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Ausgabe Nr. 05/2026 vom 28.01.2026, Fotos: AdobeStock, zvg, APA-Images
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Die Magie der Glaskugel
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Der englische Gelehrte John Dee (1527 bis 1608).
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Anna Mertens
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Lilo von Kiesenwetter
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Hildegard von Bingen (1098–1179)
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Grigori Rasputin (1869–1916)
Im Bann der Wahrsager, Serie - Teil 4: Die Magie der Glaskugel
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Die Glaskugel gilt bis heute als das bekannteste Symbol der Wahrsagerei. Kaum ein anderes Objekt steht so sehr für den Versuch, einen Blick hinter den Schleier der Zukunft zu werfen.
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Wer in eine Glaskugel schaut, sieht zunächst – nichts. Genau darin liegt ihr Versprechen. Denn erst, wenn sich der Blick löst und der Verstand zur Ruhe kommt, beginnt etwas zu erscheinen. Erst Nebel, dann Farben, schließlich flüchtige Bilder.

Die Wahrsagerei mit der Glaskugel gehört zur sogenannten Skryomantie, der Kunst des „Schauens“. Anders als beim Kartenlegen oder in der Astrologie geht es nicht um Zeichen, die gedeutet werden müssen. Es geht um Visionen, die sich aus einem meditativen Zustand heraus zeigen. Die Kugel wird dabei nicht zum Orakel, sondern zum Spiegel für Bilder, die aus der Tiefe des Bewusstseins aufsteigen.

Das Kristallsehen ist älter als die Glaskugel selbst. Seine Wurzeln reichen bis in die Antike zurück. Schon im alten Mesopotamien, in Ägypten und bei den Griechen nutzten Seher spiegelnde Oberflächen, um Visionen zu empfangen. Dazu gehörten Wasserbecken, polierte Metalle, Obsidian – ein tiefschwarzes vulkanisches Glas – oder Kristalle. Der Blick in eine reflektierende Fläche sollte den rationalen Verstand beruhigen und das Unterbewusstsein öffnen. Die Glaskugel aus geschliffenem Bergkristall oder später aus Glas setzte sich erst im frühen Mittelalter durch, als sich Glasherstellung und Kristallschliff verbreiteten.

Einer der frühesten namentlich bekannten Anwender der Glaskugel war der englische Gelehrte John Dee (1527 bis 1608). Er war Hofastrologe von Königin Elisabeth I. und verband Mathematik, Astronomie und Okkultismus. Dee arbeitete mit einer polierten Kristallkugel aus Obsidian, durch die er angeblich Engelsbotschaften empfing. Für Dee war die Glaskugel ein Instrument zur Erkenntnis höherer Ordnungen.

Daneben nutzten keltische Druiden, später fahrende Wahrsagerinnen in Europa, Kristallkugeln. Vor allem im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Glaskugel fester Bestandteil der populären Wahrsagerei – nicht zuletzt in Zirkeln, Salons und auf Jahrmärkten.

Entgegen landläufiger Vorstellungen „zeigt“ die Glaskugel keine fertigen Bilder. Sie dient als Projektionsfläche für innere Wahrnehmungen.

„Der Ablauf ist meist ähnlich“, schreibt Mari Silva, Autorin mehrerer Bücher über Glaskugelmagie und spirituelle Praxis. „Die Wahrsagerin oder der Wahrsager versetzt sich in einen ruhigen, tranceähnlichen Zustand. Der Blick wird weich und verliert seinen Fokus, oft über mehrere Minuten. Gedanken beruhigen sich, äußere Reize treten in den Hintergrund. Aus dem Unterbewusstsein steigen Bilder, Symbole, Szenen oder Gefühle auf.“

Psychologisch betrachtet ähnelt dieser Zustand einer leichten Hypnose oder einer tiefen Meditation. Spirituelle Schulen hingegen gehen davon aus, dass sich in diesem Moment eine Verbindung zu höheren Ebenen,
kollektiven Feldern oder dem Schicksal öffnet.
Entscheidend ist dabei:

Die Kugel selbst ist nicht magisch. Sie ist ein Werkzeug der Fokussierung. Ihre glatte, klare Oberfläche verhindert Ablenkung und fördert dadurch das innere Sehen. Auch heute wird die Glaskugel für persönliche Beratungen genutzt. Etwa von Lilo von Kiesenwetter, einer der bekanntesten deutschen Wahrsagerinnen. Geboren 1954 in Bonn, entdeckte sie nach eigenen Angaben schon in jungen Jahren ihre hellseherischen Fähigkeiten. Ein begonnenes Psychologiestudium brach sie später ab, um sich ganz ihrer spirituellen Arbeit zu widmen.

