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Ausgabe Nr. 04/2026 vom 21.01.2026, Fotos: APA-Images, facebook
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Oberst a.D. Ralph D. Thiele
Der EU fehlt es an Visionen
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Der amerikanische Präsident Donald Trump will seine „Eroberungs-Politik“ fortsetzen. Nach dem militärischen Einsatz in Venezuela und den dortigen Ölreserven streckt er seine Hände nach Grönland aus. Wieder mit einem Vorwand. Doch das könnte die NATO zerreißen.
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Die zu Dänemark gehörende Insel Grönland steht derzeit im Mittelpunkt des internationalen Geschehens. Die knapp 60.000 Einwohner sind gar nicht glücklich, dass Präsident Donald Trump sie zu amerikanischen Staatsbürgern machen möchte. Zwangsweise, wenn es sein muss, sogar mit militärischer Gewalt. Denn beim 79jährigen scheint alles möglich.

Der ehemalige deutsche Oberst Ralph D. Thiele hält ein militärisches Eingreifen für nicht wahrscheinlich. Thiele ist Experte in Fragen zur NATO, zur europäischen Sicherheit und für geopolitische Angelegenheiten. Wobei er die Notwendigkeit einer stärkeren europäischen Verteidigung betont, besonders im Hinblick auf die aktuelle Bedrohungslage und die Rolle der NATO. Thiele warnt davor, die Distanz zwischen Europa und Russland zu groß werden zu lassen. Dahingehend schlägt auch der deutsche Kanzler Friedrich Merz, der bis vor Kurzem Putin und Russland noch als Bedrohung bezeichnete, neue Töne an. Merz äußert den Wunsch nach Frieden und meint, es müsse gelingen, mit Russland einen Ausgleich zu finden.

Herr Oberst, wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass die USA Grönland militärisch besetzt?

Die erneut zunehmende strategische Bedeutung von Grönland steht außer Frage – für die USA, für Europa, für Russland und China. Es ist erfreulich, dass es die verdiente Aufmerksamkeit erhält.

Wir wissen inzwischen aus Erfahrung, dass wir bei Trump nichts ausschließen können. Allerdings sollte auch er – durchaus eigennützig – eine Reihe von bedeutsamen Fakten im Auge behalten, denn die Beziehung Grönlands zu den USA ist nicht unkompliziert. Während des Kalten Krieges haben sie dort Stützpunkte und Infrastruktur errichtet, gelegentlich ohne vorher zu fragen, und damit ein Vertrauensdefizit geschaffen, das ein halbes Jahrhundert lang Bestand hatte. In den vergangenen Jahrzehnten haben die USA bewusst daran gearbeitet, dieses Vertrauen durch Konsultationen und Transparenz wieder aufzubauen. Der diesbezüglich erreichte Fortschritt ist nicht selbstverständlich. Hinzu kommt, dass jeder offene Versuch, die Kontrolle über grönländisches Territorium oder Luft-/Seegebiete gegen den Willen Dänemarks oder Grönlands zu „übernehmen“, ein politisches Erdbeben in der NATO auslösen würde. Es würde die bisherigen US-Stationierungsvereinbarungen infrage stellen – nicht nur in Grönland. Die USA haben in NATO-Staaten dutzende Militärstützpunkte. Sie sind für ihre globalen Ambitionen auf die Zusammenarbeit mit den Verbündeten angewiesen. Deshalb halte ich eine gewaltsame Einverleibung Grönlands für praktisch ausgeschlossen. Trump blufft.

Es haben sich zwar einige europäische Staaten in einer gemeinsamen Erklärung gegen Trump gestellt, aber lässt er sich davon beeindrucken?

Europa kapriziert sich bei der Bewertung von Trump gerne auf dessen offensichtliche Schwächen und ignoriert hingegen dessen machtpolitische Ambitionen. Wenn sich nun sieben große europäische NATO-Staaten, darunter Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Polen, in einer gemeinsamen Erklärung hinter Grönland und das Königreich Dänemark stellen, dürfte das Trump kalt lassen. Wirksamer ist da schon der Hinweis, dass eine gewaltsame Einverleibung Grönlands das NATO-Bündnis und damit dessen großen Nutzen für die USA infrage stellt.

