten.

Der australische Premier Anthony Albanese zieht jedenfalls zufrieden Bilanz. „Es funktioniert und findet mittlerweile weltweit Nachahmer“, freut er sich. „Das ist etwas, worauf Australien stolz sein kann.“

Auch bei uns will die Dreier-Koalition dem Vorbild Australiens nacheifern. Geht es nach der Regierung, soll schon zu Beginn des neuen Schuljahres ein Verbot der sozialen Medien für Kinder in Kraft treten, das Alter ist unklar. Applaus dafür gibt es auch von Experten. „Es ist höchste Zeit, dass in diesem Bereich etwas getan wird“, sagt Andrea Buhl-Aigner, die als „Smartphone-Coach“ mehrmals pro Woche in Schulen ist und Lehrkräfte, Jugendliche, aber auch Eltern berät. Ein Verbot alleine löst die Probleme mit sozialen Netzwerken zwar nicht. Aber es sei „ein wichtiger Schritt, um Position zu beziehen und um auch die Verantwortung in die Richtung zu schieben, wo sie eigentlich hingehört.“

Die liege momentan „bei den Eltern und während der Schulzeit bei den Lehrkräften. Aber die Plattformbetreiber sind ausgenommen“, weiß die Expertin. „Meine Vermutung ist, dass die Konzerne erst den Zugang für Kinder und Jugendliche regulieren, wenn man sie dazu zwingt. Denn dass junge Menschen soziale Netzwerke stark verwenden, ist einfach viel Geld wert. Jugendliche klicken viel, sie teilen viel, sie konsumieren viele Stunden.“

Was sie auf sozialen Medien teils zu sehen bekommen, kann gefährlich sein. „Ich glaube, viele Menschen wissen nicht, welche Inhalte auf Social Media unterwegs sind“, stellt Andra Buhl-Aigner fest. „Die Kinder sehen Videos von Autounfällen, von Enthauptungen, von Schussverletzungen, Tierquälerei. Es gibt auch gewalttätiges Material, das jetzt mit Künstlicher Intelligenz produziert wird. Es gibt sexualisiertes Material, auch wenn es nicht pornografisch ist. Viele Pornoplattformen machen zudem Werbung in sozialen Netzwerken, um Menschen auf andere Plattformen zu holen.“ Auch Islamisten oder Rechtsradikale nutzen immer wieder soziale Medien, um Anhänger zu rekrutieren.

Aber es gibt auch Kritiker von generellen Verboten. „Die junge Generation hat ein Recht darauf, an der digitalen Welt teilzuhaben. Die grauenvollen chinesischen und
US-amerikanischen Plattformen repräsentieren ja nicht das ganze Internet. Kinder und Jugendliche müssen klug geschützt werden“, sagt Jan Autrieth, Sprecher der Datenschutzorganisation „epicenter.works“ und es sollte „nicht einfach alles pauschal verboten werden“.

Die meisten Social-Media-Plattformen seien „nicht nur für Kinder gefährlich und müssen an die Kandare genommen werden“, ist Jan Autrieth überzeugt. „Die Gesetze dafür existieren bereits, nur fehlt der Wille, sie zu exekutieren.“

„Jugendschutz oder Gesundheit sollte immer an oberster Stelle stehen bei Entscheidungen“, sagt die Expertin Buhl-Aigner. „Ich verstehe teilweise die Diskussion um die Teilhabe an den Medien. Aber dann müssen wir die Medien halt dazu zwingen, dass sie kindersicher werden. Wir geben derzeit jungen Menschen Zugang zu Netzwerken, durch die sie mitunter großen Schaden nehmen.“