Sie lebt in Siegburg, wenige Kilometer von Bonn entfernt, und betreibt dort eine Praxis, in der sie ihre Klientinnen und Klienten aus unterschiedlichsten Bereichen des Lebens berät. Das können persönliche Anliegen ebenso sein wie berufliche oder partnerschaftliche.

In ihren Sitzungen verbindet von Kiesenwetter Kristallsehen, Intuition und eine starke Konzentration auf den Moment. Nach ihrem eigenen Verständnis genüge oft ein Blick in die Augen oder auf eine Person, um innere Bilder, Stimmungen und mögliche Entwicklungen wahrzunehmen. „Alles ist vorherbestimmt, der Mensch hat keine Wahl“, ist sie überzeugt. Eine Stunde Beratung kostet 250 Euro. Daneben tritt die 71jährige regelmäßig bei öffentlichen Veranstaltungen auf – in Einkaufszentren, auf Messen oder bei Stadtfesten –, wo sie Kurzberatungen anbietet. Dort sind es wenige Minuten, die über große Veränderungen entscheiden sollen.

Ähnlich erging es Anna Mertens, 34, als sie vor einem Jahr bei einem Einkaufsbummel in der Schweiz vor einer Entscheidung stand, die ihr später mehrere zehntausend Euro ersparen können.

„In der Mitte der Halle gab es ein Zelt, davor eine kleine Menschentraube“, erzählt die Kärntnerin. „Drinnen saß Lilo von Kiesenwetter mit einer Kristallkugel vor sich.“ Mertens hatte seit Wochen eine Eigentumswohnung in guter Lage im Auge, scheinbar ein Glücksgriff. Und doch zögerte sie.

„Mein Gefühl sagte eher nein“, erinnert sie sich. „Aber ich konnte es nicht begründen.“ Als sie von Kiesenwetter gegenübersaß, stellte sie nur eine Frage: „Soll ich diese Wohnung kaufen?“ Die Wahrsagerin sah ihr kurz in die Augen, dann senkte sie den Blick auf die Kristallkugel. Es dauerte nur wenige Sekunden. Dann schüttelte sie den Kopf.

„Auf keinen Fall“, sagte sie. „Mit dieser Wohnung ist etwas nicht in Ordnung. Lassen Sie die Finger davon.“ Es gab keine Details, keine Erklärung, nur diesen Satz. Mertens verließ das Zelt verunsichert, aber auch erleichtert. Sie sagte den Kauf ab. Einige Wochen später erfuhr sie zufällig, dass bei Sanierungsarbeiten am Gebäude ein massiver Schaden entdeckt wurde.

Hinter einer Trockenwand hatte sich Schimmel gebildet. Ein gesundheitsgefährdender Zustand.

Die Sanierungskosten gingen in die Zehntausende, mehrere Käufer sprangen ab. „Ich war im Nachhinein einfach nur dankbar“, sagt Mertens heute. „Ob das Hellsehen war oder Zufall, weiß ich nicht.
Aber ich bin froh, dass ich damals auf mein Bauchgefühl gehört habe. Und auf diesen einen Satz.“


Übersinnlichkeit lässt sich trainieren:

Nicht jeder Mensch glaubt ans Hellsehen,
doch viele spirituelle Schulen und auch psychologische Ansätze gehen davon aus, dass Intuition, innere
Wahrnehmung und Bildvorstellung trainierbar sind.


Wer sich der eigenen Wahrnehmung annähern möchte, braucht dafür weder eine Glaskugel noch eine
besondere Begabung. Entscheidend sind Ruhe,
Aufmerksamkeit und Übung.


Lernen Sie, still zu werden

Übersinnliche Wahrnehmung beginnt nicht mit Bildern, sondern mit Stille. Setzen Sie sich regelmäßig für einige Minuten an einen ruhigen Ort, ohne Mobiltelefon, ohne Ablenkung. Beobachten Sie Ihren Atem, ohne ihn
zu verändern. Das Ziel ist nicht Entspannung, sondern Wahrnehmung ohne Bewertung.

Schärfen Sie Ihren „weichen Blick“

Starren Sie nicht, sondern lassen Sie den Blick ruhen –
etwa auf eine Kerzenflamme, einer schlichten Oberfläche oder einer Glaskugel. Der Fokus darf unscharf werden.
Viele berichten, dass sich in diesem Zustand Farben, Bewegungen oder innere Bilder zeigen. Entscheidend ist, nichts zu erzwingen.

