Gefangen in sozialen Medien
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Eine Woche lang ohne soziale Medien auszukommen, ist für Jugendliche kaum vorstellbar. Eine aktuelle Untersuchung belegt sogar, wie groß die Abhängigkeit der Jugend bereits ist und wie sehr sie dadurch unter Stress steht.
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Kein Instagram in der Früh. Kein TikTok zwischendurch. Kein Snapchat vor dem Einschlafen. Für knapp 300 junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahren wurde genau das für eine ganze Woche zur Realität. Sie verzichteten für eine Studie auf die sozialen Medien.
Was folgte, überraschte selbst die Forscher. Nach den sieben Tagen ging es den meisten Teilnehmern deutlich besser. Angstsymptome sanken um 16 Prozent, depressive Gefühle sogar um fast ein Viertel. Auch Schlafprobleme nahmen spürbar ab. Aus zuvor zwei Stunden täglicher Internetzeit wurde nach dem Experiment im Schnitt eine halbe Stunde.
Die Studie des Harvard-Psychiaters John Torous (USA) zeigte etwas Erstaunliches: Schon eine kurze Pause vom digitalen Dauerfeuer kann das seelische Gleichgewicht merklich verschieben. Wer soziale Medien als Belastung erlebte, profitierte besonders stark vom Rückzug. Oder anders gesagt, nicht der Bildschirm macht krank, sondern das Gefühl, ihn nicht mehr kontrollieren zu können.
Der Jugendpsychologe Lukas Brandner kennt dieses Gefühl aus seiner Praxis nur zu gut. „Viele junge Menschen sagen mir: ,Ich will eigentlich weniger online sein, aber ich schaffe es nicht. Es fühlt sich an, als würde mich mein eigenes Handy jagen‘“, erzählt er. „Die Studie aus den USA bestätigt genau das. Sobald dieser innere Druck weg ist, kann sich das Nervensystem endlich beruhigen.“
Brandner beschreibt es wie ein inneres Dauerrauschen. Immer könnte etwas passieren, könnte man etwas verpassen. Immer wartet irgendwo eine Nachricht, ein Bild, ein Kommentar. „Das Gehirn kommt nie zur Ruhe. Wer dieses Dauerfeuer abstellt, wird etwas Faszinierendes erkennen. Die Gedanken werden leiser.“
Auch hierzulande ist das Mobiltelefon für junge Menschen längst mehr als ein Gerät. Es ist ihr Freundeskreis, ihr Nachrichtenkanal, ihr Tagebuch, ihr Spiegel. Wer bei uns heute 14, 15 oder 18 Jahre ist, organisiert sein Leben über Chats, Storys und Gruppen. Das Abschalten fühlt sich an wie sozialer Selbstmord.
„Jugendliche haben Angst, aus der Gruppe zu fallen, wenn sie nicht online sind“, sagt Brandner. „Das ist kein Luxusproblem. Zugehörigkeit ist in diesem Alter existenziell.“ Gleichzeitig berichten immer mehr junge Menschen von Müdigkeit, innerer Unruhe, Schlafproblemen und dem Gefühl, ständig zu kurz zu kommen – egal, wie viel sie leisten oder posten.
„In Gesprächen“, erklärt der Psychologe, „taucht immer wieder dieselbe Frage auf: Warum bin ich erschöpft, obwohl ich doch nur am Handy war?“ Die Harvard-Studie liefert eine klare Antwort. Es ist nicht das Handy allein. Es ist der mentale Druck, den es erzeugt, der ständige Vergleich, die ständige Verfügbarkeit, das Gefühl, nie offline sein zu dürfen.
Eine aktuelle heimische Jugendstudie zeigt, wie selbstverständlich diese digitale Vernetzung geworden ist. Rund neun von zehn der Elf- bis 17jährigen nutzen WhatsApp, etwa acht von zehn YouTube, rund sieben von zehn Snapchat, ebensoviele Instagram und TikTok.
Rechtlich dürfen Jugendliche hierzulande ab 14 Jahren selbst in die Nutzung solcher Dienste einwilligen, darunter ist die Zustimmung der Eltern nötig. Das ist eine Datenschutzregel. In der Praxis sind Kinder meist früher online und kaum jemand kontrolliert das konsequent.
