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Ausgabe Nr. 03/2026 vom 14.01.2026, Fotos: Judith M. Trölß
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Hermes mit Tischlerei-Chef Mayrhofer-Seyr in
Niederösterreich.
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Das Wanderbuch dokumentiert die Stationen des Wandergesellen.
Auf der Walz
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Es ist eine alte Tradition in der modernen Welt. Der Tischlergeselle Moritz Hermes ist auf Wanderschaft. Dabei vermittelt seine Tracht, welche Ehre dahintersteckt. Und sein Ohrring erzählt von Schmerz und Tod.
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Die Walz oder umgangssprachlich Tippelei hat die Jahrhunderte überdauert. Sie wirkt sogar ein bisschen aus der Zeit gefallen. Doch sie dient den Gesellen dazu, praktische Erfahrung zu sammeln und neue Arbeits- und Lebensweisen kennenzulernen.

Trotz der modernen Arbeitswelt und veränderter Lebensbedingungen wird diese Tradition von einigen Handwerkern weitergeführt. „Natürlich ziehen wir sofort die Aufmerksamkeit auf uns, wenn wir als Wandergesellen durch die Länder streifen. Heutzutage ist das etwas Ungewöhnliches“, erzählt der 23jährige Moritz Hermes, dem Freiheit und Völkerverständigung wichtig sind. Der gelernte Tischler ist mittlerweile das dritte Jahr auf Wanderschaft. „Ich habe in einer Bar einen Wandergesellen kennengelernt und war sofort begeistert von dieser jahrhundertealten Tradition. Mein Entschluss stand bald fest. Ich gehe auf Wanderschaft“, erzählt der gebürtige Deutsche aus Hanshagen, einer kleinen Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern, nahe der Ostseeküste bei Greifswald.

Wer auf Wanderschaft gehen will, kann sich einem der Schächte anschließen oder bleibt Freireisender. „Schächte sind Handwerkervereinigungen, die sich dafür einsetzen, das Brauchtum der Walz zu pflegen und den Kontakt mit den Gesellen zu halten. Ich habe mich dem Rolandschacht angeschlossen.“ Die Vereinigung wurde 1891 in Nürnberg (D) gegründet.

Es reisen Zimmerer, Tischler, Holzbildhauer, Dachdecker, Steinmetze, Maurer, Stuckateure und Bootsbauer egal welcher Religion oder Herkunft. „Derzeit sind weltweit 500 Gesellen auf Wanderschaft, davon etwa 45 Rolandbrüder“, weiß Hermes. Jedoch kann nicht jeder einfach auf Wanderschaft gehen. „Um als Wandergeselle, auch Fremdgeschriebener oder Fremder genannt, unterwegs sein zu können, muss man ledig, kinderlos und schuldenfrei sein. Die Altersgrenze liegt bei 27 Jahren und der Gesellenbrief muss in der Tasche stecken.“ Und während der Walz darf die Region rund um den Heimatort im Umkreis von 60 Kilometer nicht betreten werden.

„Die Rolandbrüder sind in der Zeit meiner Wanderschaft meine Familie und wir sind im Herzen verwandt“, unterstreicht Moritz Hermes die intensive Verbindung seiner Vereinigung. Unverwechselbar ist diese auch in der traditionellen Kleidung der Wandergesellen ersichtlich. Jeder Wandergeselle besitzt eine maßgeschneiderte Arbeits- und eine Reisekluft. Neben der Schlaghose, dem weißen, kragenlosen Hemd, auch Staude genannt, der Zunftweste, dem Jackett und dem Hut, eine Melone, trägt Moritz Hermes die Farbe Blau seines Schachtes.

„Die Ehrbarkeit der Rolandbrüder ist ein blaues Band, das mit dem obersten Knopf der Staude festgeknöpft wird.“ An der Ehrbarkeit ist die goldene Handwerksnadel befestigt und darf von niemandem angefasst werden außer vom Träger selbst. „Wir präsentieren jeden Tag, zu jeder Stunde, unser Handwerk. Die Ehrbarkeit um dem Hals soll sauber und in Ehren getragen werden. Sie ist ein wertvoller Besitz und ein Privileg. Es ist ein besonderes Ereignis, wenn man die Ehrbarkeit nach der Probezeit in den ersten Wochen angesteckt bekommt“, erinnert sich Moritz Hermes zurück.