Neben der Nutzung zahlloser Militärstützpunkte bei den Partnern könnte auch der Austausch von Geheimdienstinformationen über Nacht enden. Die US-Rüstungsindustrie könnte Hunderte von Milliarden an bestehenden Verträgen verlieren. Realität ist, die USA können in der Arktis nicht alleine agieren. In anderen Teilen der Welt mag dies machbar sein, aber die Arktis zwingt aufgrund ihrer Natur, der Betriebsbedingungen und Geografie zu Kompromissen. Die Europäer müssten ihre Karten allerdings konsequent spielen und nicht nur auf Trump‘sche Manöver reagieren, sondern aktiv ihre Beziehungen zu Dänemark und Grönland sichtbar stärken.

Wäre eine „Europa-Doktrin“ (ähnlich der Monroe-Doktrin), um Amerika im Zaum zu halten, eine Lösung?

Eine Doktrin ist soviel wert, wie die Absichten und Fähigkeiten, diese Doktrin glaubhaft in die Realität umzusetzen. Anders als die EU verfügt Washington über eine klare strategische Ausrichtung. Die USA sehen sich auch künftig als die größte und erfolgreichste Nation der Weltgeschichte. Alle staatlichen Einrichtungen werden konsequent auf dieses Ziel verbindlich eingeschworen. Schon im Jahr 2014 hatte Victoria Nuland, eine hochrangige Beamtin im Außenministerium, laut hörbar und in ordinärer Sprache auf die EU gepfiffen. In Washington gibt es Verachtung für, zum Teil sogar Hass auf Europa. Mit einer eigenen Doktrin ohne glaubhafte Muskeln macht sich Europa lächerlich.

Spielt die EU weltpolitisch noch eine Rolle oder haben wir es versäumt, den politischen Supermächten USA, Russland und China etwas entgegenzusetzen?

Als lachende Dritte freuen sich Moskau und Peking über Washingtons Vorgehen, die der transatlantischen Solidarität die Vertrauensgrundlage entzieht und damit chinesische und russische Positionen gegenüber der EU stärkt. Europas mangelnde Kraft reicht nicht in den fortbestehenden und absehbaren geopolitischen Auseinandersetzungen, die mit der Kraft des Stärkeren unterlegt sind und die Stärke des Rechts nur akzeptieren, wenn es eigene Positionen rechtfertigt. Auch die wirtschaftliche Basis Europas bröckelt. Die Zeichen stehen auf Sturm und Europa hat sich unzureichend auf schlechtes Wetter vorbereitet.

Dem „Friedensprojekt“ Europäische Union fehlt es nicht nur an Visionen und Planungen für die Zeitenwende, sondern vielmehr auch an geeignetem Personal, das belastbare Vorkehrungen für eine überzeugend wehrhafte Zukunft treffen kann.

Inwieweit würde es etwas ändern, wenn die EU-Führung Ursula von der Leyen und Kaja Kallas ausgetauscht würde?

Bessere Alternativen zu diesen beiden Akteuren sind vorstellbar. Frau von der Leyen weiß alles besser, aber hilft damit der EU nur wenig. Frau Kallas weiß zu wenig. Ohnehin liegen die entscheidenden Möglichkeiten und Ressourcen der EU bei den Nationalstaaten. Doch die tun weniger als dringend erforderlich. Ihnen ist in aller Regel die eigene Außendarstellung wichtiger als das sachgerechte Handeln selbst.

Glauben Sie, dass es Europas Position stärken würde, wenn sich die Union mit Russland besserstellen würde?

Europas Distanz zu Russland darf nicht unüberbrückbar groß werden. Es gibt viele eigennützige Gründe in Sachen Prosperität und Sicherheit, warum der amerikanische Präsident die Nähe zu und die Absprache mit Putin sucht. Für die Zeit nach Putin braucht auch Europa einen Plan, wie es künftig mit Russland kooperieren will. Mit diesbezüglichen Überlegungen sollte man nicht zu spät beginnen. rz
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