Andere Länder gehen inzwischen deutlich weiter. So hat Australien als erstes Land kürzlich ein gesetzliches Mindestalter von 16 Jahren für soziale Medien eingeführt. Plattformen müssen dort aktiv verhindern, dass Jüngere eigene Konten betreiben. Malaysia und Dänemark planen ähnliche Schritte. morri
Fällt es dir schwer, aufs Handy zu verzichten?
„Mein Tag ist mit dem Handy durchgetaktet“
Flora Joham, 18, Schülerin
Seit ich mit zwölf Jahren mein erstes Smartphone bekommen habe, kann ich mir ein Leben ohne Handy nicht mehr vorstellen. Mein Alltag ist komplett vom Bildschirm durchgetaktet. In der Früh liege ich noch im Bett und kontrolliere zuerst WhatsApp und Instagram, damit ich weiß, was über Nacht passiert ist.
Mittags, wenn ich in der Pause sitze oder etwas esse, arbeite ich mich durch TikTok und Instagram. Alles dreht sich darum, wie man wirkt, wie man rüberkommt, wie viele Likes man bekommt. Am Abend liege ich wieder mit dem Mobiltelefon im Bett und plane meine nächsten Beiträge. Mein Traum ist es, Instagram-,Star‘ zu werden.
Für mich ist das die einfachste Art, später einmal Geld zu verdienen – mit Fotos, Videos und Kooperationen.“
„Ich kann jetzt mein Handy leichter weglegen“
Stefan Koschier, 22, Student
Ich musste an meiner Handynutzung etwas ändern, weil ich massive Schlafprobleme hatte. Ich war sogar beim Arzt, weil ich kaum noch durchgeschlafen habe und ständig müde war.
Er hat mir geraten, meine Zeit in sozialen Medien deutlich zu reduzieren und wieder mehr in der Natur zu sein – spazieren gehen, raus aus der Wohnung, weg vom Bildschirm. Davor war ich oft vier, manchmal sogar fünf Stunden am Tag am Handy.
Vor allem abends im Bett habe ich mir YouTube-Videos bis weit nach Mitternacht angesehen. Jetzt lege ich auf jeden Fall leichter mein Handy abends konsequent weg, weil ich erholter aufwache und mich im Studium viel besser auf Vorlesungen einlassen kann.“
„Es fühlt sich unmöglich an, auf mein Handy zu verzichten“
Leon Hartung, 18, Schüler
Mir fällt es nicht nur schwer, auf mein Handy zu verzichten – für mich fühlt es sich ehrlich gesagt unmöglich an. Nach dem Aufwachen überprüfe ich zunächst, ob ich Nachrichten per WhatsApp bekommen habe, und TikTok läuft bei mir jeden Tag, oft länger, als ich vorhatte.
In der Schule habe ich das Mobiltelefon ständig in der Hosentasche, und sobald es vibriert, muss ich draufschauen. Sogar am Klo. Einmal ist mir eine
Verabredung geplatzt, weil ich die ganze Zeit Nachrichten beantwortet habe – das Mädchen ist
einfach gegangen.
Ich habe erst später gemerkt, wie sehr mich das Display vom echten Moment wegzieht. Aber trotzdem: Ohne mein Handy fühle ich mich, als wäre ich von der Welt abgeschnitten.“
„Wenn ich unterwegs bin, schaue ich nicht aufs Handy“
Mila Haberz, 19, angehende Umwelttechnikerin
Ich gehöre zu den sogenannten Dumbphone-Nutzern, das sind Menschen, die bewusst auf einfache Tastenhandys zurückgreifen, um Abstand von Smartphones zu bekommen. Für mich fühlt sich das unglaublich befreiend an.
Es gibt keine Dauerbenachrichtigungen und keine ständige Ablenkung. Das alte Mobiltelefon habe ich von meinem Vater bekommen, es funktioniert noch perfekt – warum also wegwerfen? Ich lebe ziemlich bewusst: Ich kaufe fast nur Secondhand-Kleidung, fahre viel mit
dem Rad und versuche, möglichst wenig Müll zu produzieren. Für mich passt dieses einfache Handy gut.