Die Jugendlichen selbst haben beim Verbot der sozialen Medien oft zwiespältige Gefühle. Das bestätigt eine 17jährige Wiener Schülerin. „Wenn ich zurückdenke – als Zwölf- oder 13jährige hätte ich ein Verbot ganz furchtbar gefunden, als persönliche Einschränkung und Beschneidung meiner Möglichkeit der Meinungsäußerung“, erzählt sie. „Aus meiner jetzigen Perspektive halte ich ein solches Verbot bis 14 Jahre für gut. Radikalisierung oder das Schikanieren von anderen in sozialen Netzwerken sind einfach ein Thema. Ein Verbot bis 16 wäre aber zu lang, immerhin dürfen wir dann schon wählen.“

Wer soziale Medien nutzt, weiß – statt nur ein kurzes Video anzuschauen, ist plötzlich eine halbe Stunde vor dem Bildschirm vergangen. „Ich spreche in meinen Workshops meistens von Casino-Mechanismen, weil wir tatsächlich in manchen Netzwerken einen Aufbau und eine Gestaltung sehen, die an Glücksspielumgebungen erinnern“, erklärt „Smartphone-Coach“ Buhl-Aigner.

„Es wird stark mit Belohnungsmechanismen gearbeitet. Und mit einem Produktdesign, das die Dopaminausschüttung im Körper fördert. Das ist ein Stoff, der im Gehirn wirksam ist und von dem man auch immer mehr möchte, wenn man einmal eine gewisse Menge hat und sich daran gewöhnt.“

Die neueste Studie der Inititiative „Saferinternet.at“ zeigt einen deutlichen Rückgang der Nutzung der sozialen Medien bei Jugendlichen. Gleichzeitig nimmt die Beliebtheit von KI-Programmen wie ChatGPT enorm zu. Schon 94 Prozent der elf bis 17jährigen greifen darauf zurück, was den Rückgang bei sozialen Medien teilweise erklären dürfte.

Dazu kommt aber auch eine gewisse Übersättigung sowie Kritik. „Als besonders störend empfunden werden die große Menge an Werbung und die ähnlichen Inhalte auf den verschiedenen Plattformen. Auch belastende Inhalte und Hasskommentare machen soziale Netzwerke für viele Jugendliche unattraktiv“, heißt es bei „Saferinternet.at“.

Wie hierzulande das Gesetz für ein Verbot sozialer Medien aussehen soll, ist unklar. Jan Autrieth von der Datenschutzorganisation „epicenter.works“ stellt jedenfalls fest, „selbst mit wenig IT-Wissen umgehen Jugendliche Sperren leicht.“ Die Erfahrungen aus anderen Ländern hätten gezeigt: „Verbote führen oft nur dazu, dass Jugendliche auf andere, teils sehr unsichere Wege ausweichen.“ Der Zugang könne nur über die Endgeräte selber bewerkstelligt werden. „Dann haben Eltern auch eine gute Möglichkeit, um einzugreifen.“


Die Altersgrenzen

Australien:

Seit Dezember dürfen Kinder, die noch nicht 16 sind, keine eigenen Konten sozialer Medien mehr haben. Zehn Plattformen sind betroffen. Sie müssen das Alter selbst kontrollieren, bei Verstößen drohen hohe Geldstrafen bis zu 29 Millionen Euro.

Frankreich:
Ab Herbst könnte es dort ein Social-Media-Verbot für unter 15jährige geben. Dem muss aber noch die zweite Parlaments-Kammer zustimmen. Welche Plattformen verboten werden und die technische Umsetzung sind nicht klar.

Dänemark:
Schon ab Mitte des Jahres könnte es ein Verbot für alle, die jünger als 15 Jahre sind, geben. Erste Pläne sehen das Recht der Eltern vor, den Kindern den Zugang schon ab 13 Jahren zu erlauben.

Griechenland:
Jugendliche unter 15 Jahren dürfen nur mit Zustimmung der Eltern auf soziale Netzwerke zugreifen. Es gibt keine generelle Sperre, sondern eine „App“ der Regierung, mit der Eltern die Nutzung verwalten und überwachen können.
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