Dann gibt es noch den Ohrring, ein notwendiges Schmuckstück der Wandergesellen, das früher als Wertanlage diente. Sollte ein Wandergeselle auf der Walz versterben, wurde mit dem Ohrring das Begräbnis bezahlt. „Heutzutage ist dies nicht mehr zeitgerecht. Den Ohrring tragen wir freilich noch.“ Wobei das Stechen
des Ohrloches auf „Handerwerksart“ erledigt wird. „Das Ohrläppchen kommt auf die Tischkante und mit dem Nagel wird das Loch genagelt“, meint der Wandergeselle lachend und fasst sich an sein linkes Ohr, in dem der Ohrring hängt.

„Man nagelt jemanden auf ein Versprechen fest“, erklärt er die Bedeutung dieses Rituals. Das wenige an Hab und Gut, das er sonst noch mit sich führt, trägt Hermes in seinem Charlottenburger, einem Stofftuch. „Mein Badezimmer ist in der rechten Hosentasche“, sagt der 23jährige schmunzelnd, der seinen Stenz, seinen Wanderstock, zur Hand nimmt, wenn er unterwegs ist. Das ist er vor allem zu Fuß. Öffentliche Verkehrsmittel sind verpönt, auch Reisekosten gibt es nicht. „Wenn überhaupt, fahren wir per Anhalter.“

„Auf Mobiltelefone und Laptops verzichten wir ebenfalls. Es sind kleine Entbehrungen, die wir gegen unglaubliche Freiheit tauschen“, meint Hermes. Für mindestens drei Jahre und einen Tag entscheiden die Fremden – die Wandergesellen auf der Walz –, wo sie hingehen und wie lange sie an einem Ort bleiben. „Ein Neuling wird von einem anderen Wandergesellen von zu Hause abgeholt und während der ersten zwei, drei Monate in das Regelwerk der Walz eingeführt. Das macht der Exportgeselle. Er hat unter anderem die Aufgabe, auch die ungeschriebenen Regeln der Walz zu vermitteln. Dazu gehört vor allem die Ehrbarkeit, also Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Achtung vor der Ehre der Mitmenschen und Gewaltlosigkeit. Schließlich wollen die Nächsten, die auf Wanderschaft sind, die gleiche Gastfreundschaft erfahren wie die Vorgänger.“ Dokumentiert sind all die Stationen im Wanderbuch.

Moritz Hermes könnte nächstes Jahr im Oktober seine Wanderschaft beenden. „Länger auf Wanderschaft zu bleiben, ist immer möglich. Ich war bereits in Deutschland, in der Schweiz, in Norwegen, Dänemark und Schweden. Im vorigen Winter war ich in Rom und in Sizilien (Italien), den Sommer über in Elmshorn bei Hamburg (D). Wir dürfen bis zu sechs Monate an einem Ort bleiben. Meine längste Verweilzeit war viereinhalb Monate.“

In den vergangenen Wochen arbeitete er in einer Tischlerei in Niederösterreich, die erstmals einen Wandergesellen einstellte. „Wir waren überrascht, als Moritz vor unserer Tür stand und nach Arbeit fragte. Er begeisterte uns durch sein fachliches Wissen und sein Engagement der Firma gegenüber“, zeigt sich Benedikt Mayrhofer-Seyr beeindruckt.

Seine nächste Station ist Island. „Meine drei Jahre und einen Tag werde ich überschreiten. Ich habe noch einige Ziele, die ich erreichen möchte.“ Deshalb wird der 23jährige immer wieder seinen acht Kilo schweren Charlottenburger knüpfen, in dem auch sein Schlafsack verstaut ist. Wo er schlafen wird, weiß er im Vorhinein nicht. Manchmal schläft der Geselle im Betrieb, manchmal bei Gastfamilien oder in speziellen Herbergen für Wandergesellen. Es kommt auch vor, dass im Freien übernachtet wird. „Wir geben kein Geld für die Unterkunft aus und meiden Hotelzimmer“, sagt Hermes.

Wenn dann die Zeit gekommen ist, wird er von einem Rolandbruder nach Hause gebracht. Dort wird gefeiert. „Ich möchte danach meine Meisterprüfung als Tischler ablegen, kann mir aber gut vorstellen, wieder Jeans und Pullover zu tragen. Jedoch reicher an Erfahrung, Erlebnissen und Freundschaften.“ trölß
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