Es zwingt mich, im Moment zu sein. Wenn ich unterwegs bin, schaue ich nicht auf einen Bildschirm, sondern auf die Welt.“
Was folgte, überraschte selbst die Forscher. Nach den sieben Tagen ging es den meisten Teilnehmern deutlich besser. Angstsymptome sanken um 16 Prozent, depressive Gefühle sogar um fast ein Viertel. Auch Schlafprobleme nahmen spürbar ab. Aus zuvor zwei Stunden täglicher Internetzeit wurde nach dem Experiment im Schnitt eine halbe Stunde.
Die Studie des Harvard-Psychiaters John Torous (USA) zeigte etwas Erstaunliches: Schon eine kurze Pause vom digitalen Dauerfeuer kann das seelische Gleichgewicht merklich verschieben. Wer soziale Medien als Belastung erlebte, profitierte besonders stark vom Rückzug. Oder anders gesagt, nicht der Bildschirm macht krank, sondern das Gefühl, ihn nicht mehr kontrollieren zu können.
Der Jugendpsychologe Lukas Brandner kennt dieses Gefühl aus seiner Praxis nur zu gut. „Viele junge Menschen sagen mir: ,Ich will eigentlich weniger online sein, aber ich schaffe es nicht. Es fühlt sich an, als würde mich mein eigenes Handy jagen‘“, erzählt er. „Die Studie aus den USA bestätigt genau das. Sobald dieser innere Druck weg ist, kann sich das Nervensystem endlich beruhigen.“
Brandner beschreibt es wie ein inneres Dauerrauschen. Immer könnte etwas passieren, könnte man etwas verpassen. Immer wartet irgendwo eine Nachricht, ein Bild, ein Kommentar. „Das Gehirn kommt nie zur Ruhe. Wer dieses Dauerfeuer abstellt, wird etwas Faszinierendes erkennen. Die Gedanken werden leiser.“
Auch hierzulande ist das Mobiltelefon für junge Menschen längst mehr als ein Gerät. Es ist ihr Freundeskreis, ihr Nachrichtenkanal, ihr Tagebuch, ihr Spiegel. Wer bei uns heute 14, 15 oder 18 Jahre ist, organisiert sein Leben über Chats, Storys und Gruppen. Das Abschalten fühlt sich an wie sozialer Selbstmord.
„Jugendliche haben Angst, aus der Gruppe zu fallen, wenn sie nicht online sind“, sagt Brandner. „Das ist kein Luxusproblem. Zugehörigkeit ist in diesem Alter existenziell.“ Gleichzeitig berichten immer mehr junge Menschen von Müdigkeit, innerer Unruhe, Schlafproblemen und dem Gefühl, ständig zu kurz zu kommen – egal, wie viel sie leisten oder posten.
„In Gesprächen“, erklärt der Psychologe, „taucht immer wieder dieselbe Frage auf: Warum bin ich erschöpft, obwohl ich doch nur am Handy war?“ Die Harvard-Studie liefert eine klare Antwort. Es ist nicht das Handy allein. Es ist der mentale Druck, den es erzeugt, der ständige Vergleich, die ständige Verfügbarkeit, das Gefühl, nie offline sein zu dürfen.
Eine aktuelle heimische Jugendstudie zeigt, wie selbstverständlich diese digitale Vernetzung geworden ist. Rund neun von zehn der Elf- bis 17jährigen nutzen WhatsApp, etwa acht von zehn YouTube, rund sieben von zehn Snapchat, ebensoviele Instagram und TikTok.
Rechtlich dürfen Jugendliche hierzulande ab 14 Jahren selbst in die Nutzung solcher Dienste einwilligen, darunter ist die Zustimmung der Eltern nötig. Das ist eine Datenschutzregel. In der Praxis sind Kinder meist früher online und kaum jemand kontrolliert das konsequent.