Vertrauen Sie ersten Eindrücken

Intuition zeigt sich oft leise und flüchtig – als Gefühl,
Gedanke oder Bild. Notieren Sie solche Eindrücke kurz, ohne sie sofort zu analysieren. Im Nachhinein lassen sich Muster erkennen. Übersinnlichkeit wächst durch Beachtung, nicht durch Zweifel.

Arbeiten Sie mit inneren Bildern

Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich einfache Szenen vor: einen Raum, einen Weg, eine Tür. Achten Sie darauf, was spontan auftaucht.
Diese Übung fördert die Fähigkeit, innere Bilder
wahrzunehmen. Das ist eine Grundlage für jede Form des „Sehens“.

Üben Sie Achtsamkeit im Alltag

Intuition ist kein Ausnahmezustand. Wer lernt, im Alltag genauer auf Stimmungen, Körpersignale oder atmosphärische Veränderungen zu hören, schult seine Wahrnehmung ganz nebenbei.
Viele Hellsehende beschreiben ihre Fähigkeit nicht als Gabe, sondern als erlernte Aufmerksamkeit.

Bleiben Sie kritisch

Übersinnliche Übungen ersetzen weder rationales Denken noch Verantwortung. Gefühle und Eindrücke
können täuschen. Seriöse spirituelle Praxis schließt
Zweifel ein. Oder anders gesagt: Intuition ergänzt
den Verstand – sie ersetzt ihn nicht.

Die größten Wahrsager:

Grigori Rasputin (1869–1916)


Er kam aus einem sibirischen Dorf und wurde zur unheimlichsten Figur am Hof der letzten russischen Zaren. Grigori Rasputin war weder Gelehrter noch offizieller Geistlicher. Und doch glaubten Zar Nikolaus II. und vor allem Zarin Alexandra fest daran, dass dieser Mann Dinge sehen konnte, die anderen verborgen blieben.

Der Grund war ihr Sohn Alexej, der an der unheilbaren Bluterkrankheit Hämophilie litt. Immer wieder schien Rasputin der Einzige zu sein, dem es gelang, die lebensgefährlichen Blutungen zu stoppen. Für die Zarin war das ein Zeichen: Rasputin galt fortan als Werkzeug einer höheren Macht.

Er begann, Warnungen auszusprechen und sprach von Unheil und Zerfall. Seine Worte machten ihn zur Hassfigur des Adels. Besonders berüchtigt wurde eine Prophezeiung, die ihm kurz vor seinem Tod zugeschrieben wird: Werde er von einfachen Leuten getötet, bleibe das Zarenreich bestehen, werde er jedoch von Adeligen ermordet, sei das Ende der Dynastie nah.

Im Jahr 1916 wurde Rasputin von adeligen Verschwörern getötet, wenige Monate später brach die Russische Revolution aus. Rasputin blieb als Symbol einer dunklen, bedrohlichen Form der Weissagung zurück – einer, der Macht beeinflusst und Systeme ins Wanken bringt.

Hildegard von Bingen (1098–1179)

Sie nannte es keine Prophezeiung, sondern „Schauung“. Hildegard von Bingen war eine deutsche Äbtissin und Mystikerin sowie eine der einflussreichsten Seherinnen des Mittelalters. Bereits als Kind berichtete sie von Lichtvisionen, die sie nicht mit den Augen, sondern
„mit dem inneren Sinn“ wahrnahm.

Erst im reifen Alter begann sie, ihre Visionen niederzuschreiben. Neben ihren „Schauungen“ galt von Bingen auch als erfahrene Naturheilkundlerin, die sich
mit Heilpflanzen, Ernährung und Lebensführung beschäftigte.

Sie verstand Krankheit nicht nur als körperliches Leiden, sondern als Störung des inneren Gleichgewichtes von Körper, Geist und Seele.

In ihren Schriften beschrieb sie eine Welt im Ungleichgewicht und warnte vor moralischem Verfall sowie geistiger Orientierungslosigkeit. Päpste und Kaiser suchten ihren Rat, selbst Kaiser Friedrich Barbarossa wurde von ihr öffentlich ermahnt.

Hildegard trat nie als klassische Wahrsagerin auf – und doch galten ihre Visionen als zeitlose Hinweise auf wiederkehrende Muster menschlicher Geschichte. Ihre Texte wurden über Jahrhunderte hinweg abgeschrieben
und prägten das religiöse Denken weit über ihre Zeit hinaus.
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