Andere Länder gehen inzwischen deutlich weiter. So hat Australien als erstes Land kürzlich ein gesetzliches Mindestalter von 16 Jahren für soziale Medien eingeführt. Plattformen müssen dort aktiv verhindern, dass Jüngere eigene Konten betreiben. Malaysia und Dänemark planen ähnliche Schritte. morri
Fällt es dir schwer, aufs Handy zu verzichten?
„Mein Tag ist mit dem Handy durchgetaktet“
Flora Joham, 18, Schülerin
Seit ich mit zwölf Jahren mein erstes Smartphone bekommen habe, kann ich mir ein Leben ohne Handy nicht mehr vorstellen. Mein Alltag ist komplett vom Bildschirm durchgetaktet. In der Früh liege ich noch im Bett und kontrolliere zuerst WhatsApp und Instagram, damit ich weiß, was über Nacht passiert ist.
Mittags, wenn ich in der Pause sitze oder etwas esse, arbeite ich mich durch TikTok und Instagram. Alles dreht sich darum, wie man wirkt, wie man rüberkommt, wie viele Likes man bekommt. Am Abend liege ich wieder mit dem Mobiltelefon im Bett und plane meine nächsten Beiträge. Mein Traum ist es, Instagram-,Star‘ zu werden.
Für mich ist das die einfachste Art, später einmal Geld zu verdienen – mit Fotos, Videos und Kooperationen.“
„Ich kann jetzt mein Handy leichter weglegen“
Stefan Koschier, 22, Student
Ich musste an meiner Handynutzung etwas ändern, weil ich massive Schlafprobleme hatte. Ich war sogar beim Arzt, weil ich kaum noch durchgeschlafen habe und ständig müde war.
Er hat mir geraten, meine Zeit in sozialen Medien deutlich zu reduzieren und wieder mehr in der Natur zu sein – spazieren gehen, raus aus der Wohnung, weg vom Bildschirm. Davor war ich oft vier, manchmal sogar fünf Stunden am Tag am Handy.
Vor allem abends im Bett habe ich mir YouTube-Videos bis weit nach Mitternacht angesehen. Jetzt lege ich auf jeden Fall leichter mein Handy abends konsequent weg, weil ich erholter aufwache und mich im Studium viel besser auf Vorlesungen einlassen kann.“
„Es fühlt sich unmöglich an, auf mein Handy zu verzichten“
Leon Hartung, 18, Schüler
Mir fällt es nicht nur schwer, auf mein Handy zu verzichten – für mich fühlt es sich ehrlich gesagt unmöglich an. Nach dem Aufwachen überprüfe ich zunächst, ob ich Nachrichten per WhatsApp bekommen habe, und TikTok läuft bei mir jeden Tag, oft länger, als ich vorhatte.
In der Schule habe ich das Mobiltelefon ständig in der Hosentasche, und sobald es vibriert, muss ich draufschauen. Sogar am Klo. Einmal ist mir eine
Verabredung geplatzt, weil ich die ganze Zeit Nachrichten beantwortet habe – das Mädchen ist
einfach gegangen.
Ich habe erst später gemerkt, wie sehr mich das Display vom echten Moment wegzieht. Aber trotzdem: Ohne mein Handy fühle ich mich, als wäre ich von der Welt abgeschnitten.“
„Wenn ich unterwegs bin, schaue ich nicht aufs Handy“
Mila Haberz, 19, angehende Umwelttechnikerin
Ich gehöre zu den sogenannten Dumbphone-Nutzern, das sind Menschen, die bewusst auf einfache Tastenhandys zurückgreifen, um Abstand von Smartphones zu bekommen. Für mich fühlt sich das unglaublich befreiend an.
Es gibt keine Dauerbenachrichtigungen und keine ständige Ablenkung. Das alte Mobiltelefon habe ich von meinem Vater bekommen, es funktioniert noch perfekt – warum also wegwerfen? Ich lebe ziemlich bewusst: Ich kaufe fast nur Secondhand-Kleidung, fahre viel mit
dem Rad und versuche, möglichst wenig Müll zu produzieren. Für mich passt dieses einfache Handy gut.
Es zwingt mich, im Moment zu sein. Wenn ich unterwegs bin, schaue ich nicht auf einen Bildschirm, sondern auf die Welt.“
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